Erschreckende Bilder und dramatische Schicksale sowie gesundheitsschädigende Spätfolgen umkreisen die Plastikwelt wie Aasgeier. Die Vielzahl an Statistiken schockiert offensichtlich noch nicht genug, um das Bewusstsein der Menschen aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Ein Ratgeber und Selbsttest zum plastikfreien Konsum. 

Wir lieben die Ach-so-bequeme-Plastikwelt. Morgens der Coffee-To-Go, mittags ein leckeres Menü aus der praktischen Plastikbox inklusive Kunststoffgabel und abends eine Plastiktüte, um die Einkäufe nach Hause zu tragen. Studien haben ergeben, dass sich die Kunststoffabfallmenge in Deutschland im Zeitraum von 1994 bis 2013 auf 6 Millionen Tonnen pro Jahr verdoppelt hat und dabei nur 42% recycelt werden, nachdem diese ausgedient haben. Plastik ist überall – leider vor allem da, wo es nicht hingehört, in den Weltmeeren. Dort findet man nachweislich inzwischen mindestens sechsmal so viel Plastik wie Plankton. Selbst in unserem Blut ist Plastik nachweisbar. Über die Nahrungskette gelangen die Partikel und den täglichen Umgang mit Plastikprodukten am Ende in unseren Körper, dort schädigen insbesondere Weichmacher (BPA und Phtalat) Körperfunktionen und hormonelle Einflüsse. Fettleibigkeit, Diabetes, Allergien und Fehlgeburten sind dabei nur der Anfang der Fahnenstange. Erschreckend?

Kreislauf der Plastikmoleküle

Ironie der „Health-Bewegung“

Ich stehe im Supermarkt an der Kasse, eigentlich ein ganz normaler Tag. Vor und hinter mir stehen ganz normale Menschen und warten ungeduldig auf den Bezahlvorgang. Die Dame vor mir, geschätzt Mitte 30, ist gut gekleidet und legt eifrig Obst und Gemüse auf das Kassenband. Nennen wir die gute Frau mal Madame LeStrange. Gute Ernährung ist ja total wichtig in der heutigen Zeit, vor allem setzen hier immer mehr Menschen auf die Bio zertifizierten Produkte. Ziemlich stolz verschwinden die Bio-Artikel in der soeben erstandenen Plastiktüte mit übergroßem Werbeaufdruck. Die Orangen in einer dünnen Plastiktüte, daneben die Zucchini fein säuberlich vom Rest in einer weiteren Plastiktüte getrennt, Karotten sind praktischerweise bereits in einer selbigen abgepackt. So verschwindet Plastiktüte in Plastiktüte. Und wie ich so den Vorgang beobachte, der mir im Übrigen wie eine halbe Ewigkeit vorkommt, geht mir so Einiges durch den Kopf. „Hab ich den Herd daheim eigentlich angelassen?“, grüble ich vor mir hin, „die Orangen sehen heute richtig lecker aus“. Aber ein ganz bestimmter Gedanke lässt mich seit dem Betreten der Supermarktfiliale nicht mehr los „Was passiert mit all den Tüten und Verpackungen, die wir so gerne verwenden und jedes Mal aufs Neue vor uns hertragen? Was ist eigentlich, wenn das alles gar nicht so ungefährlich für dich, mich und alle anderen ist? Und wird darüber überhaupt nachgedacht geschweige denn gesprochen?“. Am letzten Gedanken halte ich mich wie eine Fliege am Strohhalm im Wasserglas fest.

Keine Liebe für Mutter Erde

Natürlich überdenken wir Menschen all unser Tun, man sagt ja auch wir sind sehr rational hinsichtlich solcher Angelegenheiten. Vielleicht so rational, dass wir gar nicht wahrnehmen, was das für das große Gesamte, für die Erde bedeutet. Vielleicht haben wir keine Empathie für die Erde. Vielleicht wollen wir das auch gar nicht, denn wir leben im Hier und Jetzt und was in 30, 40, 50 Jahren ist, kann uns doch sowieso egal sein. „Schnurzpiepegal!“

Was ist, wenn jeder so gedacht hätte? Dann wären wir meiner Meinung nach noch lang nicht so hochentwickelte Individuen wie wir sind. Naja hochentwickelt klingt echt gut, aber dürfen wir unsere Spezies wirklich so schimpfen oder sind wir am Schluss gar nicht so up to date wie es den Anschein hat. Natürlich, die Vielzahl der Erfindungen, Innovationen und anderem Kram will ich nicht unter den Tisch kehren, aber mal ehrlich: „Haben wir alle gebraucht? Nicht nur für nötig gehalten, weil sie eben so unglaublich praktisch sind, sondern wirklich gebraucht.“ Das Thema ist ein gewaltiges Kapitel, das bemerke ich, während ich meine Gedankengänge weiterspinne. Brauchen wir ernsthaft Zitronen, die einzeln in Folie eingeschweißt sind? – Also nichts gegen Hygiene und Sauberkeit, aber das hat doch nichts mehr mit einer Marotte zutun. Muss ich jede Gemüsesorte getrennt in Plastiktüten stecken, dass die Jungs und Mädchen sich auch ja nicht zu nahekommen? (Habe gehört das soll vor allem bei Gurken und Zucchini ganz schwierig sein) – Spaß beiseite, denn irgendwie bin ich mir nicht sicher, ob das annähernd lustig sein darf.

