Krieg mitten in Europa. Bomben fallen, Maschinengewehre rattern, Granaten werden geworfen, jeden Tag sterben Menschen. Insgesamt sollen bisher bei den Kämpfen in der Ostukraine mehr als 5 000 Menschen ums Leben gekommen sein. Und das ist eigentlich unvorstellbar, genau vor 4 Jahren war hier in der Ostukraine ganz Europa zu Gast, genau gesagt in der Stadt Donezk hat das Halbfinale der Fußball-EM 2012 stattgefunden. Spanien hat dort 4 Tore gegen Portugal geschossen und ist schließlich ins Finale gekommen. Geschoßen wird jetzt auch im Donezk – aber nicht mehr mit den Fußbällen. Aber warum eigentlich, warum wird in der Ukraine gekämpft? Und warum ist es so schwierig herauszufinden was die Wahrheit ist?!…

Das, was gerade in der Ukraine passiert, kann man aus der Ferne nur ganz schwer beurteilen. Deswegen habe ich versucht die Antwort auf diese Frage vor Ort zu finden.

Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – Carl von Clausewitz

Natali, 25, Immobilienmaklerin aus Lemberg (Ukraine)

„Zwischen der Ukraine und der EU sollte es auf wirtschaftlicher und militärischer Weise zu einer Zusammenarbeit kommen. Zu der Wirtschaftlichen Zusammenarbeit hat sich die EU das Assoziierungsabkommen ausgedacht. Allerdings wurde das Bestreben der Ukraine das Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen vom gestürzten Präsidenten Janukowitsch im Oktober 2013 aufs Eis gelegt. Dies löste die Demonstrationen in der Ukraine aus. Die Ukraine ist selbst kein EU Mitglied, aber es sollten ähnliche Standards gelten wie für EU-Länder, was den Handel angeht. Militärische Zusammenarbeit: die Ukraine sollte NATO Mitglied werden. Dann könnten die Soldaten aus den anderen NATO-Ländern in der Ukraine stationiert werden. Die Regierung von Russland sah diese Situation für sich als Bedrohnung: die Ukraine ist traditionell ein Land, das sehr enge Handelsbeziehungen mit Russland pflegt und jetzt kommt auf einmal die EU und versucht die Ukraine an sich zu reißen. Die Ukraine war auch für Russland eine sichere Pufferzone zwischen anderen NATO-Ländern. Aus russischer Sicht wurde eine legitim gewählte Regierung und ein legitim gewählter Präsident in der Ukraine gestürzt, abgesetzt und durch eine Marionette Regierung des Westens ersetzt – Petro Poroshenko. Wohin das alles führen wird, war für Russland ganz klar – durch die angestrebte Aufnahme der Ukraine in die EU und die daraus resultierte Zugehörigkeit der Krim zur EU könnte das ganze Schwarze Meer zu einem „NATO-Meer“ werden. Und um das alles zu verhindern hat Russland einen Mythos ausgedacht. Die Rechte der Russischsprachigen Bevölkerung im Osten der Ukraine und auf der Krim wurden missachtet und eingeschränkt. Dies beruht auf der „Mittelfristigen Strategie“ der Russischen Föderation aufgrund der besonderen Bedeutung der Ukraine für Russland, die durch die „Medvedev-Doktrin“ erstarkt ist. Unter der „Medvedev-Doktrin“ versteht man den besonderen Schutz der „russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine“. Folglich fühlte sich Russland verpflichtet die ukrainischen Bestrebungen in Richtung Europa zu ändern! Und die Tatsache, dass alle Ukrainer zweisprachig aufgewachsen sind und im Jahr 1991 ukrainische Angehörigkeit selber gewählt und angenommen haben, spielt heute keine Rolle mehr.“

Ilya, 21, Geografie-Student aus Kirov (Russland)

„Unsere Regierung will die Situation in der Ostukraine stabilisieren. Andere Länder sollten Russland dabei unterstützen – zumindest Europa sollte sich auf Russlands Seite stellen und nicht die Sanktionspolitik verstärken. Die Situation in der Region ist im vergangenen Jahr verschärft. Dort wird der Russische Teil der Bevölkerung benachteiligt. Ich bin ein Patriot, ich liebe Russland und ich werde niemals zulassen, dass die Russen gedemütigt werden. Die Bevölkerung dort ist russisch und wer soll sie eigentlich beschützen, wenn nicht wir. Wir können dieses Land und die Menschen dort nicht im Stich lassen, damit sie nicht von der Masse der Nationalisten überrollt werden. Das ist doch alles Unsinn, wir haben in der Ostukraine keine russischen Truppen, das sind doch alles Menschen von dort. Ich stimme dir zu, es gibt Russen die dort kämpfen, sie machen es aber freiwillig, reine Privatsache.“

