Vielleicht hätten manche Personen gar nicht erst einen Führerschein bekommen sollen. Wenn es aber schon zu spät ist, hilft nur noch Aufregen und demonstratives Überholen, Drängeln und Pöbeln. Bis zum Ende.

„All these horses in my car got me going fast I just wanna do the dash, put my pedal to the gas (skrr skrr)…“

Sportmodus aktiviert. Kurzes Aufheulen des Motors und dann endlich die entscheidende Bewegung. Der rechte Fuß presst das Gaspedal freudig wie aggressiv bis zum Anschlag durch. Mein lässig in die Fahrerkabine gepflanzter Körper wird ruckartig und doch viel zu harmlos in den Sitz gedrückt, während das Adrenalin aufwallt und steigt wie die Geschwindigkeitsanzeiger. Kurz, ganz kurz und gehetzt, in größter Eile, flattert mir die Überlegung in den Kopf, vielleicht…Mein Gewissen verliert und wird vom Geschwindigkeitsrausch rücksichtslos ertränkt.

Speedometer

Speedometer

Umso charmanter dafür, wie ich die Kurve mit überschrittener Höchstgeschwindigkeit fahre. Ohne jene geschnitten oder den Fuß vom Gas genommen zu haben. Ellbogen ist locker aufgestützt und das Lenkrad entspannt umfasst. Viertel vor Drei-Stellung oder Umklammerung sieht nicht nur nach Anfänger aus, genauso funktionieren würde ein Aufkleber am Kofferraum „Achtung Fahranfänger, bitte Rücksicht“ mit einem provokanten „keep smiling“.

Wenn etwas im Straßenverkehr nicht existieren sollte, dann ist das Rücksicht. Wer anderes behauptet, gehört entweder zur Gruppe „Autofahrt als Kaffeekränzchen nutzen“. Charakteristisch hier: angeregtes Gestikulieren und vor allem unheimlich irritierende Geschwindigkeitsschwankungen. Zweite Möglichkeit: Personen, die aus verschiedensten, nicht nachvollziehbaren Gründen an einen Führerschein gekommen sind. Das, ohne sich jemals die Frage gestellt zu haben, ob es nicht besser wäre, sie hätten sich aufgrund ihrer minimal verzögerten Reaktionszeit von rund fünf Stunden pro Abbiegevorgang, einfach von der Erlaubnis zur Behinderung des Straßenverkehrs ferngehalten.

Nächste Ortschaft in Sicht, ohne Bremslichter zu zeigen (daran erkennt man „gute“ Autofahrer*innen: Häufigkeit der sichtbaren Bremslichter) verlangsamt sich mein Tempo auf 50kmh. Warum in der Ortschaft gemäß der Höchstgeschwindigkeit fahren, wenn diese auf Landstraßen keine Rolle zu spielen scheint? Nein, Logik ist nicht vorhanden. Wer hält außer Orts einen Menschen, unabhängig davon ob Kind oder Erwachsener ab, auf die Straße zu stolpern oder gar zu spazieren.

Generell sollte sich die Frage gestellt werden, wer die 22.000 im Straßenverkehr verletzten Kinder und 300.000 Erwachsenen davon abhielt in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden? Und dann die 2800 Verkehrstoten, was war hier los? Wer könnte die alle zurückbringen, dass sie befragt werden können? Vielleicht ja die mit 500 PS ausgestatteten betrunkenen 12.000 Fahrer*innen. Vielleicht. Vielleicht aber auch die knapp 40.000 zu dicht auffahrenden, so wie der Idiot hinter mir mit seiner Proletenkarre. Möglich. Vielleicht aber auch die defensiven Schwätzer aus Fahrergruppe 1 mit ihren genauso nervig unauffälligen Knutschkugeln.

„Ich drück auf’s Gas hör die 500 PS …manchmal gibt’s Palaver, doch es regelt sich von selbst, ah fühl mich wie Rocky“.