Die Macht der Plastik-Junkies

Madame LeStrange hatte während des Auflegens ganz brav eine Tüte unterhalb des Kassenbandes herausgefischt und diese dazugelegt. Die Produktpalette der Einkaufstüten war gefühlt nie größer. Die Auswahl fällt fast schwerer als ein Autokauf, wenn man schon spürt wie hinter einem auf eine zügige Abwicklung gewartet wird. „Tick, tack.“ Ich kann mich nicht entscheiden, ob normale Plastiktüte, die High-End Plastiktüte mit extra dicken Tragegriffen, die etwas kleinere Ausführung der normalen, die Papiertragetasche mit Ökozeichen, die aus recycelten Flaschen hergestellte Riesentasche für Großfamilieneinkäufe oder die beigefarbene, ziemlich langweilig anmutende Jute-Stofftasche. Wichtiger Add-on: lt. Angaben der deutschen Umwelthilfe verbraucht jeder Deutsche allein pro Kopf und Jahr 71 Plastiktüten – man kennt also schon die Wahl bevor man sie treffen konnte. Während ich versuche eine effiziente Entscheidung zu treffen, sehe ich eine erschlagende Welle aus Plastikartikeln auf mich zukommen. Duschgel, Haarshampoo, Joghurt, Wasser… Die Welle überrollt mich mit ihren Einzelteilen.
Zuhause wird vorbildlich getrennt, der gelbe Sack erledigt das Übrige. Die Beobachtungen, die ich jedoch hinsichtlich dessen gemacht habe, waren erschütternd. Am Boden zerstört musste ich mir selbst eingestehen, dass die Ironie des gelben Sacks eigentlich die ist: Dass selbst der gelbe Sack aus Plastik hergestellt wird. Bevor ich weiter darüber sinne, halte ich mir vor, dass das alles gar nicht so wild ist. Der gelbe Sack ist einmal im Monat voll, ist doch ‘n ganz guter Schnitt. Naja besser geht immer, das ist schon klar. Aber ich stelle fest: Wir sind Plastik-Junkies.

Tipps&Tricks zum plastikfreien Konsum

Schon oft habe ich über eine Plastik-Entschleunigung philosophiert und immer wieder neue Dinge ausprobiert, um meinen eigenen Konsum erheblich einzuschränken. Leider stellt sich die Unternehmung komplizierter dar als erwartet. Plastik ist mittlerweile überall – und das macht einen Verzicht so wahnsinnig schwer. Welches Gourmet-Herz kann es verkraften die Steinpilztortellini im Kühlregal liegen zu lassen, weil sie wie alles andere auch eine Kunststoffhülle umgibt? Wozu sind Äpfel eingeschweißt und Wasser in Plastikflaschen abgefüllt? Bestimmt denkt keiner während dem Wocheneinkauf daran, dass wegen solcher Produktverpackungen Seevögel und viele Meerestiere stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Wir genießen einen leckeren, knackigen Apfel, zeitgleich verhungern Seevögel mit vollem Magen, da der Plastikinhalt ihnen ein stetiges Völlegefühl vermittelt.
Mit diesen düsteren Vorstellungen im Hinterkopf, habe ich viel recherchiert und Erfahrungen im Plastikkonsum gesammelt. Beeindruckt bin ich speziell von den verpackungsfreien Supermärkten. Gewürze und Kräuter werden aus großen in kleine Gläser gefüllt, Essig und Öl fließt aus Kanistern in Flaschen und Eier packt man in eigens mitgebrachte Kartons. Das funktioniert sogar mit Duschgel oder Waschmittel – das Selbst-Abfüllen-Prinzip bewährt sich also. Und wenn gerade kein eigener Behälter zur Hand ist, kann man einen wiederverwendbarem im Laden erwerben. Nicht nur einfach, auch zukunftsweisend. Man bezahlt, was man mitnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Es spart nicht nur Unmengen an Verpackungsmaterialien aus Kunststoff, die unter einem erheblichen Energieaufwand produziert werden, um dann alsbald im Müll zu landen. So kann man die Lebensmittelverschwendung mitunter reduzieren, denn ich nehme nur mit, was ich brauche.

25 Minuten Leben – 400 Jahre Last

Kunststoffverbrauch, weltweit sowie Europa in Mt.

Die Lebensdauer einer Plastiktüte wie von Madame LeStrange vor mir beträgt ungefähr 25 Minuten, das heißt sie darf kurz im Auto mit und praktischerweise mit in den dritten Stock getragen werden. Spätestens nachdem sie entleert wurde und alleingelassen in den nächsten Mülleimer gestopft wird, ist auch das Leben dieser Plastiktüte vorbei. 25 Minuten – 400 Jahre. Genau so lang oder länger dauert es jedoch bis diese in kleinere Teile zerfällt, denn vollständig ökologisch abgebaut wird sie eh nicht.
Aufgepasst – Stoffbeutel werden von der deutschen Umwelthilfe nicht durchweg empfohlen, da diese einen hohen Wasseraufwand aufgrund der Baumwollproduktion mit sich bringen. Das rechnet sich leider auch erst nach jahrelanger Nutzung. Besser seien natürliche Produkte, z.B. Weidenkörbe oder ähnliches sowie recycelte Kunststofftaschen. Klar wähle ich die ökologisch-wertvolle Seite. Super sind hier auch alte Weinkisten oder Metallkörbe, denn die halten ein Leben lang. Befestigt auf dem Fahrrad sind diese gleich doppelt umweltfreundlich.

Gerade piept es und der nette Kassierer stupst mich ganz aufgeregt an, weil ich auf seine Frage hin nicht geantwortet habe. Und wie ich da so stehe, fällt mir auf, dass ich die Waren wie in Trance in meinen Rucksack gepackt habe. Wie aus einem Albtraum gerissen stehe ich da und bezahle.

 

 

I.N.

Quellenverzeichnis:

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