Lisa (19) war in Australien. Nun kommt sie nach Hause und fühlt sich schrecklich. Ein Phänomen, das viele Menschen erleben, die nach langer Zeit im Ausland wieder heimkommen: Der umgekehrte Kulturschock! Was ist das? Und was kann man dagegen tun?


Nun sitzt Lisa (19) im Flugzeug. Ein Jahr war sie in Australien. Wie aufregend das war! Diese grüne Natur. Das blaue Meer. Die überwältigende Hitze, unter der strahlenden Sonne. Und natürlich diese unglaublich braunen Augen  die sie wohl nie vergessen wird…

Doch heute ist sie wieder auf dem Weg nach Hause. Zurück nach Deutschland zu ihrer Familie und ihren Freunden. Ihr breites Grinsen spiegelt sich im Fenster. Warum nur fliegt das Flugzeug so langsam?

Am Flughafen landet sie in einem Strudel aus bunten Plakaten, Umarmungen, Jubel, Freudentränen und selbstgebackenen Muffins. Ihre beste Freundin Anna hat sogar daran gedacht, ihr das erste gute, bayrische Bier seit viel zu langer Zeit mitzubringen.

Zuhause in ihrem alten Zimmer packt sie schnell ein wenig aus, geht duschen und abends steigt eine kleine Grillparty. Endlich wieder deutsches Brot! Anna fragt: “Und? Wie war es?” Doch wie soll man so eine komplexe Erfahrung in wenigen Sätzen beantworten? Also antwortet Lisa nur: “Es war großartig.”

Schnell ist sie müde und erledigt. Ihre Mutter schickt ihre Freunde nach Hause und Lisa fällt in ihr Bett. Schon fast ungewohnt, in so einem bequemen Bett zu schlafen.

Mitten in der Nacht wacht Lisa auf. Plötzlich ist sie hellwach. Verfluchter Jetlag! Aber mei. Dann kann sie wenigstens mit ihren Freunden in Australien chatten. Die sind jetzt wenigstens wach und wollen wissen, ob sie gut zuhause angekommen ist. Jack fragt: “Wann kommst du wieder?” Lisa hat keine Ahnung, aber sie hofft bald. 

Sie steht jetzt erst einmal auf. Sie zieht sich warm an. Ob sie sich wohl im Flieger ein wenig verkühlt hat? Ist es im Mai nicht normalerweise schon warm?

In der Stadt trifft Lisa sich mit Anna und anderen Freunden. Das Café ist neu. Es hat vor einem halben Jahr aufgemacht und ist seitdem der Treffpunkt ihrer Cliqué. Schön, einmal den Ort zu sehen, den sie schon auf manchen Fotos gesehen hat. Auch Annas Freund Karl, kennt Lisa bisher nur von Fotos. Sie begrüßen sich und er fragt: “Na, wie war es denn so im Känguruhland?”

aus Jodel

Ihre Freunde lachen. Lisa nicht. Sie erzählt zwar ein paar Geschichten, doch schnell dreht es sich um andere Dinge. Bob und Marie haben Schluss gemacht. Annas Cousine ist schwanger. Hannah hat ein neues Piercing. Lisa zeigt ihr neues Känguruh-Tattoo und sieht Anna und Karl die Augen rollen. In ätzendem Tonfall meint Anna: “Oh, wow. Lisa, 19, war in Australien.” Ihre Freunde lachen. Lisa nicht.

Irgendetwas ist komisch. Die Gesprächsthemen sind die gleichen, wie früher. Sie lachen über die gleichen Witze, wie früher. Nichts scheint sich verändert zu haben. Aber warum fühlt sich Lisa dann plötzlich so fehl am Platz? Wieso fühlt sich das alles plötzlich so anders an?

Sie blickt auf ihr Handy. Keine neue Nachricht von Jack. Aber wie auch? In Sidney ist es im Moment mitten in der Nacht. Lisa gähnt. Vielleicht sollte sie wieder heim fahren. Wollte sie nicht eh noch Wäsche waschen? Ach, nein. Das hat ihre Mutter ja schon übernommen. Draußen beginnt es zu regnen. Sie schaut in die grauen Wolken und seufzt. 

Eintönig vergehen die Tage. Ihre Eltern nerven. Sie trifft sich weniger mit ihren Freunden. Sie vermisst ihr Leben in Australien. Jack meldet sich seltener. Was ist nur los mit ihm? 

Und was ist los mit ihr? Immer mehr verkriecht sie sich alleine in ihrem Zimmer, während vor dem Fenster die Sommersonne vom Himmel strahlt.