Mit Blick in den Rückspiegel setze ich mich betont locker ein bisschen auf. Ortsende in Sicht. „Keine Chance“, das ist mein Gedanke bevor ich das Gaspedal wieder seinem Schicksal überlasse und ganz nach Vin Diesel meinen Hintermann komplett unnötigerweise stehen lasse. „It does’nt matter what’s under a hood the only thing that matters is who is behind the wheel“. Auch wenn die Person hinter mir gar nicht die Absicht hatte, sich mit mir zu messen, hat sie nun doch nur Rücklichter zu Gesicht bekommen. Die Tatsache, die ein Lachen in mir aufsteigen lässt, abgesehen davon, dass dieser aufgeblasene Prolet mit seiner protzigen Karre mir fast in den Kofferraum gefahren wäre und dann am Ortsausgang nicht mitzieht, ist jedoch die: Außerhalb einer Ortschaft mit 80kmh dahinkriechen, innerorts aber 70kmh vertretbar finden.

Mein Lachen wird durch blankes Entsetzen ersetzt. Die nächste Kurve. Die Sicht auf die nachfolgende Straßenführung ist verdeckt.

Lenkrad herumreißen

Zu spät

Plötzlich, viel zu schnell und doch qualvoll langsam, binnen eines Wimpernschlages spielt sich die Szene vor meinem geistigen Auge ab. Dröhnende Motoren, mein Sitz scheint zu vibrieren. Die Straße knurrt und das Adrenalin blubbert nicht wie gewohnt durch meine Adern. Nein, es schießt in Lichtgeschwindigkeit in alle Fasern.  2,2 Millionen Verkehrsunfälle, 2.800 Verkehrstote, 327.000 Verletzte, 157.000 Autounfälle, 25.000 Motorradunfälle. Nein. Bitte, bitte nicht. Das kann nicht sein. Wie konnte es soweit kommen? War das eine Frage der Zeit? Meine Hände bewegen sich nicht, es ist zu spät. Das war’s. Zu spät. Jetzt wird abgerechnet. Es ist zu spät. Wann ist es vorbei? Während meine Gedanken sich in den Strudel der Panik hineinziehen lassen, handelt mein Körper instinktiv, oder? Die Kontrolle wird mir geradezu selbstverständlich entrissen. Wie bei der Übergabe von Leistungsnachweisen, man weiß: jetzt gibt es kein Zurück mehr, Zeit abgelaufen, jetzt hat man entweder alles vergeigt oder erreicht. Ekelhaft fröhlich übernimmt ab jetzt das Gefühl der Niederlage, der Panik des Sieges oder der kompletten Überforderung, genießt die Macht und suhlt sich in Unbehagen oder puren Glücks. Wie ein Schwein in Schlamm oder der Streber in Erfolg.

Alles wird still nicht mal ein Hupen ertönt. Wird gehupt war die Situation vielleicht ungünstig oder einer weist den anderen auf sein angebliches Fehlverhalten hin, aber nach Verklingen des penetranten Geräuschs fällt die Anspannung meist nach kurzer Zeit ab. Wird nicht gehupt, so war die Reaktionszeit zu gering oder allen bewusst, das Hupen einfach respektlos gegenüber der Katastrophe, die gerade ihren großen Auftritt genießt wäre.

2,2 Millionen Verkehrsunfälle, 2800 Verkehrstote, 327.000 Verletzte, 157.000 Autounfälle, 25.000 Motorradunfälle. 2,2 Millionen, 2800, 327.001, 157.001, 25.001.

Sophia Bichlmaier

 

Quellen

Verkehrsunfälle in Deutschland – Statistisches Bundesamt (destatis.de)

Bilder/Grafiken

https://unsplash.com/photos/0teGp4oJO2As (Gegenüber stehende Autos)

https://unsplash.com/photos/ZKCgKiTBqEk (Tachoanzeige)

https://unsplash.com/photos/njnv9T9aXOw (Herumreißen Lenkrad)

Categories: Allgemein, Alltag, Auto

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