72 Gegenstände auf einem Tisch, ein Raum voller Museumsbesucher und eine Künstlerin.
Was passiert, wenn eine Person in einer Gruppe von Menschen zum Objekt gemacht wird?
Wie weit würde das Publikum gehen?

Rhythm 0

Eine junge Frau, 23 Jahre alt, steht in einem der Räume des „Studio Morra“ in Neapel.
Sie ist umgeben von etwa fünfundzwanzig Menschen.
Vor ihr befindet sich ein hölzerner Tisch, beladen mit 72 der unterschiedlichsten Gegenstände, darunter eine Feder, eine Rose, Parfüm und ein hübscher Lippenstift.
Aber auch Rasierklingen, ein Skalpell, die Metallstange und natürlich die Pistole mit einer einzigen Kugel.

An diesem Tag steht die neuartige Performance „Rhythm 0“ an.
Auf dem Tisch mit den Gegenständen befindet sich auch eine Nachricht an die Zuschauer:
„Ich bin ein Objekt. Ihr könnt mit mir tun, was ihr wollt. Ich werde die Verantwortung für die nächsten sechs Stunden übernehmen.“¹
Sechs volle Stunden, von 20 bis 2 Uhr in der Früh, in welchen sich die junge Künstlerin wie eine Puppe den Besuchern zur Verfügung stellt.

In den ersten Minuten trauen sich nur Fotografen näher an sie heran.
Dann wacht das Publikum etwas auf, geht mehr auf sie zu, schenkt ihr Rosen, gibt ihr zu Trinken und küsst sie.
Doch es dauert nicht lange bis die Stimmung in der Ausstellung kippt.

Sie wird auf einen Tisch gelegt und jemand rammt ein Messer zwischen ihren Beinen in das Holz. Man schüttet ihr ein Glas Wasser über den Kopf, ein junger Mann schnappt sich die Schere und schneidet ihr die Kleidung vom Körper, bis sie nackt vor all den Menschen steht.
Ein Anderer nimmt die Rasierklingen um ihren Hals aufzuritzen, und dann ihr Blut zu trinken.
Bereits nach drei Stunden hängen ihre dunklen Haare durchnässt auf ihren nackten Schultern, „END“ wurde ihr auf ihre Stirn geschrieben, sie ist verwundet. Trotz ihrer neuen Identität als „Objekt“ kann man an ihren roten Augen und den Tränenspuren auf ihren Wangen erkennen, was sie gerade durchmacht.

Viele Besucher begrabschen die Künstlerin. Später wird sie in einem Interview sagen, dass sie sicher ist, dass man sie nur deshalb nicht vergewaltigt hat, weil die Ehefrauen der Besucher mit im Raum waren.
Nach mehreren Stunden in welchen die junge Frau kein einziges Mal widersprochen, sich gewehrt oder zugestimmt hat, findet auch die Pistole Verwendung für die Zuschauer.
Man gibt sie ihr in die Hand. Man hebt sie an ihre Kehle.

Nun tut sich eine Gruppe an Leuten hervor, welche die willenlose Frau vor denen beschützt, die ihr Schaden zu fügen wollen. Die Zuschauer werden untereinander handgreiflich.

Um Punkt 2 Uhr Morgens erscheint der Galerist des Museums und erklärt, dass die Performance vorbei ist.
Als sich die Künstlerin wieder zu bewegen beginnt und langsam aus ihrer Rolle des Objekts zurückkehrt, macht sie einen Schritt auf das Publikum zu.
Dieses weicht zurück und verlässt zügig den Raum.
Es scheint es, als würden die Zuschauer vor ihr die Flucht ergreifen.
„Sie konnten mir, jetzt, da ich wieder menschlich war, nicht mehr in die Augen blicken“, sagte die Künstlerin später in einem Interview.

 

Was ist passiert?

Was ihr gerade gelesen habt, ist keine frei erfundene Geschichte, die jemand geschrieben hat um zu verdeutlichen, was aus Menschen werden würde, hätten sie keine Regeln und keine Konsequenzen.
Dieses Ereignis hat so im Jahre 1974 stattgefunden.
Der Name der Künstlerin ist Marina Abramovic, heute ist sie 73 Jahre alt. Sie kommt ursprünglich aus Belgrad in Serbien.
Im Laufe ihrer Karriere hat sie bereits so manche kontroverse Performance Kunst aufgeführt.
Beispielsweise saß Abramovic in ihrer Performance „Balcon Baroque“ 1997 auf einem Berg von blutigen Rinderknochen, welche sie sechs Stunden lang schrubbte. Alles um auf den damals tobenden Balkankrieg aufmerksam zu machen, welcher noch viel grauenhafter war, als es sich die Besucher der Performance wohl hätten ausmalen können.

