Mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare im Oktober 2017 hat Deutschland betreffend der Gleichberechtigung des Teils der Bevölkerung, die sich als LSBT (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender) identifizieren, einen großen Schritt nach vorne gemacht. Doch leider ist damit noch nicht jegliches  Stigma aus der Welt geschafft und nach wie vor ist viel zu tun.

Es ist der 7. November 2016. Nach Stunden des Wartens in der Kälte ist es endlich soweit. Die Mitglieder der Band Panic! at the Disco betreten die Bühne und um mich herum bricht tosender Jubel aus. Ich werde mitgerissen von der allgemeinen Euphorie. Der achte Song auf der Setlist des Abends ist ein ganz besonderer. Kurz nachdem Brendon Urie, der Frontman, die ersten Töne angestimmt hat, wirft die Person direkt vor mir die Regenbogenflagge der LSBT-Bewegung auf die Bühne. Brendon fängt sie breit grinsend auf und klemmt sie in den Mikrofonständer. „Girls love girls and boys. And love is not a choice.“ Diese Worte singe ich aus vollster Überzeugung mit. Der Song „Girls/Girls/Boys“ spielt mit dem Thema der Bisexualität. Ganz besonders wird darin betont, wie wichtig es ist, zu sich zu stehen, gleichzeitig würdigt Brendon aber auch den Mut, den es kostet „out“ zu sein. Denn auch heute haben Mitglieder der LSBT-Community mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen und sich zu seiner Sexualität zu bekennen ist ein großer Schritt – selbst hier bei uns in Deutschland.

Um die Situation vollends begreifen zu können, bleibt einem nichts anderes übrig, als zunächst einen Blick auf die nähere Vergangenheit zu werfen – schließlich es ist noch gar nicht so lange her, dass Homosexualität in Deutschland gesetzlich verboten war.

Im Jahr 1872 trat der Paragraf 175 (§175 RStG) in Kraft, der im Volksmund auch als „Homosexuellenparagraf“ bekannt  ist. „Widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern war entweder mit Gefängnis oder Aberkennung der bürgerlichen Rechte zu ahnden.

Homosexualität im Nationalsozialismus

Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten verschärfte sich die Situation. Ab 1935 beschränkte  sich das Verbot von Homosexualität nicht länger nur auf sexuelles Verhalten. Eine genaue Zahl der Verurteilten gibt es nicht, man geht jedoch von circa 50.000 Männern aus, die aufgrund ihrer Sexualität im Gefängnis landeten und gar 15.000, die in verschiedene Konzentrationslager gebracht wurden. Von den Deportierten überlebte nur eine Minderheit.

Die Entwicklungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs

Nach Kriegsende wurde der Paragraf weder aufgelöst noch entschärft. Weiterhin wurden Männer aufgrund ihrer sexuellen Vorlieben verurteilt. Im Jahre 1957 wurde in der BRD eine Klage dagegen sogar zurückgewiesen. Die DDR entschärfte im gleichen Jahr den Paragrafen und schaffte ihn 1969 ganz ab. In diesem Jahr kam es auch zu einer Änderung des Gesetzes in der BRD. Homosexuelle Handlungen zwischen zwei Männern über 21 waren nicht länger strafbar. Im Jahr 1972 wurde das Alter auf 18 herabgesetzt.

Ganz abgeschafft wurde das Gesetz jedoch erst 1994 – zwei Jahre nachdem Homosexualität offiziell aus der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD) der Weltgesundheitsorganisation gestrichen worden war.

Ab 2001 gab es in Deutschland erstmals die eingetragene Lebenspartnerschaft. Diese ermöglichte es gleichgeschlechtlichen Paaren eine eheähnliche Verbindung einzugehen, war allerdings der herkömmlichen Ehe nicht gleichgestellt.  Im Jahr 2017 wurde nun nach langem Hin und Her die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partner geöffnet. 2017 war auch das Jahr, in dem alle unter §175 verurteilten Männer endlich rehabilitiert wurden.

