Cheerleading und Leistungssport? Für den ein- oder anderen mag das kontrovers klingen, ist es aber nicht. Wer einmal in den Sport eintaucht, ist schnell mit Leib und Seele dabei. Doch wie viel ist man bereit, für einen Sport zu geben?

„Ah das mit den Puscheln?“ werde ich bestimmt jedes Mal von meinem Gegenüber gefragt, wenn dieser erfährt, dass ich Cheerleading mache. Wie stellst du dir eine “Cheerleaderin” vor? Schlank, weiblich, kurzer Rock, Glitzerpuschel, Footballer anfeuernd? Das verbinden die meisten Leute mit diesem Sport. Doch Cheerleading ist viel mehr, als hübsche Frauen, die knapp bekleidet ein paar Footballer anfeuern. Im Gegenteil. Mit dem Klischee hat dieser Sport eigentlich rein gar nichts gemein. Bevor das jetzt allerdings eine falsche Richtung einschlägt: in diesem Text geht es nicht darum, was Cheerleading ist, sondern was dieser Leistungssport einem abfordern kann. Ich habe nämlich keine Lust mehr mich ständig bei allem und jedem zu behaupten. Ehrlich gesagt habe ich auch keine Lust diesen Text zu schreiben, weil mir dieser Sport im Moment viel mehr nimmt, als er mir gibt. Wie eine toxische Beziehung. Ich liebe den Sport mit jeder Faser meines Körpers, doch gleichzeitig hasse ich auch, was er mit meiner Psyche macht. Ich weiß, dass ich vielleicht ein bisschen kaputt bin. Aber nur weil deine Lieblingstasse einen Sprung hat, wirfst du sie ja auch nicht weg. Trotzdem, wie oft ich wegen eines „lächerlichen Hobbys“ schon geweint habe, ist eigentlich ziemlich unangenehm. Im Endeffekt dreht sich, seitdem ich 13 Jahre alt bin, mein ganzes Leben um Cheerleading. Dabei bin nicht mal im Bundeskader. Aber wahrscheinlich wäre ich es gerne, deswegen mache ich immer weiter.

 

Ohne Cheerleading hätte ich, da bin ich mir sicher, überhaupt gar nichts von dieser sportlich verursachten Selbstsicherheit. Ein Versehen quasi. Eigentlich wäre ich eine unscheinbare, unsichere Person geworden. Maximal Durchschnitt. Im Cheerleading eigentlich auch, aber eher im oberen Drittel des Durchschnitts. Immerhin. Und Luft nach oben zu haben ist immer ein Ansporn. Nichts motiviert mich so sehr, wie jemand, der etwas besser kann als ich. Der innere Schweinehund existiert schon, aber gleichzeitig verleiht er mir einen enormen Ehrgeiz. Er ist mein Partner und nicht mein Feind.

 

Wie alles begann

Statt Komplimente für meinen trainierten Körper, bekam ich maximal ein „deine Oberschenkel sind ja ganz schön breit“ inklusive fiesen Untertons zu hören. Natürlich habe ich durch sowas eine ganz verrückte Wahrnehmung bekommen. Als ich vor meinem Umzug nach München stand und mich bei einem neuen Verein beworben habe, dachte ich, dass ich bestimmt zu schwer sei. Da ich aber sicher nicht nicht aufgrund meines Gewichts aussortiert werden wollte, habe ich angefangen noch mehr Sport zu machen und auf meine Ernährung zu achten. Anstatt Reis habe ich Quinoa gegessen, Weißbrot wurde durch Reiswaffeln ersetzt, Fast- und Junkfood wurde schon lange aussortiert. Dazu bin ich jeden Tag 20km Fahrrad gefahren und habe zusätzlich HIIT Workouts gemacht. Ich wurde dünner, habe in wenigen Monaten 7kg abgenommen. Eine Essstörung hatte ich meiner Meinung nach trotzdem nicht. Als ich ein halbes Jahr keine Menstruation mehr bekam, habe ich erst gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Ich kann von Glück sagen, dass ich diesen Zustand in den Griff bekam, bevor daraus schlimmeres resultieren konnte.

