Wer erinnert sich denn nicht an den prägnanten Moment, als die böse Stiefkönigin dem Schneewittchen einen vergifteten Apfel gab? Das pure Böse stand vor ihr….doch das war einmal. Die Frage ist, wie böse sind eigentlich die heutigen Disney-Schurken?

Unsere Schurken sind schon lange nicht mehr jene, die wir aus Kindheitstagen kennen. Aber was hat sich verändert? Ich erinnere mich noch an Zeiten, da haben mir die Bösewichte mühelos einen Schrecken ins Gesicht gezaubert. Voller Ehrfurcht habe ich mich in meine Decke verkrochen und gebannt auf den Flimmerkasten vor mir gestarrt, gehofft, dass der Gute dem Schurken das Handwerk legen kann. Alle negativen Eigenschaften, an die ich nur denken konnte, waren in diesem fiesen Charakter gebündelt worden. Es war also kein besonderer Verlust, als der Held über den Widersacher siegen konnte und diese boshafte Figur endlich von der Bildfläche verschwand.

Noch heute verfolge ich die Disney Filme mit der gleichen kindlichen Begeisterung. Dabei fallen mir als Erwachsener allerdings immer wieder neue Dinge auf. Besonders auffällig ist, wie sich die bösen Charaktere weiterentwickelt haben.

 

Schneewittchen und Rapunzel – neu verföhnt

Für meinen Vergleich habe ich mich zunächst einmal im Disney-Filmrepertoire umgesehen. Dort habe ich mich dann für die böse Königin von Schneewittchen und anschließend für die sogenannte „Mutter“ der neuen Verfilmung von Rapunzel entschieden. Die Geschichte von Schneewittchen habe ich deshalb ausgewählt, weil es ein allseits bekannter Klassiker und der allererste Animationsfilm von Disney ist. Erschienen im Jahre 1937 ist die böse Königin damit die Mutter aller Disney-Animationsschurken.

Ihre Gegenspielerin ist dabei ebenfalls eine Erziehungsberechtigte, nämlich die von Rapunzel in der gleichnamigen Neuverfilmung. Ausgewählt habe ich den Film, da er 73 Jahre jünger ist (erschienen 2010) und weil die beiden Übeltäter einige Gemeinsamkeiten haben, die mir die Gelegenheit bieten einen bestmöglichen Vergleich zu ziehen.

 

Gemeinsamkeiten

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

Wie jedem bekannt sein dürfte, möchte die böse Königin ihre Stieftochter Schneewittchen umbringen, damit sie die Allerschönste im ganzen Land sein kann. Für sie ist also nichts wichtiger als ihr Aussehen. Ähnlich denkt auch die „Mutter“ von Rapunzel. Sie stiehlt das Mädchen im Babyalter, um die Kräfte ihrer Haare für die eigene Jugend und Schönheit auszunutzen.

 

Um ihr gemeinsames Ziel, die Schönheit, zu erreichen, schrecken die Damen vor nichts zurück. Die böse Königin gibt ihre eigene Jugend und Schönheit sogar temporär auf, nur damit sie Schneewittchen täuschen und vergiften kann. Rapunzels „Mutter“ nimmt sich Zeit für einen ausgeklügelten Plan, um Rapunzel wieder auf ihre Seite zu ziehen. Durch die verstrichene Zeit, in der sie den richtigen Moment abwartet, wird sie ebenfalls immer älter und faltiger. Auch sie stellt ihre Schönheit für das große Ziel erst einmal hinten an.

 

Bild von King Lip auf Pixabay

Außerdem besitzen die beiden Damen Kenntnisse der Magie. Die böse Königin nutzt diese, um den Spiegel wie üblich nach der Schönsten im Land zu fragen und später wendet sie sogar Zauberei an, um ihr Aussehen zu verändern und den Apfel zu vergiften. Die „Mutter“ von Rapunzel stellt ihr Wissen schon zu Beginn unter Beweis, als sie die Zauberblume vor Anderen versteckte, wohl wissend welche Kräfte sie besitzt. Magie wendet die Frau immer dann an, wenn sie die Haare von Rapunzel bürstet und dabei das entsprechende Lied singt, welches die Kräfte der Blume aktiviert.

 

Wie prinzipiell alle Bösewichte sind auch die beiden weiblichen Figuren sehr egoistisch. Wichtig ist für sie nur, dass ihre Wünsche und Vorstellungen durchgesetzt werden, egal wer darunter leiden muss. Die böse Königin stellt dies unter Beweis, indem sie Schneewittchen alte Lumpen zum anziehen gibt, damit sie nicht in schönen Kleidern zur Konkurrenz wird. Doch als dies nicht mehr ausreichte, schmiedet sie den Plan Schneewittchen aus dem Weg zu räumen, um endlich wieder die Schönste im ganzen Land zu sein. Für ihr Ziel opfert sie hier also ohne Skrupel das Leben ihrer Stieftochter.