Trans-Rechte von 1981 bis heute

Für Trans-Personen tat sich im Jahr 1981 etwas. Dank dem Transsexuellen-Gesetz waren sie ab Januar desgleichen Jahres in der Lage ihren Personenstand zu ändern.  Bis 2011 war außerdem eine Geschlechtsangleichung der Genitalien vonnöten. Dies ist nun nicht mehr vorgeschrieben, da das Bundesverfassungsgericht entschied, dass dies als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit zu werten sei.

Klassische vs. moderne Homophobie

Oft hört man in Diskussionen bezüglich Homophobie und Diskriminierung gegen Mitglieder der LSBT-Gemeinde den Spruch: „Ihr könnt jetzt doch sogar heiraten. Ist das nicht genug?“ Die Antwort darauf ist: „Nein. Das ist nicht genug.“ Denn noch immer sind Menschen, die nicht in unsere heteronormative Gesellschaft passen, Vorurteilen, Ausgrenzung und Diskriminierung ausgesetzt.

Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) zeigt, dass klassische Homophobie in Deutschland nur noch selten vertreten ist. Nur noch 9,7% der Befragten waren der Meinung Homosexualität sei unmoralisch. Ein bisschen mehr stimmten der Aussage zu, Homosexualität sei unnatürlich. Hier waren es 18,3%. Diese Ansichten sind inzwischen von anderen ersetzt worden. Auf die Frage, ob Homosexuelle ihre Sexualität zu sehr aufspielen, antworteten 43,6% mit ja. 26,3% der Befragten stimmten der Aussage zu, dass das Thema zu viel mediale Aufmerksamkeit bekommt. Des Weiteren gab ein Viertel (26,5%) an, möglichst wenig mit Homosexualität zu tun haben zu wollen.

Auch ist es immer noch vielen unangenehm, wenn sie gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit dabei sehen. Dabei ist die Anzahl der Personen, die zugeben, Zuneigung zwischen zwei Männern bereite ihnen Unwohlsein, höher (38,4%), als die Anzahl, die sich im Angesicht zweier Lesben nicht wohl fühlen (27,5%). Im Vergleich dazu ist es nur 10,5% der Befragten unangenehm Liebesbekundungen zwischen einem Mann und einer Frau miterleben zu müssen. Diese Ansichten beschreibt die ADS als „moderne Homophobie“.

Außerdem verändert sich die Einstellung zu Lesben und Schwulen, je näher die Person einem ist. Mit einem schwulen Kollegen oder einer lesbischen Kollegin hätten nur 12,6% bzw. 11,8% ein Problem, beim Sohn oder der Tochter sieht das schon anders aus: 40,8% bzw. 39,8% der Befragten gaben an, dass es ihnen Bedenken bereiten würde, wenn ihr Kind sich outen würde.

Zunehmende Straftaten

Straftaten gegen Homo- und Bisexuelle sowie gegen Trans-Personen haben zugenommen. Waren es im ersten Halbjahr von 2016 102 Fälle von Übergriffen gegenüber Mitgliedern der LSBT-Gemeinschaft, stieg 2017 die Anzahl im ersten Halbjahr auf 130, wovon in den meisten Fällen kein ersichtliches Motiv zugrunde lag. Dies wurde deutlich aus einer Antwort der Regierung auf die Anfrage des Grünen-Politikers Volker Beck. Viele Straftaten werden außerdem nicht richtig erfasst, es gibt eine äußerst hohe Dunkelziffer.

Homosexualität – noch immer ein Tabu

In zahlreichen Staaten ist Homosexualität auch heute noch verboten. Laut eines Reports der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) gibt es auch 2017 immer noch 72 Länder, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen illegal sind. In 45 Fällen sind sowohl Schwule als auch Lesben betroffen. Acht Staaten üben unter dem Scharia-Gesetz immer noch die Todesstrafe aus.

