Sexuelle Belästigung. Ungefähr 7.690.000 Ergebnisse auf Google in weniger als einer Sekunde. Das Thema ist seit 2017 und der #Metoo Initiative wohl präsenter als jemals zu vor, besonders in den sozialen Netzwerken. Wann hast du dich das letzte Mal mit dem Thema auseinandergesetzt? Hast du deine Freunde schon mal gefragt, ob sie sexuell belästigt wurden? Wird über dieses Thema tatsächlich (genügend) geredet?

Ein Artikel von Katharina Neuweger

Me too – klar, sagt das jedem etwas. Viele internationale Berühmtheiten wie Alyssa Milano, die diesen Hashtag populär gemacht hat, machen seit 2017 in den Sozialen Medien auf das drastische Ausmaß von sexueller Belästigung aufmerksam. Viele bekannte Frauen trauten sich durch diese Initiative über ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu sprechen. Über sexuelle Belästigung zu reden sollte heute also längst kein Tabu mehr sein. Und trotzdem sagen über 63% der Frauen und auch knapp 44 % der Männer[1], dass zu wenig über dieses Thema in unserer Gesellschaft gesprochen wird. Dies bestätigt sich auch, wenn man sich eine Umfrage aus dem März 2018[2] anschaut. Bei dieser Online Umfrage wurden weltweit rund 19.500 Personen befragt, wie hoch sie den Anteil der Frauen im Alter über fünfzehn Jahren schätzen, die schon einmal Opfer irgendeiner Form von sexueller Belästigung wurden. In Deutschland schätzen sowohl Männer als auch Frauen den Anteil auf ca. 40 %. Alleine diese Einschätzung sollte zum Nachdenken anregen. Ist es nicht erschreckend, dass wir vermuten, dass fast jede zweite Frau in Deutschland sexuell belästigt wird? Vergleicht man die Schätzungen jedoch mit dem tatsächlichen Wert ist der Schock umso größer. Rund 60 % aller Frauen über fünfzehn sind betroffen. Was können wir also tun, um unsere Gesellschaft noch besser zu sensibilisieren? Welche Hindernisse gibt es noch immer, die verhindern offen über diese Thematik reden zu können? Was heißt eigentlich sexuelle Belästigung?

Wenn es um das Thema sexuelle Belästigung geht, denkt man sofort an die schlimmsten Fälle: Sexuelle Nötigung, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung. Doch wo beginnt sexuelle Belästigung? Das zu definieren ist nicht einfach. Schon der Paragraf 177 des Strafgesetzbuches veranschaulicht die Problematik ein sexuelles Vergehen eindeutig zu definieren. So heißt es Vergewaltigung sei ein besonders schwerer Fall sexueller Nötigung. Um wiederum diesen Tatbestand feststellen zu können sind Gewalt, Drohung oder schutzlos Ausgeliefertsein Voraussetzung. Nein zu sagen, ist also nicht ausreichend. Für den Tatbestand der Vergewaltigung kommt hinzu, dass Beischlaf oder vergleichbare sexuelle Handlungen, die mit dem Eindringen in den Körper verbunden sind, stattgefunden haben müssen. Zudem wird von einer „besonderen Erniedrigung“ gesprochen. Wo die Grenzen dabei liegen, liegt im Einzelfall also im Ermessen des jeweiligen Richters.[3]

Befrage ich meine Freundinnen, ob sie schon einmal sexuell belästigt wurden, so ist die Antwort bei fast jeder von ihnen „Ja“. Ehrlich gesagt bin selbst ich erstaunt wie erschreckend hoch der Anteil der Betroffenen in meinem Freundeskreis ist. Noch beunruhigender ist die Tatsache, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt noch nie darüber geredet haben. Beginnen wir jetzt also genauer darüber zu reden, spricht der Großteil aber nicht von Vergewaltigung und sexueller Nötigung, auch wenn selbst das leider Personen meines Freundeskreises betrifft. Hauptsächlich geht es aber um anzügliche Kommentare, beängstigende Blicke und Gesten sowie unangenehme Berührungen.  

Ab wann kann ich also von sexueller Belästigung sprechen? Die Antwort auf diese Frage ist, wie wir gesehen haben, nicht ganz einfach, aber doch offensichtlich. Jede unerwünschte sexualisierende Handlung oder Bemerkung einer anderen Person, die mich belästigt, beschämt, entwürdigt, Unwohlsein oder gar Angst auslöst, ist eine sexuelle Belästigung.[4] Das heißt auch jeder und jede Einzelne hat seine eigenen Empfindungen und Grenzen in diesem Zusammenhang.

Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass viele sich noch immer nicht trauen darüber zu sprechen, dass sie sexuell belästigt wurden. Denn was der eine als unangenehm, beängstigend, ja sogar belästigend empfindet, tut ein anderer als Lappalie ab. Gerade diese Verharmlosungen oder Ablehnungen durch andere Personen haben zur Folge, dass Betroffene dieses Thema nicht mehr ansprechen und damit alleine bleiben. Dabei ist es sowohl für Einzelne, um das Erlebte besser verarbeiten zu können, als auch für die Allgemeinheit, um für dieses Thema zu sensibilisieren und darauf aufmerksam zu machen, besonders wichtig darüber zu reden.

