International werden wir bewundert für unsere Aufklärungskultur über den zweiten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus. Wir arbeiten die Geschehnisse auf, nahezu lückenlos, besonders in der Schule. Bleibt dabei aber für junge Menschen vielleicht die Gegenwart auf der Strecke?

Eines Tages, früher oder später, trifft es jeden Schüler: Plötzlich findet man sich im Geschichtsunterricht wieder. Den Einen interessiert dieses Schulfach, den Anderen langweilt es nur. Ich selbst war meist eher in der gelangweilten Fraktion zu finden, zumindest habe ich den Unterrichtsstunden nur mäßig Aufmerksamkeit geschenkt. Gerade genug, um im Mittelfeld nicht aufzufallen.

Wieder und wieder …

Zunächst verlief mein Geschichtsunterricht relativ geradlinig von der Ur- und Frühgeschichte ausgehend in Richtung Gegenwart. In einer der höheren Klassenstufen fiel mir jedoch eine Unregelmäßigkeit auf: Wir behandelten zum zweiten Mal dieselbe Thematik. Wiederholt ging es jetzt um den zweiten Weltkrieg mitsamt der anschließenden Teilung Deutschlands und der Wiedervereinigung. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch nichts weiter dabei. Wiederholten wir eben diesen Teil der deutschen Geschichte, nun gut.

Das Fach Geschichte findet sich früher oder später in jedem Stundenplan wieder. (Bild: Christine Weck)

Ein Jahr später, jetzt an der Fachoberschule, blätterte ich zum Schuljahresbeginn unser neues Geschichtsbuch durch – und erblickte zum dritten Mal dasselbe Lernfeld. Der zweite Weltkrieg, Holocaust, die Teilung Deutschlands, Mauerfall, Wiedervereinigung.

Das brachte mich zum Nachdenken. Warum schien unsere deutsche Geschichte an diesem Punkt einfach zu enden? Zumindest für den bayerischen Lehrplan. Es wirkte, als wären die Jahre nach der Wiedervereinigung völlig irrelevant. Dabei sprechen wir hier über meine Schuljahre von 2014 – 2017, es war also eine nicht unerhebliche Zeitspanne seit dem Mauerfall bereits vergangen. Krisen, Kriege und schwerwiegende politische Entscheidungen hatte die Politik schließlich ausreichend zur Verfügung gestellt, nicht nur in Deutschland. Die Ereignisse der späten Neunziger und frühen Zweitausender wären es definitiv wert gewesen, mehr Beachtung zu finden. Viele Auswirkungen der damaligen Entscheidungen sind erst heute richtig zu spüren. Wir leben mit den Beschlüssen, die damals getroffen wurden – und ein Teil der Bevölkerung weiß absolut nichts darüber.

Bildung endet nicht im Jahre 1989

Viele Schüler meiner Generation haben keine Ahnung, welche relevanten Ereignisse beispielsweise im Jahre 2003 unsere Heimat bewegten. Ich war damals sechs Jahre alt. An diese Zeit erinnern kann ich mich heute kaum noch, und selbstverständlich weiß ich absolut nichts über damalige politische Ereignisse. Um hier den Bildungsauftrag für mich und für euch zu erfüllen, habe ich natürlich das Internet bemüht. Im Jahr 2003 begann und endete der Dritte Golfkrieg, das amerikanische Militär besetzte damals Bagdad. Jugoslawien wurde umbenannt in Serbien und Montenegro, erst seit 2006 sind die beiden Länder unabhängig. Die Raumfähre Columbia zerbrach kurz vor der Landung bei ihrer Rückkehr zur Erde, alle sieben Besatzungsmitglieder starben. Der Sommer war der heißeste, den Deutschland und Frankreich je erlebt hatten und landesweit wurde das Dosenpfand eingeführt. Und wer war 2003 Bundeskanzler? Gerhard Schröder, erst 2005 wurde er von Angela Merkel abgelöst.

