… klingt erst einmal nach den typischen, allseits bekannten Dorfstreitereien, ist aber so viel mehr. Ein Projekt, das enorme Veränderungen mit sich bringen wird. Zwei Fronten, deren Meinungen nicht unterschiedlicher sein können. Und doch wollen sie alle dasselbe – das Beste für ihr Dorf.

Der Moment wird mir niemals aus dem Kopf gehen. Für mich ist damals definitiv eine Ära zu Ende gegangen.“ Mit damals meint Anton F.*, ein ehemaliger Mitarbeiter der Grüntenskilifte, den 5. März 2017. Damals, als er seine letzte Schicht am Sessellift beendete. Damals, als alle dachten, die Grüntenskilifte werden auf immer und ewig geschlossen bleiben.

Innerhalb der letzten drei Jahre hat sich das Blatt gewendet. Die Familie Hagenauer, Betreiber der erfolgreichen Alpsee Bergwelt bei Immenstadt, sieht in dem „Wächter des Allgäus“ bei der Nachbargemeinde Rettenberg viel Potential und will investieren. Zusätzlich zum bisherigen Winterbetrieb soll der Grünten auch im Sommer jede Menge Touristen anziehen. Der Plan: Die „Grünten BergWelt“ tauscht die sieben alten Lifte durch drei neue, elektrisch betriebene aus und es wird in neue Beschneiungsanlagen investiert. Auch die schon über 150 Jahre alte Grüntenhütte wird durch einen modernen Bau inklusive Streichelzoo und Spielplatz ersetzt.

Ein Gebiet, das beschützt werden muss

Anton F. ist nicht der einzige, dessen Herz am Grünten hängt – und somit auch an den Grüntenliften. 60 Jahre lang war der Liftbetrieb das Aushängeschild der Gemeinde Rettenberg. So gut wie jeder der Einheimischen lernte dort Skifahren, verbrachte zahlreiche Stunden auf der Piste, sammelte unzählige Erinnerungen. Und auch als die Grüntenlifte insolvent gingen, blieb der Grünten nach wie vor das Herzstück des Orts.

Viele der Bewohner Rettenbergs sehen ihren Hausberg als ein Gebiet, das vor dem massenhaften Tourismus beschützt werden muss. Die Worte Egoismus und Geldgier hört man häufig, wenn man auf das Vorhaben der Hagenauers zu sprechen kommt. Warum man selbst das letzte bisschen Ruhe und Natur verbauen müsse, versteht die Initiative „Rettet den Grünten“ nicht und sieht das Vorhaben als puren Eigennutz.

Doch zahlreiche Stimmen aus dem Dorf loben dagegen die Familie – sie sehen die Bebauungspläne als eine Chance. Der Dorfladen ist seit Jahren geschlossen, der Metzger folgte kürzlich. Es sei eine Möglichkeit, den Ort wiederzubeleben. „Wir können Rettenberg doch nicht einschlafen lassen. Sicher, auf der einen Seite will man seine Ruhe und bloß keine Touristen in der Nähe haben. Aber das funktioniert nun mal nicht in dieser Region“, so Hubert K.*, er lebt seit seiner Geburt direkt am Grünten. „Schließlich sind wir alle stolz auf unseren Ort und wollen Besuchern etwas bieten können.“ Doch aktuell ist das Image des Orts eher reif für die Rente als bereit für abenteuerlustige Touristen.

Tourismus ist sicher nicht alles – aber ohne Tourismus ist alles nichts!“

Und genau das ist der springende Punkt für die Befürworter: Die Region lebt immerhin vom Tourismus – das betrifft die einen mehr, die anderen weniger. Deshalb heißt auch das Motto der Pro-Initiative „>Tourismus ist sicher nicht alles – aber ohne Tourismus ist alles nichts!“ Viele im Ort betreiben Ferienwohnungen oder arbeiten in der Gastronomie und jeglicher Einzelhandel ist froh über jeden Kunden. Je mehr Urlauber angelockt werden, desto besser läuft auch die Wirtschaft im Ort – so die Logik der Initiative.

Doch es gebe auch einige Gäste, die den naturverbundenen Urlaub zu schätzen wissen. So geht es beispielsweise der Betreiberin Anneliese G.*: „Meine Gäste brauchen keine großen Freizeitanlagen. Ihnen reichen allein die Natur und die Berge. Ich habe eher Sorge, dass meine Stammgäste mit der Zeit abspringen werden.“ Auf der anderen Seite meinte sie, dass durch den Ausbau des Grüntens ihre Ferienwohnungen bestimmt niemals leer stehen würden.

Das Thema ist stets präsent

Es haben sich inzwischen zwei Fronten in dem kleinen Ort gebildet. Unter Nachbarn, Freunden, sogar Familien wird das Thema „Grüntenausbau“ vermieden, um Konflikten möglichst aus dem Weg zu gehen. Und doch ist das Thema stets präsent. Regelmäßig organisieren die zwei Initiativen Events, um ihre Meinung publik zu machen. Besonders die Gegner erhalten dabei Zulauf von auswärts. Doch das ärgert umso mehr die Befürworter vor Ort; sie fühlen sich bevormundet. Warum solle auch jemand aus dem Schwarzwald mitentscheiden dürfen, was direkt vor ihrer Haustür passiert?

Rettenberg ist nicht das einzige Dorf, das unter den Streitigkeiten des Tourismusausbaus leidet. Jedes Jahr ist es ein anderer Ort im Allgäu: 2017 das Riedberger Horn bei Balderschwang, 2018 das Nebelhorn in Oberstdorf, 2019 der Grünten. Ein alltägliches Thema, das man jeden Morgen mit dem Blick in die Lokalzeitung zu sehen bekommt. Doch eben dieses Alltägliche sollte man keinesfalls belächeln. Es geht nicht nur um die Bebauungen, es geht um die Folgen und damit um die Zukunft der Region und deren Bewohner.

Ob der Ausbau des Grüntens das Dorf durch die neuen Besucher wiederbelebt oder doch die Massen an Touristen Rettenberg die Seele rauben, kann keiner wissen. Früher oder später wird es eine Entscheidung geben. Dennoch ist der Streit schon viel zu sehr in den Köpfen verankert, dass nicht einmal das den Konflikt beenden wird.

*Namen von der Autorin geändert.

Nicole Köberle

 

Quellen:

https://www.arte.tv/de/videos/092185-004-A/re-der-berg-als-freizeitpark/

https://www.br.de/mediathek/video/jetzt-red-i-20112019-freizeitboom-contra-naturschutz-wie-viel-tourismus-vertraegt-bayern-av:5d9c7fb11f30060013c4ed52

 

Bildquellen:

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/photos/gr%C3%BCnten-j%C3%A4gerdenkmal-gipfel-denkmal-1667144/

Bild 1: Eigene Aufnahme

Bild 2: Eigene Aufnahme

Categories: Allgemein, Tourismus

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