Langweilige Gedichte in der Schule auswendig lernen, nervige Stilmittel darin finden und sich dann auch noch überlegen, was der Dichter damit meinen könnte? Diese Art von Lyrik ist für die meisten out! Doch es gibt heutzutage so viele neue Formen von Lyrik, wie beispielsweise…Rap. Am Beispiel des bekannten Rappers Alligathoah soll gezeigt werden, dass Lyrik auch ganz anders und vor allem modern geht.

 

 

 

Die meisten, die das hier lesen, haben sich in ihrer Schulzeit durch Gedichtinterpretationen geplagt. Der größte Mist: was will uns der Dichter sagen. Vielleicht genau das, was er schreibt. Trotzdem mussten wir uns durch Goethe, Schiller und Rilke quälen. Jambus, Trochäus, Daktylus, Anapäst. Und dann erst die Stilfiguren und rhetorischen Mittel. Eine Alliteration…am einfachsten zu merken und am schlechtesten zu interpretieren (Was für ein schönes Paradoxon). Klimax…sind das nicht die Taschentücher…? Oxymoron…Dunkel war´s, der Mond schien helle… ja ja schon gut. Onomatopoesie… ein lautmalerisches Wort wie Kuckuck. Wer zum Kuckuck soll sich denn dieses überhaupt nicht lautmalerische Wort merken? Pleonasmus, Tautologie, Hendiadyoin, Anakoluth. Ist das letzte nicht ein niedliches Tier aus Pokémon…? Mit all diesen schönen unaussprechlichen Wörtern wurden wir in unserer Schulzeit gequält…und wofür?! Wieso werden also Jugendliche noch immer mit längst veralteten Gedichten gequält, mit denen sie nichts anfangen können? Wieso werden ihnen Stilmittel und Versmaße nicht anhand von etwas erklärt, zu dem sie einen Zugang haben…wie…Rapmusik.

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Halt! Werden jetzt viele von Ihnen aufschreien. Sexistischer, frauenverachtender Lärm? Für den Schulunterricht. Ja, genau! Denn mitnichten ist aller Rap frauenverachtend und Lärm. Es gibt (wenn auch eher vereinzelt) durchaus Rap, der hinterfragt, gesellschaftskritisch ist und sich mit den gleichen großen Motiven der Menschheit beschäftigt, wie schon Goethe, Eichendorff oder Rilke. Liebe, Nationalität, Fernweh, Sehnsucht, Religion, Vergänglichkeit. Und noch dazu ist Rap voll von teils anspruchsvollen sprachlichen Mitteln, von Reimen (nicht mal eine Grundvoraussetzung für Lyrik, entgegen der gängigen Meinung) und Rhythmus. Sie ziehen nun skeptisch mindestens eine Augenbraue nach oben? Gut, denn ich werde nun meine Ansicht anhand des Künstler Alligatoah belegen.

 

Die meisten kennen ihn durch sein Lied „Willst du (mit mir Drogen nehmen)“. Je nach Ihrem Alter, denken Sie jetzt entweder an durchgetanzte Nächte und ihre Jugend oder sind entsetzt, weil Sie denken, das Lied fordert zum Konsum illegaler Rauschmittel auf. Doch genau darum geht es bei Alligatoah: Er setzt sich mit wichtigen Problemen und Themen auseinander, seien es Drogen, Alkohol, Eifersucht, …. Fast alle seine Lieder kann man thematisch mit ein bis zwei Worten zusammenfassen. Dabei versetzt er sich selbst in die Person, über die er spricht und beleuchtet anhand derer die Thematik kritisch und sehr ironisch.

Grundsätzliche Themen, die die Menschen beschäftigen, über die sie nachdenken, die zu ihrem Leben gehören, verpackt in eine einzigartige kunstvolle Sprache…kennen wir das nicht irgendwo her? Genau, von Gedichten. Diejenigen unter Ihnen, die einige von Alligatoahs Liedern kennen, werden meiner Behauptung der künstlerischen Sprache zustimmen, doch für die, die seine Texte nicht kennen, möchte ich dies nun genauer ausführen. Fangen wir (ganz nach Art der Gedichtanalyse) nun mit den sprachlichen Besonderheiten an:

 

