Haie. Sie gelten als die perfekten Räuber der Ozeane. Ihre Zähne sind scharf wie Rasierklingen, sie werden von Blut wie Vampire angezogen und wo sie auftauchen lauert der Tod. Ein Sturm auf hoher See. Die Wellen türmen sich meterhoch auf und brechen über dem Schiff zusammen. Schließlich kentert es, versinkt im Meer. Die Überlebenden versuchen verzweifelt, sich über Wasser zu halten, doch schon bald erscheinen die ersten Anzeichen der Gefahr. Eine graue Rückenflosse durchbricht die Oberfläche. Sie nimmt Kurs auf die panisch um sich tretenden Menschen und plötzlich ist einer von ihnen fort. Der Wind hat nachgelassen, das Meer ist plötzlich völlig ruhig. Eine weitere graue Rückenflosse, durchbricht die Wasseroberfläche.

„Wer Angst vor einem Tier hat, wird in dessen Verhalten immer das Bedrohliche erkennen!“ – Bertrand Russell

Bild 3Wer von uns kennt nicht das Gefühl, Angst zu haben? Wenn man zum Beispiel als Kind in den dunklen Keller musste oder heute fürchtet, seinen Job wegen Stellenabbau zu verlieren. Jeder hat vor etwas anderem Angst, aber beim Gedanken an Haie geht es fast allen ähnlich. Wir fürchten uns vor ihrer Größe, ihrer Kraft und das es für sie so einfach ist, uns zu töten. Ein Tigerhai könnte sich theoretisch beinahe direkt neben einem Schwimmer in einer vermeintlich sicheren Bucht befinden und der würde es wahrscheinlich nicht einmal bemerken. Und wer jetzt denkt, das Problem habe man nicht, denn man bade ohnehin nur in Süßwasser, weit gefehlt, denn auch dort gibt es das Raubtier. In Australien zum Beispiel schwimmt so mancher Bullenhai durch den Fluss. Die Gefahr, dass es hier zu einem Angriff kommt, ist durchaus berechtigt.

Ist der Hai also das Monster, dass wir, nicht zuletzt dank Spielbergs „Der weiße Hai“, in ihm sehen? Die Frage ist berechtigt, denn eine gewisse „Grundfurcht“ ist uns quasi genetisch mitgeben worden und macht uns auch heute noch darauf aufmerksam, dass ein Tier mit solchen Waffen uns rein körperlich einfach weit überlegen ist. Wäre diese Angst nicht, wären wir wohl schon lange ausgestorben, denn der Hai ist und war definitiv nicht das einzige Tier mit großem Maul und spitzen Zähnchen.

Doch wir lernen auch, Angst zu haben. Durch Erziehung, durch Medien und so wird eine Angst manchmal auch zu einer Art übertragenem Massenphänomen. Doch ein so starkes Gefühl sorgt gerne auch dafür, dass die Grenze zwischen Realität und Vorurteilen verschwimmt. So glauben viele Menschen, Haie würde von ihrer blutenden Schnittverletzung am kleinen Zeh über Kilometer angezogen werden um sie dann komplett zu verschlingen. Dem ist nicht so. Es ist wahr, dass der Geruchssinn der Tiere feiner ist, als wir es uns je vorstellen könnten, aber eben auch, dass sie unterscheiden können, nach was es riecht. Da der Mensch eigentlich nicht auf ihrem Speiseplan steht, werden die meisten Haie den Zeh also an Ort und Stelle belassen. Erst recht, wenn dieser sich in weiter Entfernung befindet, denn auch eine solche Supernase kann einen Tropfen Blut nicht im ganzen Ozean wittern.

Ein weiterer Grund für die Angst vor dem Raubtier ist, dass wir ihre Wesen nicht verstehen. Ein blitzschneller Angriff, heftiges reißen und zerren am blutenden Kadaver, immer auf der Suche nach Beute. Wir sehen sie als die gewalttätigen Choleriker im Unterwasserreich. Der Gedanke, alle Haie wären von Natur aus aggressiv, ist aber genauso pauschal wie der Glaube, jeder Pitbull wäre ein Kampfhund und würde gerne kleine Kinder fressen.

