6:30 Uhr. Der Wecker klingelt. Schlaftrunken stehen Schüler und Schülerinnen in ganz Deutschland auf und machen sich nach einer zu kurzen Nacht fertig für die Schule. Augen zu und durch, obwohl Augen zu und weiter schlafen viel besser für sie wäre. Warum? Hier kommen einige Argumente!


Mehr Anwesenheit, bessere Noten, weniger Mobbing und psychische Probleme – In Edina, Minnesota wurde der Unterrichtsbeginn für Schüler und Schülerinnen von 7:25 auf 8:30 Uhr verlegt. Mehre Schulen in den USA folgten diesem Beispiel, jedes Mal mit den gleichen positiven Ergebnissen. Aber kann eine Stunde zusätzlicher Schlaf so weitreichende Konsequenzen haben und falls ja, wie? Und warum gehen Jugendliche nicht einfach früher ins Bett?

Um die Bedeutung einer erholsamen Nacht zu verstehen, betrachten wir zunächst die grundlegenden Auswirkungen von Schlaf: Empfohlen werden acht Stunden Schlaf. Wenn wir um 12:00 Uhr nachts ins Bett gehen und um 6:00 Uhr aufstehen, wie viele Stunden gehen uns verloren? Die Antwort erscheint simpel – zwei Stunden, also 25 Prozent. Betrachtet man allerdings die untenstehende Grafik, fällt sofort auf, dass sich unser Schlaf in unterschiedliche Phasen aufteilt. Diese Schlafphasen wechseln ca. alle 90 Minuten und werden NREM- und REM-Schlaf genannt. Der Anteil des REM-Schlafes, eine Abkürzung für „rapid eye movement“, überwiegt dabei stark in den frühen Morgenstunden. Der NREM-Schlaf („non rapid eye movement“) dominiert dagegen in den Anfängen der Nacht und unterteilt sich nochmal in vier unterschiedlich tiefe Sequenzen.

Der menschliche Schlafrhythmus.

Auswirkungen von NREM- und REM-Schlaf

Während die Gründe für das phasenweise Hin und Her noch nicht ausreichend erforscht sind, gibt es diverse Studien zu den Vorteilen der beiden Schlafstadien. NREM-Schlaf hilft unter anderem, unnötige neuronale Verbindungen zu lösen und schafft somit Platz für neue Erinnerungen. Diese werden während des REM-Schlafes verankert. Kehren wir also zu unserer Frage vom Anfang zurück: Verkürzen wir unsere Nachtruhe um den besagten Zeitraum, gehen uns nicht nur zwei Stunden Schlaf insgesamt verloren, sondern zusätzlich 60-90 Prozent unseres REM-Schlafes.
Ungünstig wird dies vor allem, wenn man noch beachtet, dass in der REM-Phase auch unser emotionaler IQ geformt wird. Das heißt im Umkehrschluss, eine erholsame Nacht führt dazu, dass wir eigene Emotionen besser kontrollieren und auch die Empfindungen anderer genauer einordnen können. Bedenklich, wenn gerade bei oft launischen Jugendlichen diese Fähigkeit durch fehlenden Schlaf weiter eingeschränkt wird.

„Na dann geh doch einfach früher schlafen!“

Ein nachvollziehbarer Ratschlag. Dir fehlen einige Stunden Schlaf am Ende der Nacht, dann hol dir diese doch früher. So simpel ist es leider nicht. Unser Schlafverhalten verändert sich über unser ganzes Leben gesehen mehrmals. Während Kinder dank ihres Schlafrhythmus bereits um neun Uhr müde ins Bett fallen, sind Jugendliche um diese Uhrzeit meist noch top fit. Auch um zehn sowie um elf Uhr ist für viele noch nicht an Schlaf zu denken. Dieser Umstand hat nichts mit Rebellion oder Faulheit zu tun, sondern ist einfach biologisch gegeben. Fordert man einen Teenager auf, um zehn Uhr ins Bett zu gehen, ist es als würde man einen Erwachsenen dazu auffordern, um sieben oder acht Uhr die Augen zu schließen. Gleiches gilt für die Morgenstunden. Für Jugendliche bedeutet ein klingelnder Wecker um sieben das Gleiche wie ein Weckruf für Erwachsene um vier, beziehungsweise fünf Uhr. Ärgerlich, dass dieses Wissen nicht wirklich verbreitet ist. Da viele Eltern das Schlafverhalten ihrer Kinder nicht nachvollziehen können, kommt es oft zu Spannungen. Verstärkt wird das dadurch, dass die Teenager wegen der fehlenden Schlafenszeit ihre Emotionen weniger im Griff haben. Aber ganz ehrlich, die wenigsten würden um vier Uhr morgens strahlend ihr Müsli essen und sich danach motiviert auf den Weg in die Schule machen!

Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus bekommt den Käse

Kommen wir also wieder zurück zum Thema Schule und Lernen. Bereits die Studie in den USA hat klar aufgezeigt, dass das frühe Aufstehen die psychischen sowie sozialen Fähigkeiten von Jugendlichen beeinflusst und sich auch auf deren Leistungen auswirkt. Durch die vorherigen Ausführungen wird auch deutlicher, weshalb das so ist und warum eine frühere Schlafenszeit nicht die Lösung sein kann. Wer immer noch nicht ausreichend überzeugt ist, sollte noch einen Blick auf die Studie von Dr. Ronald Wilson werfen. Dieser hatte in den 1980er Jahren mehrere hundert Zwillingspaare untersucht. Ein Zwilling durfte dabei über Jahre hinweg länger schlafen als sein Bruder, beziehungsweise seine Schwester. Das Kind mit der längeren Schlafenszeit war nach mehreren Jahren Durchführung seinem Geschwister intellektuell deutlich überlegen.

Die Sachlage scheint klar zu sein. Ein gesundes Schlafverhalten führt zu besseren Leistungen, besserer Laune und besseren sozialen Fähigkeiten. Warum beginnt ein Großteil der Schulen dann immer noch so früh und verhindert den kostbaren Schlaf? Dafür mag es mehrere Gründe geben: frühe Arbeitszeiten der Eltern, früheres Schulende und ganz einfach Gewohnheit. Aber sollten solche Argumente allen Vorteilen einer erholsamen Nacht im Wege stehen? Ich denke nicht! Unsere Berufsschule beginnt erst um 8:30 Uhr. Durch die COVID-19-Pandemie und den damit verbunden Online-Unterricht habe ich jede Nacht problemlos acht Stunden schlafen können. Und was soll ich sagen…Sogar vier Stunden Rechnungswesen gehen mit acht Stunden Erholung deutlich leichter von der Hand. Meine Empfehlung: Schlafen wir nochmal eine Nacht über unsere Schulzeiten!

Autorin: Julia Papp

Quellen:

Matthew, W., Why we sleep, USA 2017

https://www.quarks.de/gesellschaft/bildung/darum-sollte-die-schule-spaeter-beginnen/, Zugriff vom 14.05.2021

Bildquellen:

Bild 1: https://www.pexels.com/de-de/foto/schreibtisch-schule-gesichtslos-student-4769486/

Graphik 1: Matthew, W., Why we sleep, USA 2017, S. 42

Bild 2: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-nacht-bett-schlafzimmer-4546117/

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