„Der Himmel ist blau. Und der Rest deines Lebens liegt vor dir. Vielleicht wäre es schlau, dich ein letztes Mal umzusehn. Du weißt nicht genau, warum, aber irgendwie packt dich die Neugier“

… singen die Ärzte. Sie beschreiben damit ein Gefühl, das viele Jugendliche nach dem Abitur kennen und leben.

Nun kann man studieren, eine Ausbildung machen oder erst mal ein Jahr Pause machen und ins Ausland gehen. Ob als Au-Pair nach Kanada, Farmarbeit in Schottland, Freiwilligendienste in Ecuador, Work’n Travel in Neuseeland oder vielleicht doch ein halbes Jahr als Au-Pair nach Chile und dann noch ein paar Monate herumreisen in Thailand. Die Welt steht einem offen. Los geht’s!

Jeder vernünftige Reisende bereitet sich vor. Man informiert sich über das Wetter, stellt sich auf einen Kulturschock ein, lernt ein paar Worte in der Sprache, packt die Sonnencreme und die Regenjacke ein und man ist unterwegs. 

Heimkommen ist  schwieriger. Man freut sich auf daheim, aber irgendwas ist komisch. Plötzlich fühlt sich das doch so altbekannte ganz anders an. Dieses Phänomen nennt man einen umgekehrten Kulturschock. Was zum Teufel ist das denn?

© VisionPic .net via Pexels

Der umgekehrte Kulturschock ist eine wenig bekannte, aber viel erlebte Erfahrung, die viele Reisende teilen, die nach sehr langer Zeit im Ausland wieder zurück nach Hause kommen. 

Typische Symptome sind Gefühle von Isolation, innerer Zerissenheit, Unglück und/oder Überwältigung, veränderte Beziehungen zu Freunden und Familie oder die Sehnsucht in die Ferne. 

Die Gründe für einen umgekehrten Kulturschock sind zahlreich. So kann es sein, dass man zu viel von der Heimkehr erwartet hat, diese Erfahrung den Erwartungen allerdings nicht gerecht wird. Je länger der Auslandsaufenthalt und je größer der kulturelle Unterschied, desto größer der umgekehrte Kulturschock.

Ulrich Dettweiler, Professor für Pädagogik an der Universität Stavanger, kennt die Problematik. In einem Podcast auf der Website detektor.fm vergleicht er die Wirkmechanismen mit denen eines herkömmlichen Kulturschocks. Er spricht darüber, wie Reisende zurück kommen und etwas vorfinden, das ihnen fremd geworden ist. Dabei stellt sich heraus, dass sich gar nicht so viel verändert hat – alles ist gleich geblieben, nur man selber hat sich verändert. “Damit kommt das Fremde in das eigentlich Vertraute.” Der Kulturschock als psychologisches oder klinisches Problem beginne dort, wo es schwierig wird, noch den Alltag zu bewältigen.

Wie kann man also sich selber oder anderen helfen?

Als erstes hilft es natürlich, sich darauf einzustellen, dass ein umgekehrter Kulturschock passieren kann. Man muss sich klar machen, dass man selber sich verändert hat und das dies auch vollkommen in Ordnung ist.

Nun ist es wichtig einen Ort zu haben, in dem man ausführlich über die Erfahrungen zu reden. Auch wenn es für die Dagebliebenen vielleicht schwierig zu verstehen ist, hilft es durch Konversation dieses „Fremde“ in das „Vertraute“ zu bringen.  Dieser Ort kann die Familie sein, oder Freunde oder in schwierigen Fällen, kann es auch notwendig sein, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Auch Lisa findet einen Weg mit ihrem umgekehrten Kulturschock umzugehen. Sie spricht sich mit Anna aus. Es geht ihr nach einer Weile wieder besser. Sie schreibt sich für die Uni ein, zieht in eine WG, beginnt zu studieren und informiert sich schon über das Erasmusprogramm. Wo es wohl diesmal hingeht? Amerika? England? Spanien vielleicht?


Ein Artikel von Elena Pollak

Die Autorin war nach ihrem Abitur selber 8 Monate in Neuseeland. Die Geschichte um Lisa in diesem Artikel ist trotzdem frei erfunden und jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Menschen ist rein zufällig.


Quellen:

  • Die Ärzte. „Himmelblau“. Jazz ist anders. Hot Action Records. 2007
  • Kaspar Weist, “Zurück zu Hause und jetzt?”, https://detektor.fm/gesellschaft/umgekehrter-kulturschock, 05.02.2020
  • Julia Kagan, “Reverese Culture Shock”, https://www.investopedia.com/terms/r/reverse-culture-shock.asp, 05.02.2020
  • John Spacey, „8 Examples of Reverse Culture Shock“, https://simplicable.com/new/reverse-culture-shock, 05.02.2020

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