Zu den häufigsten Opfern von Haiangriffen zählen Surfer. Weil sie von unten aussehen wie Seehunde? Ein Tier mit solchen Supersinnen müsste es doch eigentlich besser wissen oder? Obwohl die Theorie mit der potentiellen Beute immer noch geläufig ist, sind inzwischen viele anderer Meinung. Haie sind neugierig. Sie „probieren“ gerne und weil die Evolution ihnen keine Hände vergönnt hat, muss das Maul herhalten. Sogenannte „Testbisse“ kommen immer mal wieder vor und meist bleibt es auch dabei. Bei solchen Zähnen kann allerdings auch ein einziger Biss tödlich enden. Weitere Theorien plädieren auf territoriales Verhalten oder gar eine unterbewusste Provokation des Surfers, die die Tiere zum Angriff verleitet. Doch was auch immer die Gründe für die Angriffe auf Menschen sind, sie schüren die Angst vor dem „Ungeheuer der Tiefe“.

Insgesamt gibt es ca. 460 bekannte Haiarten, doch nur jede fünfte wird dabei größer als ein Mensch und damit zur potenziellen Gefahr. Die Liste der gefährlichsten Arten führen meistens der weiße Hai, der Bullenhai und der Tigerhai an, doch das Risiko wirklich Opfer eines Angriffs zu werden liegt bei 1 : 240 Millionen.

© SeaSheperd

© SeaSheperd – Operation Apex Harmony

Dass die Chance, von einem Getränkeautomaten erschlagen zu werden, größer ist, als durch einen Hai zu sterben, ist für viele aber nur ein nebensächliches Detail. Im Jahr 2014 wurden mehr Menschen durch Kühe getötet und auch herabstürzende Kokosnüsse stellen ein höheres Gesundheitsrisiko dar. 2015 waren Tode durch „Selfies“ häufiger! Doch die Angst vor dem gefährlichen Raubtier bleibt und das auch nicht ohne Folgen – für die Haie. Wir Menschen führen einen regelrechen Krieg gegen sie. Jährlich werden ca. 100 Millionen Tiere getötet. Sie enden nicht nur als Beifang bei Fischen, sie bleiben in Netzen hängen, die uns vor ihnen schützen sollen und verenden qualvoll. Sie werden gejagt, auf Boote gezogen, auf denen ihnen lebendig die Flossen abgeschnitten werden und dann wie Müll über Bord geworfen. Diese Tortur wird als „Finning“ bezeichnet und was bleibt ist der bittere Gedanke, dass das alles für Suppe passiert – Haifischflossensuppe.

Die größten Exemplare dieser Tiergattung, wie der Walhai mit einem Gewicht von bis zu 12 Tonnen und einer Länge von über 10 Meter, fressen hauptsächlich Plankton und machen noch nicht einmal den Fischern große Konkurrenz. Trotzdem stehen sie auf der Liste der bedrohten Arten, wie viele anderen Haiarten auch, denn ihr Fleisch erzielt hohe Preise.

Der Hai gehört seit 400 Millionen Jahren in unser Ökosystem. Das Meer braucht ihn, um im Gleichgewicht zu bleiben. Menschen gehören nicht ins Wasser und wenn sie es tun, vergessen sie, dass sie sich dabei in das Revier der Haie begeben. Wären wir nicht auch etwas überrascht, wenn unser Nachbar plötzlich in unserem Wohnzimmer steht ohne, dass wir ihn eingeladen haben? Unzählige Begegnungen mit diesen Tieren zeigen, dass sie keinesfalls nur aufs Töten aus sind. Falsches Verhalten führt zu Unfällen oder in manchen Fällen einfach nur Pech. Haie gehören nicht in einen Streichelzoo. Sie sind durch die Evolution die perfekten Jäger – aber keine Mörder.

Lisa Morr
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