~ Eine Hommage an die Heimat ~

Grüne Wiesen, weite Wälder und die wunderbaren Abenteuer des alltäglichen Wahnsinns. Obwohl immer mehr Menschen in die Großstadt ziehen, gibt es wenige, wie mich, die gegen nichts auf dieser Welt ihre ländliche Heimat verlassen würden. Ich bleibe, denn: Landflucht? – Nein Danke!

Samstag morgen, die Vögel zwitschern und die nahe gelegene Autobahn brummt monoton vor sich hin. Eigentlich schon fast idyllisch, doch nur fast. Punkt 8 Uhr wird man sanft, aber bestimmt aus dem Traum geholt. Nach kurzer Benommenheit ist schnell klar, der Nachbar mit seiner Stihl MS 251 schneidet seine Bäume klein. Die sanft schrillen Motorengeräusche werden dank der Hauswand etwas abgedämpft. Da man nun bereits wach ist, kann der neue Tag begonnen werden.

9:30 Uhr: Der Nachbar ist endlich fertig sein Holz zu zersägen und es kehrt etwas Ruhe in dem kleinen Dorf ein. Der Samstag könnte nun eigentlich perfekt starten. Da das Wetter wunderschön ist, genehmige ich mir ein Tässchen Kaffee auf dem Balkon. Wer aber denkt, jetzt seine Ruhe zu haben, der hat sich geschnitten. Kurz darauf ist der Neue von nebenan hörbar mit dem Frühstücken fertig, denn er schraubt an seiner Maschine herum. Bald ist der 1. März und bis dahin muss der Motor rund laufen. Gut, nach einer Dreiviertelstunde scheint der Anlasser ordnungsgemäß zu funktionieren – oder auch nicht – denn alle kläglichen, selbst für Nichtmechaniker unschönen Laute des Zweirades sind verstummt. Nun kann man einmal tief ein und wieder aus Atmen. Herrlich diese frische Luft und die warmen Sonnenstrahlen kitzeln auf meinem Gesicht. Kurz schließe ich meine Augen, doch ein Dröhnen erklingt – ich vergaß – Einflugschneise des Münchner Flughafens. Eine große Lufthansa fliegt über meinen Kopf hinweg. Als das Flugzeug hinter dem Wald verschwindet und sich allmählich die Kondensstreifen am Himmel auflösen, ertönt vom Feuerwehrhaus die Feuerwehrsirene. Mit einem kurzen Blick aufs Handy ist schnell klar: letzter Samstag im Monat, mittlerweile 11 Uhr: Testlauf. Kaum fertig gedacht erklingen die Sirenen im Kanon. Ich horche genau hin: 1, 2, 3, 4. Genau vier Sirenen aus dem Umkreis heulen um die Wette. Ich lausche entspannt dem zweiminütigen Spektakel. Als der letzte Ton verstummt, verlasse ich meinen gemütlichen Stuhl auf dem Balkon und mache mich auf den Weg, um mir ein Mittagessen zu kochen.

14:00 Uhr: Das Mittagessen ist Geschichte und da das Wetter immer noch anhält, ist es Zeit für einen kleinen Spaziergang. Andere würden einen Ortskontrollgang machen, aber bei mir dehnt sich das Ganze auf eine Gemeinderunde aus. In einem Ort mit gerade einmal 120 Einwohnern wäre man nach guten zehn Minuten wieder daheim. Also los! Nach anderthalb Stunde bin ich von meiner Runde schon wieder zurück. Bei unter 2 000 Einwohner in der ganzen Gemeinde hält auch dieser Spaziergang sich eher kurz. Aber man weiß jetzt nicht nur, was die Mesnerkinder machen oder die verhasste alte Schachtel zwei Orte weiter, sonder hat auch so allerhand neue Informationen, äußerst wichtige Informationen erfahren.

15:45 Uhr: Die Postbotin klingelt. Erstaunt, da man kein Paket erwartet, öffne ich die Tür. Schnell wird klar: Sie hat auch keins. Dafür gefallen ihr die Blumen vor meinem Haus und sie fragt, ob ich noch Samen für die Blumen habe. Nachdem ich ihr verspreche, dass ich ihr, wenn die Blumen verblüht sind, welche auf die Seite lege, setzt unsere Postbotin ihren Weg fort.

17:00 Uhr: Der Nachbar hat Besuch. Zwar nicht ganz coronakonform, aber was solls. Woran ich das gemerkt hab? Sein kleiner Köter steht wild bellend im Garten und stimmt zu den Klängen von Rammstein und französischer Musik ein.

18:00 Uhr: Langsam knurrt der Magen. Ich bereite mir eine ordentliche Brotzeit vor und genehmige mir eine wohl verdiente Feierabendhalbe. Ich öffne das Küchenfenster, Abendluft tut ja bekanntlich gut, doch da strömt der Geruch von Grillfleisch und Kohle herein. Anscheinend hat jemand aus dem Ort den Grill angeschmissen. Kurzer Check nach draußen: Der Nachbar mit dem nervtötenden Köter und dem fürchterlichen Musikgeschmack grillt. Ich schließe das Fenster wieder. Dann heute ohne Frischluft, sonst bekomme ich noch Appetit auf ein saftiges, geschmeidiges Grillsteak und auch auf die musikalische Unterhaltung kann ich getrost verzichten.

Nachdem alles weggeräumt, das Haus abgeschlossen und der Samstagabendfilm im Fernsehen vorbei ist, mach ich mich auf den Weg ins Bett. Noch einmal kurz lüften. Heute ist es sternenklar. Kurz lehne ich mich aus dem Fenster und blicke hinaus. Die Autobahn brummt wie immer monoton vor sich hin, nur etwas leiser als am Morgen, denn der Wind hat gedreht. Ein Blick in den Himmel und meine Augen bleiben auf einem Sternbild hängen. Wunderschön! Und als ich unter die Bettdecke schlüpfe, denk ich mir vor dem Einschlafen noch: Wie kann man hier nur weg wollen?

Laura Harrer

 

Sonnenuntergang in der Erntezeit – Foto: Laura Harrer

 

Titelbild: Pixabay/Philippe Ramakers

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