In kleinen Schritten zum Ziel

Was können wir daraus schließen? Bei uns in Deutschland hat sich bereits sehr viel getan. Es muss aber noch mehr passieren. Dabei muss man sich erst den kleinen Dingen widmen, bevor man die großen Probleme angeht – von der Repräsentation in den Medien, über Sexualkundeunterricht an Schulen, der wertfrei über die Vielfältigkeit der Sexualitäten informiert und somit Vorurteilen vorbeugen könnte, bis hin zu besserer Verfolgung von homophoben Straftaten.

Außerdem muss der Scheinheiligkeit großer Unternehmen ein Ende gesetzt werden. Ein Beispiel ist YouTube: Oft betont das Unternehmen seine liberale und weltoffene Einstellung. Im Jahr 2017 jedoch zeigte sich das Gegenteil, als YouTube einen neuen Modus einführte, der die Seite „familienfreundlicher“ gestalten sollte. Jedoch waren nicht nur Videos mit anstößigem Inhalt gesperrt. Fast jeglicher LSBT-Content war nicht mehr aufzufinden, sobald man den Modus aktivierte.

Probleme auch innerhalb der Community

Ganz wichtig ist, dass nicht nur die breite Masse aufgeschlossener im Umgang mit LSBT-Personen werden muss – auch die Community selbst muss sich der allgemeinen Bevölkerung noch mehr öffnen. Man kann nicht erwarten, dass die einen sich ändern, während die anderen an ihren Einstellungen festhalten.

Zum einen muss an der Hypersensibilität bezüglich Diskriminierung gearbeitet werden, diese hilft dem Zweck der Bewegung nur wenig. Im Gegenteil, sie schadet ihr eher. Der zweite wichtige Punkt ist die Solidarität innerhalb der LSBT-Community selbst. Ausgrenzung von Sexualitäten, die nicht in das Bild der Homosexualität passen oder Sprüche wie „no fats, no asians“ sind keine Seltenheit und so bilden sich innerhalb einer Gemeinschaft, die ohnehin schon als Minderheit gilt, noch mehr Splittergruppen, die sich gegenseitig diskriminieren. So kann man sich nach außen nicht als ernstzunehmende Gruppe präsentieren.

Man sieht also, dass beide Seiten an sich arbeiten müssen, um das bestehende Stigma aus dem Weg zu räumen und ein harmonisches Miteinander zu ermöglichen.

Nochmal zurück zum 7. November. Der Moment, in dem ich die ersten Töne von Girls/Girls/Boys hörte und sah, wie der Sänger die Pride-Flagge auffing, war unvergesslich. Die Akzeptanz und pure Freude, die in der Luft lag, war euphorisierend. Man hätte fast vergessen können, dass „die Welt da draußen“ noch nicht so weit ist. Bis wir dahin kommen, bleibt es „work in progress“ und irgendwann wird hoffentlich jeder begriffen haben, wovon Brendon Urie singt.

Von Tabea Lother

Textquellen:

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/180263/20-jahre-homosexualitaet-straffrei-10-03-2014

http://ilga.org/downloads/2017/ILGA_State_Sponsored_Homophobia_2017_WEB.pdf

http://www.gedenkort.de/chronik.htm

http://www.tagesspiegel.de/berlin/queerspiegel/studie-zur-homosexualitaet-die-akzeptanz-in-deutschland-ist-begrenzt/19243590.html

http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Umfragen/Handout_Themenjahrumfrage_2017.pdf?__blob=publicationFile&v=4

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-08/homophobie-deutschland-attacken-schwule-lesben

https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2015/DJI_Broschuere_ComingOut.pdf

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/statistik-des-innenministeriums-schwule-und-lesben-werden-100.html

https://www.tagesschau.de/inland/homophobe-uebergriffe-101.html

 

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