In den ländlichen Teilen Bayerns werden noch immer alte Brauchtümer gepflegt. Warum verziert ein hässlich geschmückter Baum den Garten eines Paares? Warum ist beim Bau eines neuen Hauses der wichtigste Balken plötzlich verschwunden? Warum wird zur Geburt ein 6 Meter langes Brot verschenkt? Was hat es damit auf sich?

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In den ländlichen Teilen Bayerns werden noch immer alte, bayerische Brauchtümer seit Generationen gepflegt. Diese Bräuche erzählen uns Geschichten. Geschichten die weitergegeben wurden. Geschichten über Tradition und Gemeinschaft. Geschichten die Familien, Freunde und Nachbarn öfter zusammenbringen. Sie werden zusammengeschweißt. Doch welche Bräuche gibt es eigentlich noch, wie werden sie gefeiert und was hat es mit ihnen auf sich?

„Umso greisliger, umso besser“

Begibt man sich in das ländliche Oberbayern ist man stets von vielen Bäumen und viel Grün umgeben. Doch es fällt auf, dass in manchen Gärten ein großer, sehr hässlich geschmückter Baum zu sehen ist. Aber wer stellt sich so etwas Grässliches in den Garten? Die Antwort ist einfach: Niemand ganz freiwillig! Dahinter steckt ein Brauch, das sogenannte „Hungabam aufstellen“.

Ein typischer Hungerbaum: Geschmückt mit altem Gerümpel

Hierbei wird ein Hungerbaum im Garten eines Paares aufgestellt, das bereits sieben Jahre eine gemeinsame Beziehung führt, aber noch nicht verheiratet ist. Meist organisieren Freunde, Familie und Nachbarn den Baum. Sie wollen damit das Paar auffordern, in den nächsten zwölf Monaten zu heiraten.

Der Baum wird mit alten Alltagsgegenständen oder Müll geschmückt. Beispiele dafür sind alte Reifen, Altmetall, ein altes Kinderfahrrad, Lampenschirme, Eimer oder sogar eine Waschmaschine. Je nach dem was das Haus gerade hergibt.

Der Baum wird mithilfe eines Traktorgespannes zum jungen Paar gefahren und auf den letzten Metern von allen Beteiligten im Schlepptau begleitet. Nun muss noch der richtige Platz für den „Hungerbaum“ gefunden werden und ein Loch wird ausgegraben. Zum Aufstellen helfen alle zusammen. Das kostet Kraft, denn dabei sind nur manuelle Hilfsmittel, wie die sogenannten „Schwalben“ (gestaffelte lange Stangen) erlaubt – leider keine Maschinen.

Das „Hungabam aufstellen“ wird mit einem großen Fest gefeiert. Für alle Beteiligten gibt es genug zu Essen und Trinken. Doch das war noch nicht alles, was das Paar beachten muss: Der Baum darf von keinen Parasiten oder Krankheiten befallen werden. In einem Umkreis von circa einem halben Meter darf auch kein Unkraut wuchern. Sie müssen ihn also in Ehren halten. Ein spontaner Besuch von einem der Aufsteller ist von nun an immer möglich.

Doch was, wenn die Hochzeit nicht kommt? Dann muss das Paar am Jahrestag ihrer Beziehung ein Fest für alle Beteiligten veranstalten. Jahr für Jahr, bis sie den Bund der Ehe eingegangen sind. Und das kann teuer werden.

„Ohne First geht’s ned“

Teuer wird jedoch nicht nur das wiederkehrende Fest des Paares, sondern auch die Auslöse für einen gestohlenen First. Hierbei handelt es sich um einen weiteren bayerischen Brauch, dem „Firstbaum stehlen“. Der First ist der oberste Balken des Dachstuhls, ohne den der Hausbau nicht abgeschlossen werden kann. Vergleichbar mit anderen bayerischen Bräuchen, wie dem „Maibaum stehlen“ oder dem „Stehlen der Braut am Hochzeitstag“ wird auch hier der Firstbaum gestohlen und eine Auslöse verlangt.