Alligatoah ist ein großer Fan davon, Sprichwörter in seine Texte miteinzubauen, teils verändert, und immer so, dass es zu seinem Lied und seinem Stil passt. Hier einige Beispiele: „Birnen verlieren, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht (ich schwöre!)“, „Kleider machen Leute. Doch die Leute, die die Kleider machen, leisten sich bis heute leider weniger Designerjacken“, „Wer nicht leiden will, muss schön sein“. Doch auch ganz klassische Stilmittel, wie wir sie aus dem Schulunterricht kennen, sind in seinen Texten zu finden, ob Asyndeton („Ja, ich weiß, ich war Englischlehrer, Gespensterjäger, Entertainer, Sänftenträger“), Alliteration („Ich finde keine Rast und keine Ruh’“), Oxymoron („Ein Autounfall nahm dir beide Arme, heb die Faust“), Synästhesie („Die Blicke sind stumm, die Worte sind blind“), Chiasmus („Einer für alle und all vor one“), Inversion („ich muss sie treffen sofort“) oder Rhetorische Fragen („Also trag‘ ich noch mehr Schichten auf, Wer will schon ’ne ehrliche Haut?“). Doch was Alligatoahs Texte, wie viele andere Raptexte, besonders ausmacht, sind seine Reime. Oft sind es, anders als in den meisten Gedichten, keine reinen Reime (die unter Rappern im Übrigen größtenteils verpönt sind), sondern unreine Reime, die dennoch harmonieren: „Wie dieses Federvieh in einer Legebatterie“, „Im Safaribus erleben Sie den Habitus“, „Komm an den Zaun, wo die Flüchtlinge wohnen / Fotos sind erlaubt, aber füttern verboten“. In dem Lied „Wissen schützt vor Dummheit nicht“, sind sogar alle Reime austauschbar. Ebenso findet man viele Assonanzen in den Liedern, also einen Gleichklang der Vokale: „Weshalb du in deiner Jugendphase wutgeladen bist“, „Du kommst mit Leine und Hund, dann bist du einer von uns / Mach den Hundegruß und stärke den Gemeinschaftsverbund“. Manchmal spielt Alligatoah auch einfach mit Worten, denn darin ist er Meister: „Eifersucht ist die Leidenschaft / Die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“. „Ich werd‘ dir Gesellschaft leisten, auch wenn die Leistungsgesellschaft meine Gesellschaft nicht will“. Dies alles sind nur ein paar Beispiele dafür, wie beeindruckend Alligatoah mit der deutschen Sprache umgeht. Natürlich tut er dies anders als Goethe seinerzeit, doch ist dies zwangsläufig schlechter? Oder vielleicht einfach moderner?

 

Ebenso verhält es sich mit den Themen, um die es in seinen Texten geht. Das sind zum Teil ganz klassische, wie es sie schon seit Jahrhunderten, ach was sage ich, seit Jahrtausenden gibt: Liebe (z.B. in „Trostpreis“ und „Wer weiß“), Tod („Trauerfeierlied“), Sehnsucht nach Zuhause („Wie Zuhause“), doch geht es eben auch Themen, die besonders in unsere heutige Zeit passen: Rücksichtslosigkeit und Konsumkritik („Lass liegen“), Eitelkeit und Modewahn („Du bist schön“), Flüchtlinge („Füttern verboten“), Schnelllebigkeit („Gute Bekannte“).

Nun noch einmal zurück zum eigentlichen Thema: den Umgang mit Sprache, sprachlichen Besonderheiten und Rhythmus kann man nicht nur in alten Gedichten finden, zu denen die Schüler nur schwer Zugang finden können. Vielmehr sollten auch moderne Formen von Lyrik in den Unterricht eingebaut werden, zu denen die Schüler einen besseren Bezug haben. Wie die Texte von Alligatoah.

 

Denn: Sprache verändert sich. Literatur verändert sich. Lyrik verändert sich. (Wieder ein Stilmittel: Epipher und Parallelismus)

Lyrik verändert sich. Sei dies nun in Form von neuen Gedichten, Poetry Slam, der gerade bei der Jugend sehr beliebt ist, oder Rap.

Ich bin der festen Überzeugung: alles was sich mit Sprache auseinandersetzt, mit Sprache spielt, einen gewissen Rhythmus besitzt und bestenfalls noch wirklichen Inhalt hat, ist Lyrik. Goethe wie Alligatoah. Ein Hoch auf die deutsche Sprache und Lyrik, gestern wie heute.

Laura Ertl

 

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