Wie kam die Zeit in die Welt? Hat sie ein Ende? Warum sollte das Universum zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt begonnen haben? Das alles sind Fragen, die sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden stellt. Im Folgenden will ich euch auf meine Gedankenreise zur Zeit mitnehmen, mit euch über ihre Bedeutung und unseren Umgang mit ihr philosophieren – vor allem in Bezug auf die wachsende Schnelllebigkeit.

Wenn mich jemand fragen würde, wie ich Zeit für mich persönlich definieren würde, dann müsste ich mal kurz nachdenken. Wir verwenden den Begriff in so vielen verschiedenen Zusammenhängen und Wortkombinationen, doch was ist Zeit. Roh. Trocken – so ganz allein definiert? Laut Duden bedeutet Zeit „Ablauf, Nacheinander, Aufeinanderfolge der Augenblicke, Stunden, Tage, Wochen, Jahre“.1 Eine ziemlich nüchterne Definition, wenn ihr mich fragt. Andererseits ist Zeit kein Gegenstand, den wir tagtäglich in die Hand nehmen – und doch: wir nutzen sie. Schon verrückt, oder?
Eine Aneinanderreihung von Momenten und Erlebnissen, mal geplant und mal rein zufällig.

Thomas Mann und die Zeit²
Auf die Frage, was die Zeit eigentlich ist, antwortet Thomas Mann in seinem Buch „Der Zauberberg“, Kapitel sechs, dass sie „ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig [sei]. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung.“
Doch was ist Zeit für jemanden, der sie ständig sucht? Für jemanden, der von einer Sache zur nächsten rennt? Zeit ist relativ, unveränderlich und fair. Jeder auf dieser Welt hat gleich viel. 60 Minuten. 24 Stunden. 7 Tage. Und doch unterscheiden wir uns darin, wie wir sie gestalten.

Die Kunst sich Zeit zu nehmen
Manche arbeiten, oft zu viel, und wundern sich am Ende, warum keine Zeit für Freunde, Familie, manchmal sogar sich selbst bleibt. Wieder andere haben in den Augen Außenstehender „(zu) viel“ Zeit. Sie kriegen den nötigen Schlaf, gehen am Wochenende zu Freunden und spielen mit den Kindern im Garten. Doch „mehr“ Zeit haben sie dabei nicht. Sie teilen ihre Zeit anders auf ihre Aktivitäten auf. Vielleicht hat es etwas mit den Begriffen Nutzen und Verschwenden zu tun. Irgendwie wird Zeit immer in Kombination mit diesen verwen

det. Ich verschwende meine Zeit, wenn ich in meinem Zimmer vor mich hin grübel, aber ich nutze sie, wenn ich Sport mache?
„Me-Time“, so wie es im neudeutschen Sprachgebrauch verwendet wird. Die Zeit, die man sich nur für sich nimmt. Bewusster auf mich hören, mich aktiv mit mir und meinen Gedanken auseinandersetzen.

Das Rennen
Doch auch durch die fortschreitende Digitalisierung verlieren wir oft den Blick auf das Wesentliche und vergessen einfach mal stehenzubleiben, unsere Umgebung zu beachten und einen tiefen, bewussten Atemzug zu nehmen. Wir rennen, immer schneller und schneller, vom Druck auf uns getrieben. Doch wo ist das Ziel? Was ist das Ziel?
Jeden Tag wird irgendwo auf der Welt eine neue Entdeckung gemacht, die morgen schon wieder überholt ist. Die Technik entwickelt sich weiter, wir entwickeln uns weiter, das Leben entwickelt sich weiter. Doch es bleibt nicht bei der Entwicklung, denn die Zeit kommt noch dazu. Der Wettbewerb um die besten Ergebnisse in der kürzesten Zeit bestimmt unser Leben. Ein Wettbewerb mit seinen Mitmenschen und ein Stück gegen sich selbst – dem Algorithmus hinterher. Immer weiter, bis das Licht ausgeht. Aber wollen wir das?

