„Aber das ist doch gar kein Stereotyp“ – der Blick für diskriminierende Inhalte in Kinderbüchern ist anders, wenn Du betroffen bist.
Sind Kinderbücher noch zeitgemäß? Kann man mit ihnen Kinder zu toleranten, aufgeschlossenen Menschen erziehen? Und welchen Einfluss hat es wirklich, was wir Kindern vorlesen?

Interkulturalität entsteht bei Berührung zweier Kulturen.
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Übersetzt bedeutet der Begriff Interkulturalität so viel wie „zwischen den Kulturen“. Treffen Lebenswelten aufeinander, so entsteht Interkulturalität dann, wenn sich die Umwelt der einen Kultur mit der, einer anderen verbindet und sich dann mit dem Wissen über andere kulturelle Inhalte weiterentwickelt. Im Hinblick auf derzeitige politische Bewegungen, wie unter anderem der Partei Alternative für Deutschland (AFD), scheint die Thematik der Interkulturalität an Bedeutung gewinnen zu müssen. Damit wir Intoleranz und Angst vor anderen kulturellen Einflüssen hinterfragen, aufheben oder im Idealfall gar nicht erst dauerhaft entstehen lassen. Kinder könnten hier die ersten Adressaten sein, um die Selbstverständlichkeit und die positiven Aspekte einer Gesellschaft mit verschiedenen kulturellen Einflüssen, wahrzunehmen und anzuerkennen. So gilt es zunehmend die Realität nicht zu verschönern, sondern sie in ihrer Ausprägung zu präsentieren und so werden zuvor tabuisierte Inhalte umgesetzt, auch in Kinderbüchern. Beispielsweise werden Themen wie Flucht, Depressionen und Sexualität in Büchern als Mittel zur Aufklärung genutzt.

Durch Bücher können wir vor allem die Kinder unterstützend fördern. Durch das Vorlesen wird der Sprachschatz erweitert und die Ausdrucksfähigkeit verbessert. Die vorgelesenen Geschichten regen die Fantasie und die Kreativität an. So erweitert das Kind durch Erzählungen und Geschichten sein Wissen. Die Berücksichtigung der Vielfalt der Kulturen nimmt hierbei einen wichtigen Stellenwert ein. Dies zeigt sich auch in § 9 Abs. 2 SGB VIII, Grundrichtung der Erziehung, Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen. In diesem heißt es:
„Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind […]. die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes oder des Jugendlichen zu selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln sowie die jeweiligen besonderen sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Eigenarten junger Menschen und ihrer Familien zu berücksichtigen, […].“

Unabhängig von der Herkunft und des sozialen Status, ist diese Haltung dabei von dem Verständnis der Gleichheit und der Akzeptanz der Andersheit geleitet. Der Grundsatz wird allerdings von einem großen Problem überschattet: die automatische soziale Kategorisierung. Gruppierungen von Menschen, die Gemeinsamkeiten haben und die im sozialen Kontext von anderen Menschen thematisiert werden, bilden eine soziale Kategorie. Die konstruierte soziale Kategorisierung wirkt sich auf den Adressaten aus und durch diese Konsequenz bildet sich der Begriff des Stereotyps. Dieser besteht demnach aus selbstkonstruierten, wertenden Vorstellungen bezüglich der eigenen Wahrnehmung. Die Theorie der interkulturellen Kinderbücher ist es, Stereotype, die auf Unwissenheit oder Missverständnissen innerhalb der kulturellen Vielfalt beruhen zu formen oder ganz aufzulösen. Unter anderem mithilfe der Kinder, da die Orientierung jener, wenn kein unmittelbarer Kontakt erfolgt oder kein Wissen über eine spezifische Gruppe herrscht, anhand des Umganges ihres Umfeldes geprägt wird. Zudem ist es wichtig, die Vielseitigkeit der im Land lebenden Kulturen aufzuzeigen, um ein gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen und eine offene und tolerante Gesellschaft zu fördern. Neben des positiven Erstkontaktes und der Einbeziehung vertrauter kultureller Objekte, bildet vor allem die gemeinsame Arbeit mit den Eltern die Rahmenbedingung für ein harmonisches Miteinander. Dies bildet die Basis, um das Verständnis für die Grundlage der Erziehung zu ermöglichen, die Kinder für die Rollenvielfalt zu sensibilisieren und begünstigt das übergeordnete Ziel, das Kind zu unterstützen und zu fördern.