Freunde und Nachbarn begeben sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf die Suche nach dem Prachtexemplar und kutschieren den Firstbaum nach Hause. Am Auslösetag bringen die Diebe den geschmückten Baum meist auf einem Traktorgespann zum Bauherrn und seiner Familie zurück. Der sollte, wie man bei uns in Bayern sagt, jedoch nicht all zu „knickert“ sein. Bietet er den Gästen zu wenig Auslöse an, kann es sein, dass ein Teil des Firstes abgesägt wird. Das steigert natürlich die Großzügigkeit, denn dann wäre der Balken nicht mehr zu gebrauchen. Wurden die Verhandlungen erfolgreich beendet, wird gemeinsam gefeiert. Die vorbereiteten Speisen und Getränke werden bei gemütlichem Ambiente ausgiebig genossen.

„Bisserl a Brot für’n Stammhalter“

Nachdem der Hungerbaum aufgestellt wurde und der Firstbaum wieder da ist, kann der nächste Brauch veranstaltet werden. Zur Geburt des erstgeborenen Sohnes, dem Stammhalter, wird der „Weisertwecken gefahren“.

Der Weisertwecken wird mithilfe eines Traktorgespanns transportiert.

Das Wort Weisert hat seinen Ursprung im althochdeutschen Wort „wisod“, das so viel wie Geschenk bedeutet. Freunde, Familie, Nachbarn oder auch Vereinsmitglieder aus gemeinsamen Vereinen übergeben den frischen Eltern ein zum Zopf geflochtenes Weißbrot. Doch das ist kein gewöhnlicher Zopf! Je nach Gewicht des Kindes ist er unterschiedlich lang. Die Regel besagt: Pro Pfund Geburtsgewicht, also 500 g, gibt es einen Meter Weisertwecken. So kommt eine beträchtliche Länge des Brotes von meist sechs bis acht Metern zusammen. Gar nicht so einfach einen so langen Zopf zu transportieren! Dieser wird meist auf einem langen Brett positioniert und geschmückt. Wie auch in den vorigen beiden Bräuchen wird ein altes Traktorgespann zur Lieferung verwendet. Die Fahrt zum Elternhaus wird dabei mit gemütlicher Musik begleitet. Neben dem Weisertwecken werden häufig auch noch weitere Geschenke, wie Strampler, Söckchen oder ein Tretbulldog mitgebracht. Zur traditionellen Übergabe wird der Wecken vom Anhänger durch das Kinderzimmerfenster komplett in das Haus gehoben und von den Eltern angebissen. Das soll Glück bringen! Durch einen Segenswunsch der Gäste ist der Stammhalter nun gesegnet und der Brotvorrat soll niemals ausgehen.

Anschließend wird ausgelassen gefeiert – mit dem Weisertwecken als Hauptspeise und genug zu trinken kann der Tag für die Gäste und den frischen Eltern noch lange dauern. Mit unseren Liebsten beisammen fühlen wir uns schließlich wohl. Wir fühlen uns wie zuhause.

In dieser beschleunigten, globalisierten Welt bedeuten Bräuche und Traditionen für viele ein Stück Heimat. Doch auch bei den dreien und noch vielen weiteren Brauchtümern gibt es regionale Unterschiede. So können diese Traditionen auch anders oder gar nicht gefeiert werden. Es gibt kein richtig und kein falsch. Schließlich ist jede Heimat individuell. Die Religion ist individuell. Das Umfeld ist individuell. Der Einzelne ist individuell. Die Geschichten sind individuell. Und somit sind auch die Bräuche individuell.

Verena Meier

 

Quellenangaben (Stand: 16.03.2021)

http://www.brauchtumsjahr.de/firstbaumstehlen

https://www.chiemseealpenland.de/entdecken/region/bayerischunterwegs/bayerischebraeuche/weisertwecken

https://www.wasserburg24.de/wasserburg/regionwasserburg/wasserburgaminnort63092/wasserburghungerbaumfestueberstanden3525982.html?cua_uuid=fcb64371f34100ada8b2

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