Wie schaffte es Leonardo da Vinci, zahlreiche Menschen noch heute für seine Werke zu begeistern? Viele Menschen finden dieselben Dinge schön– und das nicht ohne Grund: Die menschliche Auffassung von Schönheit ist berechenbar.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Diese These hört man oft – vor allem in der Kunst. Was schön ist und was nicht, lässt sich nicht eindeutig sagen. Es ist eine subjektive Beurteilung.

Die Entscheidung, ob wir beispielsweise einen Menschen schön finden oder nicht, fällt in Sekundenbruchteilen. Das Gehirn braucht ungefähr 170 Millisekunden, um festzustellen, dass die Augen in ein Gesicht blicken. Der erste Eindruck steht schon nach 400 Millisekunden fest.

Da stellt sich die Frage, ob überhaupt persönliche Empfindungen in dieser kurzen Zeit mit eingebracht werden können. Warum finden so viele Menschen dieselben Dinge schön? Beruht Schönheit vielleicht doch auf Fakten?

Ideale Größenverhältnisse führen dazu, dass der Betrachter Harmonie empfindet.

In der Mathematik ist schon seit dem späten Mittelalter die Kenntnis einer Goldenen Zahl verzeichnet. Der Goldene Schnitt oder auch die Goldene Zahl beschreibt das Verhältnis zweier Größen zueinander. Es handelt sich hierbei um die irrationale Zahl 1,618… Das Verhältnis von φ:1 gilt als Goldenes Verhältnis.

Ideale Größenverhältnisse führen dazu, dass der Betrachter Harmonie empfindet. Das Goldene Verhältnis lässt sich in den verschiedensten Bereichen anwenden –  ob nun etwas konstruiert wird, wie in der Kunst oder Architektur, oder bewertet wird, beispielsweise beim Betrachten eines Gesichts.

„Allein die Ausgewogenheit der Verhältnisse macht die Schönheit.“

Das Prinzip wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts allgemein bekannt. Dennoch zieht sich die Formel des Goldenen Schnitts durch die gesamte Kunstgeschichte: Angefangen bei einer antiken Statue der Göttin Aphrodite mit „goldenen“ Körper-Proportionen (200 v. Chr.) bis hin zu Leonardo Da Vincis „Mona Lisa“, deren Auge durch die Teilung lauter „Goldener Dreiecke“ platziert wurde (Renaissance, 1503).  Ein weiteres Beispiel ist das „Selbstbildnis im Pelzrock“ von Albrecht Dürer, dessen Haare auf exakt der Höhe enden, die das Gesamtwerk im Goldenen Verhältnis schneidet (Renaissance, 1500).

Mona Lisa

Der Nutzen des Goldenen Verhältnisses für Künstler beginnt schon dabei, einen passenden Platz für das Motiv zu finden. Eine zentrale Position wirkt oft statisch. Ein Bild, das nicht symmetrisch ist, wirkt dagegen natürlich, weniger konstruiert. Erst durch die bewusste Anordnung der einzelnen Bildelemente wird eine Darstellung zum Kunstwerk.

Das Bestreben der Künstler, Kunst und Wissenschaft zu verbinden, machte folgendes Zitat zum Leitsatz der Renaissance-Künstler: „Allein die Ausgewogenheit der Verhältnisse macht die Schönheit“ (GHIBERTI, 1444). Deshalb ist die „göttliche Proportion zur Vollkommenheit“ in so vielen Kunstwerken zu finden.

Steckt wirklich hinter jedem Pinselstrich im Gemälde ein System?

Allerdings steht man bei der formalen Analyse eines Gemäldes vor einem ähnlichen Rätsel wie bei der Analyse eines Gedichtes. Wird der Vorhang im Gedicht „rot“ genannt, weil er auf eine innere Wut oder andere Leidenschaft des lyrischen Ichs hinweisen soll? Oder fand der Dichter rot einfach schön?

Und für Künstler: Steckt wirklich hinter jedem Pinselstrich im Gemälde ein System?

Die detailgetreue Planung ist gar nicht notwendig: Oft konstruiert der Mensch nach mehrmaligem Probieren ganz instinktiv in diesem Verhältnis. Dem eigenen Harmoniebedürfnis nachzugehen, müsste also genügen, um ein „schönes“ Werk zu gestalten.

Die bewusste Anwendung des Goldenen Verhältnisses in der Kunst ist wegen der vielen verschiedenen Strukturen in Kunstwerken bis heute umstritten. Ob man diese Absicht in ein berühmtes Gemälde hineininterpretiert, ist „letztlich eine Frage der jeweils herrschenden Kunstauffassung“1. Also doch wieder subjektiv?

von Mirjam Ban

Bruchwitz, Andrea: „Der Goldene Schnitt – Inspirationen für die Bildgestaltung“. White Wall Magazin, 05. Dezember 2017, https://www.whitewall.com/de/mag/goldener-schnitt (Stand: 22.01.20)

Gauck, Thomas: „Bildaufbau und Wirkung – Teil 1 – Goldener Schnitt“. Thomas Gauck Fotografie. https://www.thomasgauck.de/themen/bildaufbau-bildwirkung-1/ (Stand: 22.01.20)

Unbekannt: „Proportion und goldender Schnitt“. Lernhelfer, 2010, https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/kunst/artikel/proportion-und-goldener-schnitt (Stand: 22.01.20)

1Verschiedene: „Goldener Schnitt. Anwendung des Goldenen Schnitts. Bildende Kunst“. Wikipedia. Die freie Enzyklopädie, 29. Dezember 2019, https://de.wikipedia.org/wiki/Goldener_Schnitt#Bildende_Kunst (Stand: 06.01.20).

Wittek, Michael: „Das perfekte Gesicht nach dem goldenen Schnitt“. Sastre, 14.05.2018, https://www.sastre.company/blog/entry/goldener-schnitt (Stand: 06.01.20).

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