Der Traum eines jeden jungen Kickers – Fußballprofi werden.
Doch wie schwierig ist es für Jugendliche wirklich ganz nach oben zu kommen?
Ein Ex Juniorenbundesligaspieler erzählt über die Schattenseiten des hart umkämpften Fußballgeschäfts.

Der Anfang

Das Spiel, in dem ich gescoutet wurde

D-Jugend Spiel JFG gegen Friedberg. Endstand 4:2. Es war eines meiner besten Spiele in dieser Saison. Doch nicht nur das. Nach Abpfiff passierte etwas, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Ein fremder Mann klatschte mir auf die Schulter, und sagte: „Nummer 10 klasse Spiel hast du heute gemacht!“ Anschließend gab er sich als Scout vom FC Augsburg aus und lud mich zum Probetraining ein. Schlagartig begann mein Herz schneller zu schlagen, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen größeren Traum als Fußballprofi zu werden. Ich konnte schon die ganze Nacht nicht schlafen. Mir schossen Dinge wie: „Kann ich mit den Spielern mithalten?“ durch den Kopf. Als ich dann endlich am frühen Abend die Kabine betrat, stellte der Trainer mich kurz den anderen Spielern vor und diese begannen mich zu mustern. Ab diesem Moment wurde mir klar, dass hier nicht 23 Freunde sondern 23 Konkurrenten sitzen und dass wegen mir möglicherweise ein Anderer den Verein verlassen muss. Anschließend ging es auf den Trainingsplatz. Das Niveau war zwar deutlich höher als bei meinem alten Verein, doch ich konnte mithalten. Nach dem Training sagte der Trainer zu mir, ich hätte meine Sache gut gemacht, aber er würde sich bei mir nochmals telefonisch melden. Somit ging ich mit gemischten Gefühlen nach Hause denn ich wusste nicht, ob ich gut genug war. Ein paar Wochen später kam dann der langersehnte Anruf. Ich darf ab kommender Saison zum FCA wechseln. Meine Familie und ich freuten sich riesig. Doch im gleichen Moment erhielt ich den Trainingsplan. 4mal pro Woche Training plus Spiel oder zweitägiges Turnier am Wochenende. Da wurde uns klar, dass dies ein enormer Zeitaufwand für mich, aber auch für meine Eltern sein wird.

Ein komplett neues Leben beginnt
Schule, Training, Lernen und Schlafen. Ab sofort sah so ein normaler Tag in meinem Leben aus. Viel Zeit für Freunde blieb da nicht. Ich ging in der Früh in die Schule, kam heim, aß etwas und dann ging es auch schon ab ins Training. Als ich abends heimkam, hätte ich mich am liebsten völlig erschöpft ins Bett fallen lassen. Doch dann war da ja auch noch die Schule. So musste ich mich also zu später Stunde noch dazu motivieren, etwas für die Schule zu machen. Es war nicht unüblich, dass ich das ein oder andere Mal am Schreibtisch einschlief. Spätestens ab Mittwoch war ich schon bereit fürs Wochenende. In der Schule stieg bereits am Freitag die Vorfreude auf das Wochenende. Es wurde geplant, wo die nächste Party steigt. Bei mir herrschte stattdessen am Freitag pure Anspannung. Denn an diesem Tag wurde im Abschlusstraining bekanntgegeben, wer am Wochenende spielen darf und wer vielleicht sogar zu Hause bleiben muss. Wir waren 23 Spieler und es konnten maximal 18 mit. So mussten Spieler, die entweder verletzt waren oder nicht gut genug trainiert haben, daheim bleiben. So etwas war für uns Jugendliche sehr schwierig zu verkraften. Für private Angelegenheiten konnte man das Wochenende somit nicht planen, denn wir erfuhren erst Freitagabend, ob wir das Wochenende zu Hause oder in einer Großstadt, wie beispielsweise Frankfurt verbringen würden. Natürlich waren solche Fahrten einmalige Erlebnisse, doch dann noch Energie für die Schule zu investieren war äußerst schwierig. Zum einen war man körperlich völlig erschöpft. Zum anderen konnte ich nach einem Spiel mehrere Stunden, manchmal sogar Tage nicht richtig abschalten. Mir schossen Fragen wie „War der Trainer mit meiner Leistung zufrieden?“, oder „Darf ich nächstes Spiel spielen?“ durch den Kopf. An solchen Tagen sprach ich viel mit meinem Papa, der selbst Fußball spielte und mich zu beruhigen versuchte. Und da kommen wir meiner Meinung nach zu einem ganz wichtigen Faktor. Familie. Ohne eine funktionierende Familie ist es unmöglich, diesen Schritt zu machen. Meine Eltern fuhren mich ins Training, zum Physio, zum Mannschaftsarzt und zu Fototerminen. Das waren immer mindestens 30 Kilometer einfach. Sie mussten zum Teil sogar ihre Arbeit auf mein „Hobby“ einstellen. Für mich war es jedoch fast noch wichtiger, dass sie immer ein offenes Ohr für mich hatten und mir stets seelisch unterstützen. Es gab Phasen, da lief es sportlich nicht so gut, Verletzungen kamen dazu und ich zweifelte an mir selbst. In diesen Situationen waren meine Eltern immer für mich da und sprachen sehr viel mit mir.