Außer den Bundeskanzlern hat keiner dieser Fakten je Erwähnung in meinem immerhin 13 Jahre andauernden Schulleben gefunden. Und dies sind nicht die einzigen Dinge, über die ich schlicht und einfach nichts weiß. Das weckt in mir die Frage – warum nicht? Sicherlich hätte ich all diese Dinge in den letzten Jahren leicht herausfinden können, besonders mithilfe des Internets. Dennoch sehe ich die Verantwortung in unserem Schulsystem. Ein Land, in dem geregelt ist, wie viel Platz Arbeitnehmern in Büros zur Verfügung gestellt werden muss (1,5 m2), schafft es nicht, künftigen Arbeitnehmern zumindest etwas mehr Geschichtswissen als bis zum Jahre 1989 zu vermitteln? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dafür wirklich kein Platz im Lehrplan ist. Schließlich habe ich dreimal den zweiten Weltkrieg im Unterricht behandelt. Könnte man diesen Teil nicht zumindest einmal streichen, um ein bisschen Platz für aktuellere Fakten zu schaffen?

Es fehlt die Balance

Ich bestreite nicht, dass die Jahre des Nationalsozialismus und der Teilung Deutschlands ein wesentlicher Teil unserer Vergangenheit sind. Wir haben viel aus dieser Zeit gelernt und sie hat unsere Kultur maßgeblich beeinflusst. Deutschland wird international für seine Aufklärungskultur diesbezüglich sehr gelobt. Es ist wichtig, dass diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten. Stellenweise wird sogar noch mehr Aufklärung gefordert, um dem aktuellen Rechtsruck in der Bevölkerung etwas entgegensetzen zu können. Doch müssen dann Schüler ein viertes und fünftes Mal im Unterricht über den Holocaust sprechen? In mir keimte schon beim dritten Mal langsam der Gedanke: „Ich habe den zweiten Weltkrieg satt.“

Die Zeit des Nationalsozialismus ist ein großer Teil des Lehrplans – vielleicht zu groß? (Bild: Christine Weck)

Behandeln wir doch die Jahre 1940 – 1989 nur einmal, und dafür intensiver. Fahrten zu Gedenkstätten und Museen, Gespräche mit Experten und Überlebenden, Bücher und Filme, all das kann dabei helfen, jungen Menschen wie mir nicht völlig die Lust an der Aufarbeitung dieses Stücks Historie zu nehmen. Diese Zeit ist lange vorbei – fast achtzig Jahre. Manche Leute haben das, glaube ich, noch nicht realisiert. Es sind aber schon vier Generationen geboren, die keinen direkten Bezug mehr zu diesen Ereignissen haben, 30 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen. Es gibt noch mehr Geschichte in diesem Land.

Ein ähnliches Ereignis wird – meiner Ansicht nach – nicht mehr passieren, nicht in vergleichbarer Weise. Die zeitlichen und gesellschaftlichen Umstände sind jetzt völlig anders. So wie damals wird es nicht mehr passieren – trotzdem gibt es auch heute noch Gefahren, die in die gleiche Richtung deuten. Wir sollten mehr darauf achten, die modernen Gefahren richtig zu deuten, anstatt uns in der Vergangenheit zu verhaken.

Bringen wir Schülern der nächsten Generation etwas über die Jetztzeit bei, damit sie sich aktiv dagegen oder dafür engagieren können. Denn sie sind es, die letztendlich damit leben müssen, was heute entschieden wird. Die Schule ist dafür der erste und beste Anknüpfungspunkt, und eigentlich bedarf es nur einer kleinen Änderung im Lehrplan, damit die kommenden Generationen selbst eine positive Zukunft gestalten können, ohne vom Ballast der Vergangenheit niedergedrückt zu werden.

Autor: Christine Weck

Quellenverzeichnis

www.was-war-wann.de

www.allmystery.de

www.tagesschau.de

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