Sie riskieren ihr Leben für den legalen Kick. Aber zu welchem Preis?

Ein letzter prüfender Blick auf die Bindung. Die Kanten des Snowboards sind messerscharf und der Belag frisch poliert. Das Outfit des Wintersportlers strahlt Lässigkeit aus. Er wirkt angespannt. Als er mit einem finalen Handgriff den Sitz seines Sturzhelms prüft bekommt er das Zeichen aus dem Funkgerät. Die Fotographen und Filmer sind bereit. Bereit ihn bei dem was er als nächstes tut, bis ins kleinste Detail zu filmen. Ohne zu zögern dreht er sein Snowboard um 90 Grad und rast in die Tiefe. Irgendwo im tiefsten Outback von British Columbia, Kanada. Auf den Weg abwärts beschleunigt sein Körper auf über 90 Km/h. Zwischen seinen Füßen und dem meterdicken Tiefschnee, nur dünne lagen Carbon. Die Luft beginnt an seinen Ohren vorbeizuströmen bis das Rauschen alle anderen Umwelteinflüsse verschlingt. Vorbei an Büschen, Bäumen und Felsen. Zielsicher auf die selbstgebaute Schanze zu, die den Snowboarder über 30 Meter durch die Luft katapultieren wird. Sein ganzer Körper fokussiert. Fokussiert auf das Ende der nun vor ihm aufsteigende Schneewand. Der Absprung rückt in sein Sichtfeld als er in den Suchern der Kameras erscheint. Ab jetzt läuft alles wie automatisiert. Mit der Zehenkante vom Schnee abspringen, über die rechte Schulter vertikal eindrehen, linke Schulter in Richtung Erde horizontal eindrehen. Mit der rechten Hand das Board zur Körpermitte ziehen. Jetzt, Spannung halten. Nach drei Saltos und vier ganzen Schraubendrehungen die Haltung lösen, die Landung fixieren und den enormen Druck der Schwerkraft mit den Knien entschärfen. Die Kameras haben ihn perfekt fokussiert. Der Snowboarder landet nach einem perfekten Tripple Cork sicher in dem unberührten Pulverschnee. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals als er seinen Erfolg realisiert. Doch das vermeintliche Glück hat schnell ein Ende. Der Landungshang beginnt sich unerwartet zu lösen. Die Schneemassen zeigen keine Gnade und ziehen den Snowboarder in die Tiefen aus weißem Schnee.

„Höher, schneller, weiter“

Extremsport hat die Menschen schon immer fasziniert. Enorme physische Strapazen und hohe Risiken für die eigene Gesundheit oder sogar das Leben sind Alltag für Extremsportler. Sie kämpfen jeden Tag damit die Grenzen ihres Körpers auszureizen. Einen Schritt weiter zu gehen als am Vortag. Noch ein paar Sekunden schneller zu sein als letzte Woche oder höher zu springen als jemals zuvor. Dieser Gedanke von „Höher, Schneller, Weiter“ liegt dem Extremsport zugrunde. Der Erste, Schnellste oder Beste sein. Das wollte der Mensch doch schon immer. Auf dem Weg dorthin lassen die Sportler jedoch meist ihren Verstand zurück. Die Leistung des eigenen Körpers wird auf Biegen und Brechen perfektioniert, die Schmerzensgrenze ignoriert und somit der eigenen Gesundheit geschadet. Was jedoch früher als Extremsport galt ist heute nahezu alltäglich. Ein Marathon beeindruckt heute keinen mehr. Es muss Mehr sein. 240 Kilometer Wüstenlauf, auf den Mount Everest ohne Sauerstofflasche oder aus dem Rande des Weltalls mit einem Fallschirm auf die Erde zurück. Es muss eine Sensation sein. Die Massen wollen unterhalten werden und das ist heutzutage schwieriger als jemals zuvor. Im Internet lassen sich mit wenigen Clicks die eindrucksvollsten Videos von extremen Leistungen finden. Aus der Masse hervorstechen, das ist es was ein Extremsportler will. Sich von den anderen abheben, einzigartig sein und Ruhm erlangen.