Die „Mutter“ der Langhaarprinzessin hingegen zeigt ihren Egoismus schon dadurch, dass sie die heilende Blume versteckt, die die schwerkranke Königin benötigt, um dem Tod zu entgehen. Als die Blume dann doch gefunden wurde, schlich sie sich in das Königsschloss und stahl die Prinzessin, ohne große Bedenken darüber, dass sie das kleine Kind ihrer Familie entreißt, nur, um ständigen Zugang zu dessen Kraft zu haben. Damit beweist sie, wie zweitrangig die Bedürfnisse anderer für sie sind.

 

Unterschiede

Bild von photosforyou auf Pixabay

Was mir zuallererst aufgefallen ist, ist wie hinterlistig die „Mutter“ ihre Elterliche Rolle missbraucht im Gegensatz zur bösen Königin. Denn sie manipuliert ihre falsche Tochter, indem sie das Vertrauen des Kindes missbraucht. So sagt sie Rapunzel schon in jungen Jahren, dass es draußen zu gefährlich für sie sei, und sie deshalb im Turm bleiben müsse. Daran hat sich Rapunzel bis ins Jugendalter hinein auch gehalten. Denn sie wollte ihre geliebte „Mutter“ nicht verärgern. Und als in ihr doch der Wunsch aufkam das Zuhause zu verlassen, so fragte sie ihre „Mama“ um Erlaubnis. Natürlich hat diese ihr erneut aufgesagt, warum es zu gefährlich ist und als Rapunzel nicht nachließ, sagte sie ihr, dass sie das draußen nicht überleben würde und sie viel zu schwach dafür sei. Im Endeffekt hat sie als Vertrauensperson ihrem „Kind“ gesagt, dass es nicht gut genug ist und somit das Selbstbewusstsein von Rapunzel niedergemacht.

Doch damit war es nicht genug. Rapunzel bekam eine Gelegenheit sich zu beweisen, so wollte sie ihre „Mutter“ vom Gegenteil überzeugen. Doch diese ließ nicht mit sich reden, wurde wütend und verbot Rapunzel jemals wieder das Thema anzusprechen. Danach wurde sie wieder liebreizend und betonte sie wolle doch nur das Beste. Dadurch hat sie Rapunzel weisgemacht, dass sie es tatsächlich gut meint, wodurch das Mädchen bei ihrem Ausbruch aus dem Turm immer wieder mit schlechtem Gewissen geplagt war.

Die böse Königin hat ihre Rolle nur insoweit ausgenutzt, als sie Schneewittchen zwang, Lumpenkleider zu tragen und Aufgaben einer Dienstmagd zu erledigen. Außerdem nutze sie ihre Position, um das Mädchen mit dem Jäger fortzuschicken, damit dieser sie töten kann.

 

Ebenfalls ist mir aufgefallen, dass beide eine unterschiedliche Gewaltbereitschaft aufweisen. Die „Mutter“ versucht Rapunzel zunächst davon zu überzeugen, dass es draußen tatsächlich gefährlich ist, doch als dies nicht gleich funktionierte, griff sie zu einer anderen Methode, in der sie den vermeintlichen Verehrer als Lügner und Betrüger darstellt. Hierfür wartete die falsche Mutter den richtigen Moment ab, um ihren Plan durchzuführen, in dem sie die neue Vertrauensperson in ein schlechtes Licht rückte und die involvierten Diebesbrüder auf Rapunzel losließ, nur, um dann wie eine Heldin das Mädchen zu retten. Die Jugendliche war geplagt von Angst, Schuld und Dankbarkeit, wodurch die vermeintliche Mutter genau das erreichte was sie wollte, die freiwillige Rückkehr des Mädchens. Zur puren Gewalt griff

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

die Frau erst ganz zum Schluss, als alles zu scheitern schien, weil Rapunzel die Wahrheit entdeckte. Dann fesselte und knebelte sie das Mädchen, um sie an Ort und Stelle halten zu können.

Die böse Königin hingegen schritt sofort zu drastischen Maßnahmen. Die einzige Option, die für sie infrage kam, war Schneewittchens Tod. Dabei hätte es bestimmt auch funktionieren können, Schneewittchen hässlicher zu zaubern oder per Hand zu verunstalten. Doch stattdessen griff sie zur gewalttätigsten aller Methoden.

