Jedes Jahr erscheinen unzählige Neuheiten auf dem deutschen Buchmarkt, so dass es selbst für Branchenkenner schwer ist, einen Überblick über die interessantesten Novitäten zu behalten. Unentschlossenen Lesern möchte ich aus diesem Grund fünf literarische Perlen aus dem ersten Halbjahr 2017, die mich persönlich vollends begeistern konnten, wärmstens ans Herz legen:

 

Lost in Fuseta von Gil Ribeiro (Kiepenheuer & Witsch)

Lost in Fuseta bildet den Auftakt einer Reihe an Portugal-Krimis um den deutschen Kriminalkommissar Leander Lost. Dieser wird im Zuge einer internationalen Kooperation von Polizeibehörden in das verträumte portugiesische Städtchen Fuseta versetzt, wo er für ein Jahr mit den örtlichen Ermittlern Graciana Rosado und Carlos Estevez auf Verbrecherjagd gehen soll. Aufgrund seines Asperger Syndroms ist Lost zwar ein ausgezeichneter – wenn nicht sogar genialer – Kriminalist, doch gleichzeitig bereiten ihm soziale Konventionen enorme Schwierigkeiten. Bereits bei seinem ersten Fall, dem Mord an einem Privatdetektiv, gerät er ins Visier einer skrupellosen Organisation, die es auf die Wasserversorgung in der Algarve abgesehen hat. Und auch manchen seiner Kollegen scheint er mit seinem Verhalten ein Dorn im Auge zu sein…

Sympathische Charaktere, das gekonnte Spiel mit klassischen Stereotypen, die im Krimi-Genre relativ unverbrauchte Kulisse Portugals und ein speziell auf die Region zugeschnittener Kriminalfall machen Lost in Fuseta zu einem absoluten Highlight für Freunde leichter Krimikost.

 

Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara (Hanser Berlin)

Das beinahe 1000 Seiten umfassende Charakterdrama der US-amerikanischen Autorin Hanya Yanagihara befasst sich mit den Abgründen der menschlichen Psyche. Der Leser begleitet das Leben von Jude St. Francis, einem brillanten jungen Mann, dessen außergewöhnlicher Intellekt eine unbeschreibliche Anziehung auf alle Menschen in seinem Leben ausübt. Das unsägliche Leid, der körperliche und seelische Missbrauch, dem er sich als Kind ausgesetzt sah, hat jedoch seine Spuren hinterlassen und ihn psychisch gebrochen. Unfähig aus dem Teufelskreis aus Schmerz, Hass und Lügen, der seine Kindheit prägte, auszubrechen, droht Jude all die Menschen, die ihm nahe stehen, mit sich in den Ruin zu stürzen…

Ein wenig Leben schafft es den Leser mit seiner unvergleichlich realistischen Charakterzeichnung eines höchst depressiven – und wie ich mir häufig in Erinnerung rufen musste – fiktiven Menschen von der ersten Seite an in seinen Bann zu ziehen. Der Roman ist zwar definitiv nichts für schwache Nerven, doch wer mit der Thematik zurechtkommt wird mit einem Leseerlebnis belohnt, das seinesgleichen sucht und lange Zeit in Erinnerung bleiben wird.

 

Farbenblind von Trevor Noah (Blessing)

Die Biographie des Stand-Up-Comedian und Late-Night-Hosts Trevor Noah ist mit Sicherheit eines der faszinierendsten Sachbücher des Jahres. Der gebürtige Südafrikaner – Sohn einer Xhosa und eines Schweizers – der es in jüngster Vergangenheit zu immenser Bekanntheit in den USA gebracht hat, schafft es, die Erfolgsformel seiner Fernsehshow auf seine Lebensgeschichte zu übertragen. Er informiert den Leser nicht nur ausführlich über die Geschichte seines Heimatlandes, die Ursprünge und Folgen der Apartheid, er verbindet diese Erkenntnisse auch auf emotionale und humorvolle Weise in zahlreichen Anekdoten und formt so ein detailliertes Bild seines Lebens und der südafrikanischen Gesellschaft. Nicht zuletzt ist „Farbenblind“ aber auch ein Liebesbrief an seine Mutter, mit ihrer rebellischen Persönlichkeit und ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein. In einem Land und zu einer Zeit in der von Frauen (besonders schwarzen Frauen) ausschließlich Unterwürfigkeit geduldet wurde, war sie sein Vorbild und ihr schreibt er seinen Erfolg und sein Lebensglück zu.