Ereignisse und die Zeit
Als mein Vater vor zehn Jahren seine Schreinerei verlor, war meine Mutter gezwungen in Vollzeitarbeit zu gehen und somit blieb ihr weniger Zeit für Freizeit und Familie. „Du musst Dir die Zeit für Dich einfach nehmen!“, haben viele Leute zu ihr gesagt. Doch ich kann mittlerweile für sie sprechen: Das ist verdammt schwer. Als Mutter von zwei Teenagern, Vollzeit-Angestellte und Partnerin eines Mannes in einer Midlife-Crisis ist das eigentlich fast unmöglich. Die Wäsche wäscht sich nicht von allein, Lebensmittel wollen vom Regal im Supermarkt in den heimischen Kühlschrank, Kinder wollen Zeit mit ihrer Mutter, der Ehemann will Unterstützung und Zuspruch.

Taschenuhren von info254 auf pixabay

Zeit nehmen ist das Eine. Zeit nehmen zu können ist das Andere. Jeder hat seine Zeiteinteilung in der Hand, doch viele vergessen das. Andere wiederum sind für einen gewissen Zeitraum gezwungen, die Zeit so einzuteilen, wie sie eben eingeteilt werden muss. Trotzdem bleibt die Zeit das wertvollste Gut, das wir haben und geben können. Die Zeit vergeht nicht schneller oder langsamer. Wir sind es, die es manchmal so erscheinen

 

lassen. Zur Schnelllebigkeit sagt Augustina Bessa-Luis: “Schnell zu leben heißt, uns damit abzufinden, dass wir nicht zu leben verstehen.“ Denkt einfach mal darüber nach.

Meine Antwort auf die Frage nach der Zeit
Zu Beginn hatte ich mir die Frage gestellt, wie ich meine Definition von Zeit beantworten würde und im Laufe des Schreibens bin ich zu dieser Antwort gelangt:
Für mich ist die Zeit das Leben. Diese beiden Begriffe sind, so gut wie, äquivalent. Im Leben geht es mal auf und mal ab. Die Zeit vergeht mal langsamer und mal schneller. Und laut Duden ist die Zeit ja auch eine Aneinanderreihung von Ereignissen. Aber das ist das Leben ja auch, oder? Eine kleine Denkhilfe zu meiner Antwort hat mir auch das Hörbuch „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gegeben. In Kapitel 6 schreibt er: „Was, wenn es die Zeit gar nicht gibt? Wenn alles, was man erlebt ewig ist und wenn nicht die Zeit an einem vorübergeht, sondern nur man selbst an dem Erlebten?“
Ja, liebe Leserinnen und Leser, das wars von meinem kurzen Philosophie-Exkurs in die Materie der Zeit. Zeit ist Leben und Leben ist Zeit. Wir sind die Schaffer und Maler unseres Lebens und wir sollten jede Sekunde davon auskosten. Bis auf den letzten Tropfen, denn was bleibt uns am Ende schon übrig? Wir können sagen, dass wir die Zeit genutzt und das Leben gelebt haben. Wie Ihr das jetzt dreht und wendet ist Euch überlassen. Sagt euren Liebsten, was sie Euch bedeuten, kauft die Schuhe, wenn sie Euch gefallen und lacht so viel wie möglich. Denn es sind Erinnerungen an die Zeit – an unser Leben – die uns am Ende glücklich machen.

 

Klara Paulus

Quellenverzeichnis:

Vgl. 1: https://www.duden.de/rechtschreibung/Zeit
Vgl. 2: „Der Zauberberg“, Thomas Mann, erstmals veröffentlicht 1924, Kapitel 6

Bildverzeichnis:

Bild 1/Titelbild: eigene Produktion, „Once upon a time“, Klara Paulus

Bild 2: https://pixabay.com/de/photos/taschenuhren-ketten-jahrgang-436567/

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