Permafrost. Inseln. Norwegen. Eisbären. Ewiges Eis. Nordlichter. Samenbank. Diese Schlagwörter haben eines gemeinsam: Spitzbergen. Du willst wissen, wie diese Begriffe alle zusammenhängen und ob Longyearbyen auf deine „Bucket List“ gehört, dann erfahre hier mehr.

 

Körperliche Bewegungsfähigkeit: Theoretisch: Check! Geistige Bereitschaft zum Loslassen: KEIN Check! Warum ich eine Bestandsaufnahme mache, fragst du dich vielleicht? Weil meine Füße halb auf der Kante zu einem circa neun Meter tiefen Abgrund stehen. Alles, was ich jetzt tun müsste, ist, mich rückwärts nach hinten in ein Seil fallen zu lassen, um mit meinen Spikes an den Schuhen eine senkrechte Eiswand hinunter zu laufen. Mein Verstand sagt mir dabei: „Du bist mit einem Seil in kompletter Kletterausrüstung gesichert“. Meine Höhenangst sagt mir aber: „Bleib stehen, du könntest abrutschen und dir weh tun!“. Auf wen höre ich bloß?

Ich befinde mich mitten in einer Eishöhle mit drei Freunden. Unser Ziel ist eine angeblich atemberaubende, glitzernde Höhle. Die Herausforderung ist nur, dass sie am Ende eines sehr langen durch Temperaturverschiebungen geformten Art Schlauchs aus Eis liegt. Mal kann man darin stehen, mal muss man am Boden entlangrobben. Sehen können wir nur durch unsere Stirnlampen. Wenn wir sie ausschalten ist es stockfinster. Das beides beruhigt mich leider überhaupt nicht, denn ich leide nicht nur an Höhenangst, sondern auch an Klaustrophobie. Was habe ich mir nur dabei gedacht, als ich sagte, dass ich sehr gerne mitkäme? Ich vermute, mir wurde das Stunden zuvor subtil schmackhaft gemacht. Mir klingen noch Sätze in den Ohren, wie „Die glitzernde Eishöhle muss man einfach gesehen haben!“, „So eine Chance bekommt man nur einmal!“, „Du brauchst keine Vorkenntnisse im Klettern. Wir sind ja dabei!“ und so etwas wie „Jetzt bist du schon mal in Norwegen, da muss man das Komplettpaket mitnehmen!“. So viel erstmal zu meiner misslichen Lage.

Der größte Ort auf Spitzbergen: Longyearbyen.

Warum ist es so kalt?

Jetzt zoomen wir gedanklich mal aus meiner Situation heraus: Die Eishöhle befindet sich bei einem Ort namens Longyearbyen, auf der Insel Spitzbergen. Diese ist ein Teil einer Inselgruppe, die man gleichfalls Spitzbergen oder auch Svalbard nennt. Die Inselgruppe wiederum gehört zu Norwegen. Außerdem liegt sie ziemlich nah am Nordpol und ist zudem noch der nördlichste permanent bewohnte Ort überhaupt. Man kann sich daher vorstellen, dass es, vor allem in der Winterzeit, ziemlich kalt wird. Genauer gesagt kann es das ganze Jahr circa zwischen -25° im Winter und 17° Celsius im Sommer werden. Um noch einen oben drauf zu setzen, ist es dank der Nähe zum Nordpol vier Monate im Jahr auch noch dunkel. Nämlich von Ende Oktober bis Mitte Februar. Dafür geht von Ende April bis Ende August die Sonne gar nicht unter. Im Sommer gibt es sogar ungefähr sechs Wochen, die schneefrei sind. Je nachdem, ob man eher der romantische Typ ist und Nordlichter im Winter sehen möchte oder eher der Typ „ich mache die Nacht zum Tag“ ist, könnte man also demnach seinen Urlaub planen.

Wie lebt es sich auf Spitzbergen?

Außerorts im ewigen Eis unterwegs mit einem Gewehr.