Ein anderes Mal, nur wenige Monate vor Rhythm 0, wäre sie  bei einer Performance beinahe ums Leben gekommen.
Sie legte sich in einen brennenden Holzstern, der zuvor mit Benzin getränkt worden war.
Da im Stern bereits der meiste Sauerstoff aufgebraucht war, verlor sie das Bewusstsein. Ihre Reglosigkeit wurde zunächst als ein weiterer Teil ihrer Kunst aufgefasst.
Sie erlitt nur deshalb keine schwereren Verletzungen, weil einige Zuschauer bemerkten, dass das Feuer bereits ihre Beine berührte, ohne dass sie darauf reagierte.
Die Männer trugen sie aus dem brennenden Stern und verständigten den Krankenwagen.

In ihrer Karriere hat sich die Künstlerin schon mehrfach an ihre körperlichen und seelischen Grenzen begeben und diese ausgetestet.
Das Ergebnis der Performance Rhythm 0 ist dennoch das, das mich am meisten aufgerüttelt hat.

Auf die Frage, wie sie überhaupt zu diesem Projekt gekommen sei, was sie dazu motiviert hat sich so schutzlos einer Gruppe Menschen zu übergeben, antwortete Abramovic Folgendes:

„Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Performance Kunst lächerlich gemacht. Es wurde krank, exhibitionistisch, masochistisch genannt. Uns wurde gesagt, dass wir alle nur Aufmerksamkeit wollen würden. Ich war diese Kritiker sehr leid und ich dachte mir: Okay. Ich mache dieses Kunstwerk und sehe wie weit die Öffentlichkeit gehen wird, wenn der Künstler selbst überhaupt nichts tut.“²
„Wenn sie gewollt hätten, hätten sie die Kugel in die Pistole stecken und mich töten können. Aber ich wollte dieses Risiko auf mich nehmen. Ich wollte wirklich wissen: Was hat es mit dieser Öffentlichkeit auf sich und was würden sie in dieser Situation tun?“³

Ich finde, man kann von Marina Abramovic und einiger ihrer Performances sagen, was man will, aber Rhythm 0 beweist besser als die meisten sozialen Experimente, was in ganz normalen Menschen stecken kann und zu was sie imstande sind, wenn man ihnen genügend Macht überlässt.
Sobald es keine Konsequenzen für unmoralische Handlungen gibt, seien es Geldstrafen, Gefängnis oder auch nur die Missachtung der Mitmenschen, verschwimmen für viele Menschen die Grenzen zwischen dem, was man tun kann und dem was man tun sollte.

Nach der Performance von Rhythm 0, zurück in ihrem Hotel Zimmer, blickte Abramovic in einen Spiegel und entdeckte mit 23 Jahren ihre erste weiße Strähne in ihren Haaren.

 

Wenn ich mir vorstelle, dass sie damals lediglich drei Jahre älter war, als ich es heute bin, wird mir ganz schlecht. Nicht nur weil einer jungen Frau vor Jahren eine Pistole an den Kopf gehalten wurde, sondern vor allem wegen den Menschen, die denken ein kleiner Zettel auf einem Tisch würde Gewalt rechtfertigen.

 

 

Original Zitate:

¹„I’m an object, you can do whatever you want with me. I will take all the responsibility for six hours “

²„Till that time, the art of performance art was totally ridiculed, and it was called sick, exhibitionist and masochist and they just want attention. So, I was really tired of this kind of critics, and I thought: okay, I will make a piece to see how far the public will go, if the artist himself didn’t do anything “

³„If they wanted, they could put the bullet into the pistol, they could kill me. But I wanted to take the risk. I really wanted to know: What is the public about and what are they going to do in this situation. “

 

 

Quellen:

https://youtu.be/xTBkbseXfOQ  Interview mit Marina Abramovic

https://www.widewalls.ch/

http://www.medienkunstnetz.de/werke/rhythm-5/ Rhythm 5

https://delphiangallery.com/marina-abramovic-rhythm-0/ Ablauf Rhythm 0

 

Bild 1: © 2020 Pixabay Free Photos

Bild 2: Melina Grabmeier

Text: Melina Grabmeier

Categories: Allgemein, Kunst, Psychologie

Leave a Reply