Ein weiterer Grund für das Stillschweigen über erlebte sexuelle Belästigung ist wohl noch immer die Scham. Diese hat sicherlich bei jedem Betroffenen ganz unterschiedliche individuelle Auslöser. Besonders bei Männern, aber auch bei vielen Frauen, ist dafür oft der Grund, dass man sich schwach fühlt und so nicht von seiner Umgebung wahrgenommen werden will. Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass sexuelle Belästigung nicht ausschließlich Frauen betrifft. Auch 12% der Männer in Deutschland haben sich schon einmal sexuell bedrängt oder belästigt gefühlt.[5]

Wie also kann man auf dieses Thema aufmerksam machen? Was können wir tun, um es Betroffenen beider Geschlechter zu ermöglichen, es womöglich sogar zu erleichtern, darüber zu reden?

Das Wichtigste dabei ist wohl, Betroffenen Verständnis und Sicherheit entgegenzubringen und zu vermitteln. Einen anderen Menschen in eine so intime Thematik miteinzubeziehen und sich so verletzlich zu zeigen ist ein großer Vertrauensbeweis. Erzählt also jemand davon, sexuelle Belästigung erlebt zu haben, sollte man auf jeden Fall zuhören. Es ist in Ordnung, wenn man nicht weiß, was man in einer solchen Situation sagen oder antworten soll. Aber das Geschehene herunterspielen oder ins Lächerliche ziehen oder gar den Betroffenen anzugreifen sollten nie Optionen sein.

Natürlich gibt es auch viele Initiativen und Aktionen, die sich zum Auftrag gemacht haben über sexuelle Belästigung zu informieren und auf ihr Ausmaß aufmerksam zu machen. So erregte im Sommer 2019 in München ein Instagram Account, CatcallsOfMuc, Aufsehen, der so genannte Catcalls mit Straßenkreide in ganz München sichtbar macht. Als Catcall bezeichnet man zum Beispiel unangemessene Sprüche, die  jemandem hinterhergerufen werden. Die drei Begründerinnen des Accounts schreiben solche Sprüche, die sie von Betroffenen zugesendet bekommen, an den Ort auf die Straße, an dem sie ausgesprochen wurden. Dadurch wird nicht nur deutlich wie oft man solchen Sprüchen ausgeliefert ist, sondern auch wie alltäglich Belästigung bei uns ist. Allein schon, dass viele das Wort „Alltagsbelästigung“ kennen und verwenden ist wirklich ein Grund, über die Einstellung zu diesem Thema in unserer Gesellschaft nachzudenken.[6] Sollte sexuelle Belästigung nicht eher die Ausnahme als die Regel sein? Die Antwort auf diese Frage muss definitiv „Ja“ heißen.

Also: Let’s talk about it! – Lasst uns über sexuelle Belästigung miteinander reden, damit niemand sich damit alleingelassen fühlt. Lasst uns über sexuelle Belästigung miteinander reden, damit deutlich wird wie häufig sie in unserem Alltag noch immer auftritt. Lasst uns über sexuelle Belästigung reden und somit den ersten Schritt machen, dass aus der Regel Ausnahmen werden!

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/933808/umfrage/meinung-der-deutschen-zu-ausreichender-thematisierung-von-sexueller-belaestigung/; letzter Aufruf 20.12.2019

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/818491/umfrage/umfrage-zur-wahrnehmung-sexueller-belaestigung-gegenueber-frauen-in-deutschland/ letzter Aufruf 20.12.2019

[3] https://taz.de/Zahlen-zur-sexuellen-Gewalt/!5271854/ letzter Aufruf 20.12.2019

[4] https://www.onpulson.de/lexikon/sexuelle-belaestigung/ + https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Bel%C3%A4stigung letzter Aufruf 20.12.2019

[5] https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-10/sexuelle-belaestigung-frauen-umfrage letzter Aufruf 20.12.2019

[6] https://www.jetzt.de/gender/catcallsofmuc-kaempft-mit-kreide-gegen-catcalling-in-muenchen +

https://www.instagram.com/catcallsofmuc/?hl=de letzter Aufruf 20.12.2019

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/studie-sexuelle-belaestigung-101.htmlhttps://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-10/sexuelle-belaestigung-frauen-umfragehttps://www.zeit.de/gesellschaft/2018-08/sexuelle-belaestigung-arbeitsplatz-frauen-maenner-statistikhttps://www.frauenrechte.de/images/downloads/hgewalt/Sexuelle-Gewalt-in-Deutschland.pdfhttps://www.dw.com/de/jede-r-zweite-wird-begrapscht-oder-bel%C3%A4stigt/a-18291617https://pinkstinks.de/eine-ende-von-gewalt-gegen-frauen-beginnt-im-kleinen/https://www.amnesty.ch/de/themen/frauenrechte/sexuelle-gewalt/dok/2019/sexuelle-gewalt-in-der-schweizhttps://www.waz.de/region/rhein-und-ruhr/gibt-es-sie-immer-haeufiger-sexualstraftaten-im-faktencheck-id226442887.htmlhttps://taz.de/Zahlen-zur-sexuellen-Gewalt/!5271854/https://www.presseportal.de/pm/7522/3883669https://www.jetzt.de/gender/catcallsofmuc-kaempft-mit-kreide-gegen-catcalling-in-muenchenhttps://www.freitag.de/autoren/katharinasophiehuebener/studie-zeigt-jede-8-frau-wird-belaestigthttps://www.instagram.com/catcallsofmuc/?hl=dehttps://www.jetzt.de/gender/catcallsofmuc-kaempft-mit-kreide-gegen-catcalling-in-muenchen

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