Interessanterweise gibt es auf der ganzen Inselgruppe ungefähr so viele Einwohner wie Eisbären, nämlich etwa 3000. Dementsprechend muss man sich verhalten. Entfernt man sich von einem bewohnten Ort, muss man ein Gewehr tragen und am besten die „Ausgehdauer“ in einer Liste vermerken. Ist man in der angegebenen Zeit noch nicht zurück, wird sofort vom Hotel oder Gästehaus die Polizei informiert und ein Suchtrupp, gegebenenfalls auch ein Hubschrauber losgeschickt. Da die Gefahr, die von den Eisbären ausgeht, immens hoch ist, werden in den Orten auch die Häuser oder Autos nicht verriegelt. Falls ein Eisbär zum Beispiel auf der Suche nach Nahrung einen Abstecher durch Longyearbyen macht, kann man sich in das nächstgelegene Auto oder Haus retten. Das ist auch besser so, weil sterben darf man auf Spitzbergen offiziell sowieso nicht. Würde man nämlich dort begraben werden, würde der Permafrost den Leichnam, der auch nicht richtig verrotten kann, irgendwann wieder zu Tage fördern.

Longyearbyen mit Wohnhäusern, Hotels und Geschäften.

Jetzt zu den angenehmeren Informationen über Longyearbyen. Einkaufen kann man in einem einzigen Supermarkt, der aber wirklich alles führt, was man braucht. Wenn doch etwas nicht da ist, kann man einem Verkäufer seinen Wunsch äußern. Die Geschäftsführung nimmt das dann unter Umständen mit ins Sortiment auf. Bezahlt wird übrigens mit norwegischen Kronen. Eine bemerkenswerte Sache, die es in der Stadt gibt, ist eine Art Tauschbörse für Outdoorsachen, vor allem für Kleidung. Physisch sieht das so aus, dass man in ein kleines Häuschen geht, dessen Tür natürlich immer offensteht und sich dort aus den Regalen oder von den Kleiderständern das nimmt, was man gerade benötigt und etwas, das man eventuell nicht mehr braucht, dort lässt. Wie du vielleicht schon ahnst, herrscht in Longyearbyen ein hohes Maß an Vertrauen. Die Einwohner sind außerdem sehr freundlich, offen und naturverbunden. Unterhalten kann man sich mit ihnen auch in Englisch, obwohl die offizielle Sprache Norwegisch ist. Dies kann man unter anderem in anderen Geschäften, Kneipen, Restaurants, Kindergärten, einer Schule, einem Schwimmbad, einem Kino, einer Kirche, einem Museum oder an einer Tankstelle.

In welchen Branchen könnte man arbeiten?

UNIS: Die arktische Universität mit naturwissenschaftlichem und technischem Schwerpunkt.

Wenn man von den diversen kleineren „Einrichtungen“ spricht, muss man auch die größeren erwähnen. Dazu zählen die Forschung, der Kohleabbau und der Tourismus auf Spitzbergen. Geschichtlich macht diese Reihenfolge Sinn, weil seit Mitte des 18. Jahrhunderts einige naturwissenschaftliche Expeditionen um und auf Svalbard stattfanden. Von besonderem Interesse waren (und sind heute noch) die Themen Meteorologie, Kartografie, Geomagnetismus und die Polarlichter. Erst 1993 wurde ein Universitätszentrum, namens UNIS („UNIversity centre in Svalbard“) errichtet, mit dem Ziel der Anlauf- und Forschungsort schlechthin für arktische Studien zu sein.

Die größte Samenbank der Welt. Foto von Mari Tefre.

Etwas ganz Besonderes ist die größte Samenbank der Welt. Am 26. Februar 2008 wurde in der Nähe der Stadt Longyearbyen der sogenannte „Saatgut-Tresor“ feierlich eröffnet. Der Hintergedanke dieses Bauprojekts war und ist, dass im Falle einer Katastrophe, die Nahrung durch Samen und Saatkörnern aus der ganzen Welt gesichert wäre. Insgesamt lagern in dem Bunker 2,25 Milliarden einzelne Samen. Saatgutbanken aus allen Ländern können ihre Proben dort hinschicken und aufbewahren lassen. Eine Probe besteht aus circa 500 Samen, die in versiegelten Kisten gelagert wird. Der Unterschied zwischen dem „Svalbard Global Seed Vault“ und anderen Samenbanken ist, dass dort nicht mit den Samen geforscht wird. Der Tresor dient lediglich zum Erhalt und Schutz der verschiedenen Samenarten.

Mit den damaligen Expeditionen wurden Anfang des 19. Jahrhunderts Kohlevorkommen entdeckt. Seitdem gibt es den Bergbau auf Spitzbergen. Noch heute sind knapp die Hälfte der Einwohner im Bergbaugeschäft tätig. Auch in Longyearbyen ist heute noch eine Mine aktiv.

