Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, Unfreundlichkeit. Aller guten Dinge sind drei und passen wie die Faust aufs Auge zur MVG. Täglich grüßen neue Oberleitungs-, Stellwerk- oder was-auch-immer für Störungen und täglich sind wir angehalten tief durchzuatmen. Nach meinem ersten Jahr in München und täglicher Nutzung des öffentlichen Verkehrsnetzes, habe ich das Bedürfnis ein paar Zeilen loszuwerden …

Quelle: Pixabay

München – Türstörungen, Probleme mit der Oberleitung, Weichenstörungen und Bauarbeiten. Die Münchner Verkehrsgesellschaft lädt zum allwöchentlichen Bingo-Spielen ein, wenn es um Gründe geht, die massiven Verspätungen des S-Bahn-Verkehrs zu entschuldigen. Man ist schon fast versucht, sich bei fünf richtig getippten Verspätungen in einer Woche eine Runde Schwarzfahren zu gönnen, um mit etwas Nervenkitzel der langsam einkehrenden Dauerschleife entgegenzuwirken.

Auf rund 1,5 Millionen Menschen, die täglich den öffentlichen Personennahverkehr in München nutzen, kommt im Schnitt jeder zehnte Zug zu spät. Das entspricht im Jahr 2019 einer Pünktlichkeitsquote von 93,75 Prozent. Ein Wert, der zwar nicht perfekt ist, aber selbstverständlich noch lange kein Grund für Prostest und schlechte Laune zu sein hat. Immerhin scheint das Problem mit der Verspätung bekannt, aber nicht gravierend genug für Veränderung zu sein. Es wird zwar viel versprochen, aber wirklich etwas für Verbesserung zu unternehmen, tut keiner. Ganz nach dem Motto: Das Kind liegt zwar im Brunnen, aber der gemeine Fahrgast soll doch bitte so viel Nachsicht haben, zu erkennen, dass es sich nur Arme und Beine und nicht gleich die Wirbelsäule gebrochen hat! So scheinen doch unerwartete Außeneinwirkungen wie der alljährlich wiederkehrende Wintereinbruch oder der natürliche Abnutzungsprozess von Oberleitungen das Einhalten eines Verbesserungsversprechens erheblich zu erschweren. Dass man trotz monatlichen Abo-Zahlungen dabei nie die 100 Prozent an Leistung einfordern kann, ist deswegen natürlich einleuchtend. Manchmal ist es eben höhere Gewalt.

Aber der unregelmäßige Bahnverkehr bietet trotzdem ein interessantes Unterhaltungsangebot: So kommt man beispielsweise als Teil eines überlasteten Zugs auf der Stammstrecke den anderen Fahrgästen – ob gewollt oder nicht – ganz besonders nahe. „Bitte steigts an allen Türen ein!“, ist hier die Zauberformel, welche das ultimative Zusammenspiel aus Körperkontakt und Geruchserfahrung suggeriert. Eingepfercht unter vielen in einem rollenden Käfig, der nach und nach gereizte Fahrgäste in sich hineinpumpt und dann wie eine Bulimiekranke einen Bruchteil davon bei der nächsten Station wieder ausspeit, nur um im Anschluss wieder die doppelte Menge aufzusaugen. Es ist ein äußerst angenehmes Schieben, Schnaufen, Pressen und Pöbeln. Denn egal, ob es der Rucksack des Vordermanns im Gesicht, die Achselhöhle des zehn Zentimeter größeren Nebenmanns oder der mit Zwiebeln vollgestopfte Döner, den sich – trotz Verbots!!! – jemand in unmittelbarer Nähe einverleibt, hier ist für jeden etwas dabei. Da lernt man das Privileg von uneingeschränkter Bewegungsfreiheit und frischer Luft erst wieder so richtig zu schätzen, wenn man an der eigenen Zielstation herausgewürgt wurde.

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Dass sich häufige Zugausfälle und Verspätungen aber auch kreativitätsfördernd und lukrativ äußern, beweist das Strickprojekt einer 55-jährigen Pendlerin, die ihre wohlverdienten Auszeiten am Bahnsteig dafür nutzte, einen Schal aus verschiedenfarbiger Wolle herzustellen. In jeweils zwei Reihen unterschiedlicher Nuancen dokumentierte sie täglich die variierenden Zeitfenster ihres Wartens und konnte somit in einem Jahr ein einzigartiges Kunstwerk erschaffen. Sie bekam dafür 7.550 Euro bei einer Auktion. Nun gut. Uns bleibt nur die Möglichkeit ruhig zu bleiben und Tee zu trinken. Aber das besser nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wem die ganze Situation nicht passt, der kann sich ja einfach schleichen – oder halt nicht. Oh Moment, mein Zug kommt gerade.

Medolino Toto

Quellenverzeichnis

https://www.tz.de/muenchen/stadt/muenchen-ort29098/s-bahn-muenchen-db-unpuenktlich-verspaetung-ausfall-pendler-13458646.html

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/deutsche-bahn-muenchener-pendlerin-strickt-verspaetungsschal-15997454.html

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