Bewegend, schockierend, lustig und informativ – eine perfekt dosierte Kombination, die Farbenblind zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher macht.

 

Heute leben wir von Emmanuelle Pirotte (S. Fischer)

Der historische Roman „Heute leben wir“ besticht vor allem durch seine ungewöhnlichen Protagonisten und ihrer unwahrscheinlichen Beziehung zueinander.

Wir schreiben das Jahr 1944. Dem als Amerikaner verkleideten SS-Offizier Matthias wird das jüdische Mädchen Renée anvertraut, um es in Sicherheit zu bringen. Anstatt die Kleine zu töten, wie er es eigentlich müsste, beschließt er, beeindruckt von ihrem Mut im Angesicht des Todes, mit ihr zu fliehen. Auf einem kleinen Hof in Frankreich finden die beiden Zuflucht. Doch als ein Regiment von US-Soldaten auftaucht, droht Matthias wahre Identität enthüllt zu werden. Ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den misstrauischen Amerikanern und dem in die Ecke getriebenen Deutschen beginnt – und mittendrin ein kleines Mädchen, das sich für eine Seite entscheiden muss…

Ein spannender Roman, bei dem die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und der den Leser emotional hin- und hergerissen zurücklässt.

 

The Girl Before von J.P. Delaney (Penguin)

Der Psychothriller „The Girl Before“ erzählt parallel die Geschichte zweier junger Frauen, Emma und Jane. Zwar liegen zwischen den beiden Handlungssträngen mehrere Jahre, doch ihre Schicksale scheinen auf mysteriöse Weise miteinander verbunden zu sein. Nach einem für sie jeweils sehr traumatischen Erlebnis versuchen die beiden ihre bisherigen Leben hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Der erste Schritt in diesem Vorhaben – und das verbindende Element der Handlung – ist der Umzug in ein neues Haus. In kürzester Zeit verfallen die beiden dem Architekten des Hauses, Edward Monkford, dessen exzentrischer und gleichzeitig überaus charismatischer Art sie sich nicht erwehren können. Als Jane erfährt, dass Emma Jahre zuvor in dem Haus auf ungeklärte Weise zu Tode kam, beginnt sie Nachforschungen anzustellen. Es dauert nicht lang, bis sie auf dunkle Geheimnisse aus Emmas und Edwards Vergangenheit stößt, die alles verändern. Jane beginnt um ihre Sicherheit zu bangen, doch ist sie bereits zu tief in die Geschehnisse eingetaucht, um noch unbeschadet aus dem Haus zu entkommen…

Ein cleveres Handlungskonstrukt, faszinierende Charaktere und konstant unerwartete Wendungen schaffen eine nervenzerreißende Spannung, die es unmöglich macht dieses Buch aus der Hand zu legen.

 

 

Wer sich auf der Suche nach großartigem Lesestoff befindet, ist mit diesen Titeln definitiv bestens bedient. Und wer weiß, vielleicht befindet sich auch eines Ihrer zukünftigen Lieblingsbücher auf dieser Liste.

 

M.W.

 

 

Quellen:

  • Lost in Fuseta, Gil Ribeiro (Kiepenheuer & Witsch)
  • Ein wenig Leben, Hanya Yanagihara (Hanser Berlin)
  • Farbenblind, Trevor Noah (Blessing)
  • Heute leben wir, Emmanuelle Pirotte (S. Fischer)
  • The Girl Before, P. Delaney (Penguin)
Categories: Kultur, Medien

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