Literatur von Frauen wurde und wird bis heute in die Versenkung gedrängt. Aber genauso wie Männer und Frauen Menschen sind, haben Männer und auch Frauen gleichermaßen das Potential Literatinnen zu sein. Welche Abwertung findet statt und was kann getan werden, um diesen Blick auf das weibliche Schreiben zu ändern?

Unbeachtete Autorinnen

Unbeachtete Autorinnen

Ich bin Buchhändlerin. Meine Aufgabe ist es, das jeweils richtige Buch an den dazu passenden Menschen zu verkaufen. Von seichter Unterhaltung bis hin zu hoher Literatur. Aber was macht Wörter und Sätze zu Literatur? Auf diese Frage gibt es viele Antworten.

Klar ist für mich nur: Sollte ein Buch von einer Frau geschrieben sein, macht es das nicht weniger anspruchsvoll und literarisch! Genauso wie Männer und Frauen Menschen sind, haben Männer und auch Frauen gleichermaßen das Potential Literatinnen zu sein. Doch diese Einstellung ist kein Standard im deutschen Literaturbetrieb. Autorinnen wurden und werden an den Rand gedrängt. Sie verschwinden in der Versenkung, weil sie nicht gepflegt oder erst gar nicht veröffentlicht werden.

Frauenliteratur – Nicole Seifert

Die Abwertung.

Ein Grundproblem ,,ist eine historisch gewachsene, männliche Kritiker-Tradition“, stellte die Autorin Antonia Baum in einem Interview mit dem Deutschlandfunk fest. Damit liegt sie traurigerweise sehr richtig. Im März des Jahres 2018 untersuchte die Initiative #frauenzählen alle deutschen Feuilletons und kam zu dem Schluss, dass zwei Drittel aller Rezensionen von Männern verfasst worden waren. Folge dessen ist es, dass hauptsächlich Männer besprochen werden und zwar von Männern zu 75%. Rezensenten interessieren sich naturgemäß für Texte, die ihre eigene Lebensrealität abbilden. Die von Frauen aufgegriffenen Themen tun das nicht, selbst wenn sie mit dem gleichen Stoff wie ihre männlichen Mitstreiter, arbeiten. Sie schreiben eben aus der falschen Perspektive.

Die Literaturkritik geht dabei teils so weit, von Frauen Geschriebenes als ,,Menstruationsprosa“ zu verschreien, weil sie offen und ehrlich vom weiblichen Dasein erzählen – ohne zu beschönigen. Diese Erzählungen verächtlich in Grund und Boden zu stampfen, verwehrt das Entstehen eines breiten literarischen Horizonts. Zudem kommt, dass Frauenkunst und der Frauenkörper nicht trennbar zu sein scheinen. Sollten Rezensenten sich dem Buch einer Frau widmen, bleiben sie nicht am Text selbst, sondern spüren stets das Bedürfnis sich an der Verfasserin als Person festzuhängen. Sie kommentieren ihr Familienleben, ihr Verhalten und ihr Aussehen.

Das sind Themen, die auch die Autorin und Übersetzerin Nicole Seifert in ihrem Buch ,,FRAUEN LITERATUR“ aufgreift. Für dieses Buch untersuchte sie alle Neuerscheinungen des Frühjahrs 2020 im deutschsprachigen Bereich. Sie zählte und kam zu dem Schluss, dass 60% aller neuen Bücher von Männern stammten und nur 40% von Frauen. Zudem stellte sie fest, je renommierter der Verlag, desto mehr Autoren und umso weniger Autorinnen. Hanser kam beispielsweise nur auf einen Autorinnen Anteil von 22%. In einer Verantwortung etwas daran zu ändern, sah sich der Verlag in Folge dessen nicht.

Kampf für Anerkennung

Kampf für Anerkennung

Die Aufwertung. 

Eine Vermeidung all dieser Faktoren wäre die Aufgabe der Literaturgeschichtsschreibung: Einen breiten Horizont abbilden und sich dabei nicht auf bestimmte Gruppen zu fixieren. Das hat leider bis heute nicht funktioniert. Die literarischen Kanons der Welt schwellen über an immer gleichen Stimmen: „alte weiße Männer“. So hatte ich während meiner Schulzeit nicht einmal das Vergnügen das Werk einer Schriftstellerin als Lektüre zu lesen. Daher müssen Lösungen anderenorts gesucht und gefunden werden.

Ein Contra zum männerdominierten Feuilleton bietet mittlerweile die Bloggerszene. So divers wie in keiner Zeitung werden hier Texte besprochen, für die sonst keinen Platz eingeräumt wird. Ein Bereich, in dem bereits ein großer Wandel vor sich ging sind Literaturpreise. In den letzten beiden Jahren gewann je eine Frau einen der wichtigsten deutschen Literaturpreise: den deutschen Buchpreis. Im vergangenen Jahr Antje Ravic Strubel mit ,,Die blaue Frau“ und zuvor Anne Weber mit ,,Annette. Ein Heldinnenepos“. Auch die Jurys deutscher Buchpreise werden mehr und mehr ausgewogener, was sich auch in den Listen, der für den Preis nominierten Titel widerspiegelt.

Auch Verlage müssten Frauen die Führungspositionen gewähren, die ihnen zustehen, um eine ähnliche Veränderung zu erreichen. Die intrinsische Frauenfeindlichkeit, die in Verlagsstrukturen steckt, muss überlistet werden. Ein Gegenentwurf sind Verlage, die das Extrem leben: Nur Frauen arbeiten an Frauenliteratur, wie beispielsweise beim Ecco Verlag. Ein sehr junges Projekt, das bereits große Bekanntheit gewonnen hat.

Weniger jung ist das Konzept von Frauenbuchhandlungen. Jetzt wurde das Konzept neu ,,aufgelegt“. Die Buchhandlung ,,SheSaid“ in Berlin beschränkt sich in ihrem Sortiment vollkommen auf weibliche und queere Stimmen, damit ist sie unglaublich erfolgreich.

Klar wurde: Die Abwertung besteht, aber ein Wandel ist möglich. Ein Wandel hin zu einer Literaturbranche, in der das Geschlecht der Autor*innen keine Rolle spielt. Auch ich sehe mich als Teil der Branche in der Verantwortung meinen Beitrag zu leisten. Teils verkaufe ich bestimmte Bücher, um damit Stereotypen zu brechen. „Ja, dieses Buch ist von einer Frau geschrieben und ja, ihr Mann wird es lesen können und sehr mögen!“

Emma Hecht

 

 

Quellen:

https://www.deutschlandfunk.de/kulturdebatten-abseits-des-feuilletons-misogynie-in-der-100.html

https://www.deutschlandfunk.de/literatur-von-frauen-nachzaehlen-macht-benachteiligung-100.html

Seifert, Nicole: FRAUEN LITERATUR 

 

Bildquellen

https://www.pexels.com/de-de/foto/fashion-mann-menschen-frau-7202787/

https://www.pexels.com/de-de/foto/fashion-mann-menschen-frau-7202768/

https://www.kiwi-verlag.de/buch/nicole-seifert-frauen-literatur-9783462002362n

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