Wie viel Vielfalt aber zeigen unsere Kinderbücher? Betrachtet man die Klassiker der letzten 50 Jahre, findet man vor allem in Bücher wie Pipi Langstrumpf im Taka-Tuka-Land, Astrid Lindgren und Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Michael Ende sprachlich abwertende Begriffe gegenüber ethnischen Gruppen. Das Wort „Neger“ war in den Entstehungszeiten der Bücher keines Falls negativ behaftet, allerdings hat sich über die Zeit eine beleidigende und rassistische Bewertung dieses Begriffs in der Gesellschaft zementiert. Unterbewusst setzen wir die Kinder also rassistischen und abwertenden Stereotypen aus, die sich kognitiv als wertendes Konzept festsetzen. Genau dort muss jeder ansetzen. Die Geschichten müssen nicht umgeschrieben werden, sondern für Kinder in einen historischen Kontext gesetzt werden, um ihnen die Zeitmäßigkeit zu erklären. Viele verbinden mit diesen prägenden Geschichten eine schöne Erinnerung und Kindheit, das ist auch legitim, denn jetzt können wir diese kritisch hinterfragen und über die Vorurteile aufklären.

Kinderbuch Flucht aus dem Carl Hanser Verlag. © Lena Wilhelm

In den letzten Jahren gab es aber auch viel Veränderung. Viele Verlage gehen mit gutem Beispiel voran und veröffentlichen Kinder- und Jugendbücher außerhalb der bestehenden Stereotypen. Die klassische Bilderbuchfamilie wird von diversen vielfältigen Charakteren abgelöst und bietet immer mehr reale Identifikationsmöglichkeiten für Kinder und Erwachsene. Hierbei soll nicht betont werden, wie viel besser es ist anders zu sein, sondern die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit gegenüber der vielfältigen Welt. In Büchern wie König und König, Linda de Haan/Stern Nijland oder Flucht, Issa Watanabe wird diese Aufklärung und Internationalität in die Bücherregale gebracht.

Eigenes Kinderbuchprojekt der P-Seminar Gruppe Interkulturelles Kinderbuch, am Gymnasium Ottobrunn.

 

Die Themen der Kinderbücher aus früheren Generationen haben ihre Daseinsberechtigung und sollen auch nicht vernachlässigt werden, aber diese heteronormative Welt existiert nicht mehr. Es ist Zeit für einen Umbruch. Zeigen wir unseren Kleinsten wie ansprechend die Diversität unserer Welt ist. Und wenn noch kein passendes Buch geschrieben wurde, dann wage den Schritt und schreibe dein Eigenes.

Autorin: Lena Wilhelm

 

 

 

 

 

Quellenverzeichnis:
Bilderquellen:
Titelbild: © Michael Geida
https://pixabay.com/de/photos/b%C3%BCcher-literatur-lesen-abgenutzt-3482286/
Bild zu Interkulturalität: © Clker-Free-Vector-Images
https://pixabay.com/de/vectors/h%C3%A4nde-geben-nehmen-brown-wei%C3%9F-306885/
Bild zu Flucht, Issa Watanabe: © Lena Wilhelm
Bild Eigenes Buch: © Lena Wilhelm
Printquellen:
©Flucht. Issa Watanabe; Carl Hanser Verlag, 2020
©Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Michael Ende; Thienemann Esslinger Verlag, 1960
©König und König. Linda de Haan und Stern Nijland.Hildesheim: Gerstenberg, 2009
© Pipi Langstrumpf im Taka-Tuka-Land. Astrid Lindgren, Ingrid Nyman , Cäcilie Heinig; Verlag Friedrich Oetinger GmbH, 1948
Sozialgesetzbuch (SGB): § 9 SGB VIII Grundrichtung der Erziehung, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen, Absatz 2
Onlinequellen:
https://www.bildungsserver.de/onlineressource.html?onlineressourcen_id=33518
https://www.duden.de/rechtschreibung/Interkulturalitaet
https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/soziale-identitaet/14513
https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/Interkulturalit%C3%A4t
https://www.stern.de/kultur/buecher/gewalt-und-diskriminierung-in-kinderbuechern-kulturpolitiker-sprechen-sich-gegen-aenderungen-aus-3203832.html
https://www.tagesspiegel.de/kultur/koloniale-altlasten-rassismus-in-kinderbuechern-woerter-sind-waffen/7654752.html

 

 

 

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