 

Besonders interessant fand ich allerdings den Aspekt, dass die „Mutter“ in Rapunzel auch positive Eigenschaften bekommen hatte. Denn auch wenn der Hauptaspekt ihrer Taten die Kraft der Haare war, so ließ sie das Mädchen doch relativ unbeschwert aufwachsen, anstatt Angst und Schrecken zu vermitteln. Mehrmals sagte sie auch zu Rapunzel „Ich liebe dich“, daraufhin antwortete das Kind „ich liebe dich mehr“ und sie wieder „ich liebe dich am meisten“. Dabei ist bis heute unklar, ob diese Liebesbekundungen nun gespielt oder ernstgemeint waren. Denn die Frau zeigte ihre liebevolle Seite auch an anderen Stellen, als sie zum Beispiel das Lieblingsessen von Rapunzel kochen wollte, nachdem sie mit ihr gestritten hatte. Womöglich als Wiedergutmachung, weil sie das Kind nicht aus dem Turm lassen wollte und so ihren sehnlichen Wunsch verwehrte.

Den Alternativwunsch von Rapunzel erfüllte sie auch ohne große Widerworte, obwohl dieser mit einem enormen Aufwand verbunden ist. Auch ist auffällig, dass die Mutter sich die Lieblingsbeschäftigungen und das Lieblingsessen ihrer vermeintlichen Tochter gemerkt hat, da sie entsprechende Einkäufe schon in der Vergangenheit getätigt hatte. Dies spricht eindeutig für positive Eigenschaften der Figur, die eventuell auch Grund dafür sind, dass die „Mutter“ zuerst versuchte Rapunzel zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen.

Sogar am Ende war ihre gute Ader zu erkennen, als sie dem Mädchen gestattete, ihren Liebsten zu retten, wenn sie dafür wieder so zusammenleben wie es zu Anfang der Fall war. Dabei hätte sie verneinen können. Rapunzel stand in ihrer Gewalt und es hätte sie keiner mehr so leicht aufhalten können. Doch sie ließ es auf die Bitte des Mädchens hin geschehen.

Bei der bösen Königin konnte ich keine solchen Eigenschaften entdecken.

 

Fazit

Während ich den Film Schneewittchen schaute, war ich wieder, wie einst als kleines Mädchen, geschockt von der Skrupellosigkeit der bösen Königin. Die pure Bosheit in Person belegte meinen Computerbildschirm, daher überkam mich auch ein erleichterndes Gefühl, als die Frau die Klippe hinunterstürzte und damit ihr Plan scheiterte. Doch bei dem Film Rapunzel war das etwas kompliziert. Diese Figur bestand nicht nur aus Boshaftigkeit und so hoffte ich, dass sie letztlich vielleicht doch das Gute in sich zulassen würde. Darum war ich etwas traurig gestimmt, als sie zunehmend fieser wurde und aus diesem Grund letztlich sterben musste, denn diesen Charakter habe ich bis zum Schluss nicht mit purer Boshaftigkeit assoziieren können.

Bild von Simon Giesl auf Pixabay

Das macht diese Figur für mich jedoch auch viel Realer als es bei der bösen Königin der Fall war. Denn wie im echten Leben hat ein schlechter Mensch nicht nur negative Eigenschaften, was es oftmals erschwert diese Menschen zu erkennen. Solche Personen sind in der Lage ihre wahren Hintergründe gut zu verschleiern und somit manipulativ das zu erreichen, was sie wollen. So wie es in Rapunzel auch der Fall war.

Dadurch wurde der Charakter „Mutter“ für mich viel Gefährlicher und Fürchterlicher, als der Charakter der bösen Königin. Denn die Boshaftigkeit der Königin war jedem von Anfang an klar. Doch bei der „Mutter“ war den Beteiligten erst am Schluss bewusst, welche Hintergründe die Frau tatsächlich verfolgte. Damit hat der jüngere Animationsfilm etwas geschafft, dass in früheren Zeiten eher selten der Fall war, er hat die Grenze zwischen Film und Realität durchbrochen und aufgezeigt, dass die echten Bösewichte sich nicht so leicht zu erkennen geben.

Unterhaltsam sind die beiden Filme auf jeden Fall wie eh und je. Und etwas wird sich wahrscheinlich nie ändern: Die Begeisterung des Publikums, das auf der anderen Seite der Leinwand gebannt den Film verfolgt und hofft, dass das Gute schlussendlich siegt. Ich für meinen Teil lege mir jedenfalls fürs nächste Mal wieder meine Decke bereit.

Autorin: Katharina Greis

Leave a Reply