1975 wurde ein internationaler Flughafen gebaut und eröffnet. Mit ihm kamen Touristen und die Tourismusbranche erwachte. Etwa 70.000 Menschen besuchen heute jährlich Spitzbergen. Dies kann folgende Gründe haben:

Was kann man neben Eisklettern auf Spitzbergen noch erleben?

Hundeschlittenfahren – nur eine der vielen Unternehmungsmöglichkeiten auf Spitzbergen.

Spitzbergen bietet nicht nur die klassischen Wintersportarten, wie zum Beispiel Skifahren, Schlittenfahren oder Langlaufen, sondern auch Hundeschlitten oder Schneemobil fahren. Wenn man übrigens von Longyearbyen zu einem anderen Ort möchte, muss man das meistens mit einem Schneemobil machen, da es keine Straßen durch die Schneewüste gibt. Kommt man dagegen in den Sommermonaten, vor allem dann, wenn kein Schnee liegt, kann man wandern, beziehungsweise Bergsteigen gehen. Der Name Spitzbergen kommt nicht umsonst von einem Seefahrer, der damals die „spitzigen Berge“ beschrieb. Weitere Aktivitäten wären Kajak fahren oder mit einem Schiff die Insel zu umrunden. Bei den zahlreichen Outdooraktivitäten kann es passieren, dass man, wenn man Glück hat, auf wilde Tiere stößt. Beobachten könnte man dann beispielsweise Elche, Schneefüchse, Robben, Wale oder auch mal einen Eisbären.

Wenn man möchte, kann man Elche oder Wale nicht nur sehen, sondern auch schmecken. So ein exotisches Geschmackserlebnis kann man sich zum Beispiel in einem der Restaurants in Longyearbyen holen. Das schönste Erlebnis ist es aber wahrscheinlich, die Nordlichter zu beobachten. Diese sieht man logischerweise nur, wenn es dunkel ist. Selbst dann muss man sich noch auf die Monate September bis März beschränken und zusätzlich auf einen klaren Himmel hoffen. Die Aurora Borealis könnte theoretisch aber auf Svalbard in etwa acht von zehn Nächten bestaunt werden.

Für wen ist Spitzbergen etwas?

Du hast es vielleicht schon bemerkt: Spitzbergen bietet eine Menge für Sportler, Extremsportler, Abenteuerlustige und Naturverbundene. Wenn du jetzt aber an den Anfang dieses Artikels denkst und dich in meine Situation hineinversetzt hast, kannst du erraten, dass ich nicht so ein Typ bin. Wäre ich Sportler, hätte ich mich wohl ohne Nachzudenken fallen gelassen.

Nun werde ich die anfangs gestellte Frage lösen: Habe ich auf meinen Verstand oder die Höhenangst gehört? Der Verstand hat gesiegt. Mit dem Vertrauen, dass ein Freund das Seil fest in den Händen hielt, an dem ich gebunden war, und einem kurzen Aufschrei, ließ ich mich nach hinten kippen. Einfach war es nicht, mit den Spikes an der Wand zu laufen, aber ich habe die Angst überwunden und es letztendlich geschafft, heil am Boden anzukommen. Die weitere Tour durch den Schlauch aus ewigem Eis meisterte ich auch. Die Belohnung war in Sicht und meine Freunde hatten nicht zu viel versprochen. So eine glitzernde Höhle aus Eis gehört zu den Dingen, die man mit eigenen Augen gesehen haben muss. Der Vergleich mit Millionen funkelnden Diamanten kommt nur annähernd an eine Beschreibung dieser Höhle.

Die glitzernde Eishöhle – die Belohnung für den langen Weg durch das ewige Eis.

Hättest du dich dafür fallen gelassen?

 

Ein Artikel von Isabell Spindler

 

Quellen:
https://www.spitzbergen.de/landeskunde-und-tipps/siedlungen-und-stationen/longyearbyen.html
https://www.travelbook.de/orte/skurrile-orte/longyearbyen-in-norwegen-in-dieser-stadt-ist-sterben-verboten
https://www.visitnorway.de/reiseziele/spitzbergen/
https://www.polarlichter.info/wann.htm
https://www.regjeringen.no/en/topics/food-fisheries-and-agriculture/svalbard-global-seed-vault/photo/the-opening-seremony-26022008/id501979/

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