Meine Zeit beim FC Augsburg

Vor allem die ersten 2,5 Jahre meiner insgesamt 3,5 Jahren liefen richtig gut. Ich war Stammspieler und wurde bereits nach meinem ersten Jahr zum Kapitän ernannt. Meine guten Leistungen fielen auch anderen Vereinen auf. So erhielt ich ein Angebot auch von Bayern München. Da begann ich natürlich etwas zu träumen, wenn der Weltklub Bayern München dich haben möchte. Ich lehnte jedoch dankend ab, da ich in Augsburg glücklich war und es mir nicht vorstellen konnte, mit 14 Jahren alleine nach München oder Mainz zu ziehen. Dies entging natürlich meinem Verein FCA auch nicht. Und so erhielt ich einen Vertrag, durch den ich monatlich bis zu 250 € verdiente. Für einen 14-15 jährigen Jungen, der noch zur Schule geht war das ziemlich viel Geld. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich mir Dinge kaufen, die sich Gleichaltrige nicht kaufen konnten. In meinem privaten Umfeld verspürte ich von manchen Freunden Neid. Ein paar meiner „Freunde“ nannten mich „drecks arroganter FCA Spieler“. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich kein normales Leben als Jugendlicher führe.
Das Ende
Doch es lief nicht immer so erfolgreich. In der U16 verletzte ich mich bereits nach ein paar Spielen. Mir wurde gesagt, ich werde wahrscheinlich 1-2 Wochen ausfallen. Doch diese Wochen waren der Horror. Zum einen war es für mich schwierig einen anderen Spieler auf meiner Position spielen zu sehen, zum anderen konnte ich nach 2 Wochen immer noch nicht trainieren und auch die Physios konnten mir nicht sagen, wann ich wieder spielen kann. Diese Ungewissheit machte mir extrem zu schaffen. Ich hatte Angst um meinen Stammplatz. Ich wurde immer ungeduldiger, denn ich wollte unbedingt wieder auf dem Platz stehen. Nachdem ich 2-3 mal das Training wegen der nicht verheilten Verletzung abbrechen musste, war ich nach 2 Monaten wieder endgültig zurück. Zu Beginn hatte ich noch Trainingsrückstände, weshalb ich wenig bis keine Einsatzzeiten bekam. Auch in den kommenden Wochen änderte sich trotz guten Trainingsleistungen nichts daran. Ich suchte das Gespräch mit den Trainern, was ich noch verbessern muss. Eine klare Antwort bekam ich nicht. So beschloss ich vermehrt Einzeltraining zu machen, um mich wieder zurück in die Startelf zu kämpfen. Ich fühlte mich topfit, ging täglich ins Training, doch ich durfte die Spiele meist nur von der Bank aus betrachten. Manchmal schaffte ich es nicht einmal in den 18 Mann Kader Das ging sehr auf die Psyche und auch in meinem privaten Umfeld war ich nicht mehr die lebensfrohe Person wie zuvor. Das war eindeutig die schwerste Zeit meiner 3,5 Jahre als Leistungssportler. Noch einmal suchte ich das Gespräch mit den Trainern.

 

Neues Leben als Hobbyfußballspieler

In diesem Gespräch wurde mir dann klar vermittelt, dass ich keine Einsatzzeiten mehr bekommen werde, da ich nicht mehr gut genug sei. Nach den letzten Monaten habe ich so etwas schon geahnt, trotzdem war es für einen 16 jährigen Jungen ein Schlag ins Gesicht, so etwas zu hören. Somit stand ich vor einer wichtigen, aber auch schwierigen Entscheidung. Zum einen war klar, wenn ich den Verein verlasse, habe ich mehr Zeit für mich und meine Freunde, psychisch wird es mir dann auch besser gehen. Zum anderen wusste ich aber auch, dass damit mein Kindheitstraum Fußballprofi endgültig platzen wird. Letztendlich entschied ich mich, dafür den Verein zu verlassen. Ich verabschiedete mich schweren Herzens von meiner Mannschaft und zu Hause angekommen flossen ein paar Tränen, da ich realisierte, dass ich meinem Ziel Fußballprofi nie wieder so nahe sein werde. Anfangs war es noch ungewohnt, plötzlich so viel Freizeit zu haben. Doch ich merkte ziemlich schnell, dass es mir ohne den täglichen Leistungsdruck deutlich besser geht. Mit dem Fußball aufzuhören kam für mich allerdings nicht in Frage. Denn Fußball WAR, IST und WIRD immer meine größte Leidenschaft bleiben.

 

 

 

 

Raoul Leser

Categories: Allgemein

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