Alexandra, 25-jährige Kauffrau für Büromanagement aus St. Petersburg (Russland), lebt momentan in München

„In Russland werden Medien sehr stark vom Staat kontrolliert. Nur noch einige wenige Zeitungen bei uns dürfen noch unabhängig und kritisch berichten. Das russische Fernsehen ist zu Abspielstation für Putins Propaganda im In- und Ausland geworden. Die Medien sind bei uns ein zentrales Mittel der Politik. Es ist zurzeit der schwerste und unanständigste Informationskrieg. Putin betreibt Propaganda auch im Internet – pro Moskau und gegen Europa. Deshalb glaube ich daran nicht, was ich in den Medien lese. Ich versuche die Informationen aus verschiedenen Quellen zu sammeln und dann meine Meinung selber zu bilden. Ich will unabhängig denken können. Zum Glück bin ich im Ausland und so habe ich mehr Möglichkeiten dazu. In Russland ist es leider schwieriger eine unabhängige und sachliche Information vermittelt zu bekommen…“

Kostiantyn, 28, Student aus Moskau (Russland), lebt momentan in München

„Als die russische Bevölkerung die wirtschaftlichen Probleme zu spüren bekam, hat sich Putin wahrscheinlich dafür entschieden, seine innenpolitische Popularität durch militärische Aggression im Nachbarstaat zu sichern und zu erhöhen. Das größte Problem liegt darin, dass die Mehrheit der Russen wirklich an die konstruierte Bedrohung durch den Westen und all die anderen Kriegsmärchen sehr stark glaubt. Und ein bloßer Rückzug von diesem Projekt ist jetzt einfach nicht mehr möglich – es ist eine Niederlage, die sich Putin nicht leisten könnte, der totale Gesichtsverlust. Im dem Krieg geht es für Putin nicht wirklich um den Gewinn vom Territorium, darin unterscheiden sich die Ziele des russischen Präsidenten von den ideologischen Zielen der Separatisten. Ich bin der Meinung, dass er diesen Krieg nutzt, um seine Ambitionen und seine Macht ganz Europa und hauptsächlich den USA zu zeigen“.
Die Situation ist komplex und mehrdDer Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – Carl von Clausewitz (2)eutig. Jeder soll selber entscheiden können, an was er glauben will und er hat auch sein Recht dazu. Nur eines ist und bleibt unklar: wieso hat man mit den Emotionen des ukrainischen Volkes gespielt? Denn es ist nachvollziehbar, dass die Ukrainer ein besseres Leben anstreben. Jedoch führte die Assoziierung der Ukraine mit der EU dazu, dass die Ukraine in den “Zankapfel“ zwischen Russland und dem Westen geraten ist. Tatsache ist, dass es Russland misslungen ist mit Druck die Ukraine an seiner Seite zu halten. Dies führte zur völkerrechtswidrigen „Annexion“ der Halbinsel Krim und zur Destabilisierung der Ostukraine durch die Unterstützung der Separatisten. Die Emotionen der Ukrainer kochen, denn es sind viele Menschen wegen des Krieges in der Ostukraine gestorben. Söhne, Männer, Brüder sind im Kampf gegen die russische Aggression gefallen. Allerdings geht es Russland bei der Ukraine lediglich um die Einflusssphäre und die lukrativen Ressourcen. Die internationale Gemeinschaft muss aufwachen und begreifen, dass die Ukraine in dieser „gezerrten und instabilen“ Lage nicht dauerhaft erhalten bleiben kann. Es handelt sich um ein Volk mitten in Europa, dass Hilfe und eine diplomatische Regelung des Konfliktes braucht. Es geht nicht nur um das bloße Überleben der Menschen, sondern auch darum, inwiefern der durchschnittliche Ukrainer in diesen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in der Ukraine leben kann.

Es bleibt zu hoffen, dass das ukrainische Volk eine Chance auf ein besseres europäisches Leben haben wird, in dem nicht nur Frieden und Sicherheit, sondern sich auch europäische wirtschaftliche Prosperität etablieren kann. Man muss aus den Fehlern der Geschichte lernen. Der Frieden kann nur durch diplomatische und nicht durch die militärische Auseinandersetzung erreicht werden. Ein Krieg darf keine bloße Fortsetzung der Politik sein.

Tetiana Stasiuk
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