Die Sonnenseiten des Sports. Doch was lauert hinter der nächsten Kurve?

Hinter den Projekten mit der größten Aufmerksamkeit stehen oft gigantische Firmen mit professionellen Marketingstrategien. Sie finanzieren die Extremsportler wollen mit ihnen aber gleichzeitig Profit machen. Sie zahlen ihre Reise und Materialkosten, kümmern sich um Hotels und legen obendrauf noch ein *saftiges* Gehalt. Im Gegenzug setzen die Sportler ihr Leben aufs Spiel. Alles für ein modernes Image der Sponsoren. Die Zielgruppe der Unternehmen besteht in der Regel aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die selbst noch in der Phase des Lebens stecken in der sie ihre eigenen Grenzen erforschen. Dabei blicken Sie zu den großen Stars der Szene auf und lassen sich inspirieren. Sie verkörpern das, was für sie erstrebenswert ist. Vor allem Ruhm in den sozialen Netzwerken. Die gesponserten Clips der Extremsportler gehen viral und erreichen Jugendliche weltweit genau da, wo die großen Firmen es wollen. Auf den Smartphones junger Extremsportler. Angetrieben von der Leistung ihrer Idole fällt die Hemmschwelle der Hobbysportler immer weiter. Extreme Bedingungen werden ignoriert und lebensgefährliche Stunts auf die leichte Schulter genommen. Bei den Profis klappt‘s ja auch.
Das tut es leider nicht. Die Schattenseiten der Szene sind im Internet nicht zu sehen. Sie werden von den Konzernen unter den Tisch gekehrt. Videos von gescheiterten Projekten werden nicht veröffentlicht und so gelangen die Schicksale der Sportler auch nicht an die Öffentlichkeit. Stürze, Operationen oder sogar der Tod entsprechen nicht dem Image, dass die Marketingstrategie anstrebt. Sie wollen nur Erfolge sehen, die den Absatz ihrer Produkte steigern können. Der Tod der Athleten wird dabei billigend in Kauf genommen.

Brook Crouch lächelt und ist bereit zurückzukehren.

Wie im Fall des Snowboarders Brook Crouch. Bei Dreharbeiten für einen seiner Sponsoren sollte er einen Sprung wagen, den vor ihm noch nie jemand versucht hatte. Das Risiko war hoch und das wusste er auch. 30 Meter weit sprang er mit mehreren Saltos über eine Schlucht in Kanada. Der Sprung gelang ihm, doch bei der darauffolgenden Abfahrt wurde er von einer Lawine erfasst und verschüttet. Die Rettungsmaßnahmen wurden unverzüglich in die Wege geleitet und der 18-jährige konnte nach wenigen Minuten bewusstlos, mit mehreren Knochenbrüchen und einem schweren Schädelhirntrauma unter den Schneemassen geborgen werden. Seine Genesung wird Monate dauern, doch eins steht für den Extremsportler jetzt schon fest: Sobald er kann, wird er sich wieder auf sein Snowboard stellen und da weitermachen, wo er aufgehört hat. Für ihn war es nicht der Sponsor der ihn in dieses Risiko gebracht hat. Es war er selbst. Er selbst wollte diesen Sprung und das Risiko. Er hat es sich selbst ausgesucht diesen Sport zu betreiben.

Was Brook Crouch empfindet ist maßgebend für viele weitere Extremsportler. Es ist für ihn sowie viele weitere Leidenschaft. Ein Hobby zu den gewissen Risken zählen. Bei ihnen steht der Sport im Mittelpunkt und nicht die Sponsoren, die sie unterstützen. Trotzdem bilden sie eine Symbiose. Ohne den Sportler hätte der Sponsor keine Werbefigur und ohne den Sponsor kann der Extremsportler sein Level nicht steigern und seinen Sport nicht zum Beruf machen. Im Endeffekt ist es wichtig mit den Risiken verantwortungsbewusst umzugehen und als gutes Vorbild voranzugehen.

Autor: Marinus Leitner AV131

Categories: Sport

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