 

Es gibt oft Tage, an denen ich mir wünsche, jemand anderes zu sein. Jemand, der nicht jeden Tag Sport machen muss, um sich gut zu fühlen. In meinem Kopf geht es, was Essen und Sport angeht, eigentlich permanent um diesen Ausgleich. Aktiv – Passiv, wie in der Buchhaltung stets im Gleichgewicht. 

 

Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich nicht so ein zeitintensives Hobby hätte. Eine Frage, welche mir natürlich mal mehr, mal weniger, im Kopf herumschwebt. Kein Training. Heißt Freizeit, heißt Leben. Ich würde reisen gehen – die Welt entdecken. Vielleicht ein Tattoo? Dinge, die eine Sportpause voraussetzen. Doch die Lockdown-Monate, in denen mir mein Sport verboten wurde, waren wohl die schlimmsten meines Lebens. Die plötzliche Plan- und Strukturlosigkeit, ist für jemanden wie mich einfach ein kompletter Lebens Umschwung, genau wie mein Umzug von Niedersachsen nach Bayern.

 

Ein Team – eine Familie

Ich wäre niemals nach München gezogen, hätte ich nicht direkt einen zukünftigen Verein im Auge gehabt. Die meisten meiner Freunde würde ich gar nicht kennen, weil ich sie beim Sport kennengelernt habe. In meinem Team schwitzen alle für das Gleiche. Man hat ein Ziel vor Augen und wenn nicht jeder seinen Job perfekt macht, leidet das ganze Team. Besonders, wenn man so ist wie ich und sich selber gerne Druck macht. Sportlich gesehen bin ich wahrscheinlich die motivierteste Person, die ich kenne. Leider bin ich dann umso demotivierter, wenn meine Turn-Skills nicht so wollen, wie ich will. Eine Endlos-Spirale. Das Einzige was mich dann noch antreiben kann, sind die Anderen. Sie feuern mich immer an, versuchen mich stets zu motivieren, auch wenn ich mal zwei Schritte zurück gegangen bin. Ein Sicherheitsnetz, welches mich immer auffängt, wenn ich falle. Egal ob privat oder im Training. Trotzdem haben mich die Rückschritte im Training enorm belastet. Ich definiere mich über meine Leistung. Das Ganze ging so weit, dass ich mir jetzt sogar ein weiteres sportliches Hobby gesucht habe, um irgendwelche Erfolgserlebnisse im Leben zu haben. An den Tagen, wo man mich nicht in der Turnhalle sieht, bin ich jetzt im Fitnessstudio aufzufinden. Da bin ich, Zeugenaussagen nach, wirklich gut. Deshalb macht es mir auch Spaß.

 

Können mir irgendwie nur Dinge Spaß machen, in denen ich gut bin? Gute Frage eigentlich. Ich habe Spaß, wenn ich Dinge lerne und Erfolgserlebnisse habe. Dieser Hype und diese Glücksgefühle. Wenn ein Skill, von dem ich früher nie gedacht hätte, dass ich ihn mal kann,  klappt – das ist ein Gefühl, einfach unbeschreiblich. Deshalb ist Cheerleading auch wie eine Sucht, von welcher ich nicht wegkomme. Solange noch immer irgendwo Hoffnung besteht, einen neuen Stunt zu lernen oder einen krassen Basket zu fliegen und das besagte Gefühl zu erleben, hat es mich in der Hand. Wenn ich fliege, ist es das krasseste Gefühl der Welt, wie ich mich hoch oben in der Luft drehe und die Welt buchstäblich Kopf steht. Kurz ein Vogel sein und alle Probleme des Alltags vergessen. Im Training bin ich ein anderer Mensch. Das „Job-Ich“ existiert nicht mehr. Wahnsinn, wie einem das Adrenalin durch die Adern rauscht und wie man sich nach dem Training fühlt. Stolz und selbstbewusst. Nichts kann einen stoppen. Das Wissen, dass man eben jemand besonderes IST und es nicht nur denkt, zu sein, gibt einem eine Sicherheit in sich selbst, welche sich auf das komplette Leben überträgt. Ohne diesen Sport wäre ich bestimmt nicht die Person, die ich heute bin.

Autorin: Josephine Detmers

Categories: Allgemein, Sport

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