„What kind of person wants to be a gunslinger?“ Diese Frage stellt sich Wynonna, als sie über ihren Ururgroßvater, den Revolverhelden Wyatt Earp, nachdenkt. Kurz darauf hat sie keine andere Wahl, als mit dessen alten Colt „Peacemaker“ in seine Fußsstapfen zu treten. Dabei zeigt sie, dass sie es problemlos mit all den Kettensägen schwingenden, Sprüche klopfenden, schießwütigen Männern aufnehmen kann, die das Genre dominieren.

Im Jahr 2017 wurde, entgegen einiger Erwartungen, nicht der US-Präsident Donald Trump zur Time Person of the Year gewählt, sondern die Silence Breakers, jene Frauen, die sich öffentlich mit dem Hashtag metoo als Opfer sexistischer Übergriffe geoutet oder auf solche hingewiesen und sich gegen solches Verhalten stark gemacht haben. Auf den zweiten Blick ist das weniger verwunderlich, der Titel bezieht sich schließlich auf den Einfluss, den eine oder mehrere Personen auf die Ereignisse eines Jahres hatten, und den kann man der metoo-Bewegung nicht absprechen. Die hat sich längst von einer kleinen Kampagne über sexuelle Belästigung in Hollywood und am Arbeitsplatz zu einer umfassenden, öffentlich geführten Debatte über sexuelle Gewalt, Belästigung und Sexismus im Alltag entwickelt.

Auch abseits von metoo ist Sexismus ein vieldiskutiertes Thema in Hollywood. Zum Beispiel als Jennifer Lawrence sich 2015 für eine gleichberechtigte Bezahlung von Frauen in der Filmbranche stark gemacht hat. Oder der vermehrte Einsatz von starken Frauenfiguren auf der Leinwand und dem Bildschirm, wie 2017 im hochgelobten Wonder Woman, der gezeigt hat, dass auch Frauen die Rolle des Superhelden füllen können oder der Reboot des Ghostbusters-Franchise mit einer weiblichen Hauptbesetzung. Ein hierzulande weniger bekanntes Beispiel ist die Serie Wynnona Earp, die in den USA längst für ihren Feminismus gefeiert wird.

Frauen auf Dämonenjagd im Wilden Westen

Wynonna Earp erzählt die Geschichte der gleichnamigen Titelheldin, fiktive Nachkommin des legendären realen Revolverhelden Wyatt Earp. Auf der Familie lastet ein Fluch, der alle Schurken, die Wyatt einst zur Strecke gebracht hat, Generation für Generation wiederkehren lässt. Und nur Wynonna kann sie aufhalten. Sie erhält Unterstützung durch ihre Schwester Waverly und deren baldige Partnerin Officer Nicole Haught sowie durch den Deputy Marshall Xavier Dolls und Wyatts alten Freund und Gefährten Doc Holliday.

Was das Genre betrifft, bewegt sich die Serie zwischen modernem Western, Horror und Comedy, kurzweiliger Spaß, der, ganz dem Genre entsprechend, auf den ersten Blick vor allem durch lässige Sprüche und übertriebene Gewaltdarstellung auffällt. Auf den zweiten Blick erkennt man dann aber schnell, dass mehr hinter der Serie steckt als Schießereien und Popkultur.

Da wäre zu allererst die Hauptfigur. Wynonna kehrt nach einer mehrjährigen Abwesenheit in ihre Heimat zurück, die Kleinstadt Purgatory irgendwo im Westen der USA. Sie findet sich schnell in der Schublade des, euphemistisch ausgedrückt, „Bad Girls“ wieder, in die sie bereits in ihrer Jugend gesteckt wurde. Sie erfüllt nicht die Erwartungen, die die konservativ-prüden Kleinstadtbewohner an sie stellen. Sie trinkt und flucht zu viel und hatte in ihrem Leben den ein oder anderen One-Night-Stand. Die Menschen von Purgatory haben das weder vergessen, noch vergeben und lassen Wynonna das auch deutlich spüren. Slut-Shaming und das Brechen mit gesellschaftlichen Konventionen sind Motive, die sich immer wieder in der Serie finden. Aber sie drängen sich nie in den Vordergrund. Dort spielt sich der Kampf gegen die „Revenants“ ab, die pünktlich um Wynonnas 27. Geburtstag und ihrem Antritt als Wyatt Earps rechtmäßige Erbin zurückkehren, um rücksichtslos und gewaltbereit gegen sie ins Feld zu ziehen. Wynonnas scheinbarer Fehler, sich nicht in die Rolle stecken zu lassen, die für Frauen als angemessen gilt, erweist sich als Stärke, als sie entgegen irgendwelcher Normen nicht minder rücksichtslos und gewaltbereit zurückschlägt. Dabei versammelt sie eine Gruppe Menschen um sich, die Wynonna um ihrer selbst willen akzeptieren und schätzen. Gemeinsam nehmen sie den Kampf mit den Dämonen auf.

Für den ist auch Waverly unverzichtbar. Hält man sie anfangs noch für das liebe, aber naive Mädel vom Land, erinnert einen die Serie schnell daran, dass man keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte. Als jüngere Schwester ist sie nicht die rechtmäßige Erbin Wyatt Earps. Das hat sie aber nicht davon abgehalten sich nach dem Weggang ihrer Schwester darauf vorzubereiten, diese Rolle notfalls selbst einzunehmen. Dazu gehörten intensive Recherchearbeiten sowie das Studium mehrerer toter Sprachen. Waverly ist schlau, gebildet und schlagkräftig. So wird sie schnell zu einem wichtigen Mitglied im Team rund um Wynonna.

Als Waverly dann im Laufe der Serie ihren Freund „Champ“ Hardy für Officer Nicole Haught verlässt, werden die beiden ganz nebenbei zu Fanfavoriten der LGBT-Community.

Der lockere, selbstverständliche Umgang mit Homosexualität in der Serie findet großen Zuspruch. Statt der Tatsache, dass es sich um eine gleichgeschlechtliche Beziehung handelt, steht immer die Beziehung selbst im Vordergrund. Außerdem bereichert Officer Haught die Serie um eine weitere Frau, die es in sich hat. Nicht nur, dass sie Waverly und das Team unterstützt, wo sie nur kann, sie ist auch eine hervorragende, mutige Polizistin und eine der wenigen Bewohner in Purgatory, die den übersinnlichen Geschehnissen auf die Spur kommt.

Das Ensemble weiblicher Heldinnen wird ergänzt um die Stone Witch als weibliche Antagonistin sowie diverse weibliche Nebenfiguren.

Alle diese Frauen unterscheiden sich voneinander. Wynonna pfeift auf Konventionen der Gesellschaft und hat mit deren Reaktionen zu kämpfen. Waverly hat dagegen kein Problem mit ihrer Rolle als nettes Barmädel, das alle gern haben, wird dafür aber gerne unterschätzt. Officer Haught muss sich als Frau in einem männerdominierten Beruf durchsetzen. Allen drei wird ein Stempel aufgedrückt, obwohl deutlich mehr in ihnen steckt, und alle drei lassen sich davon nicht unterkriegen.

Gleichberechtigung statt Geschlechterkampf

Bei all ihrer Konzentration auf bemerkenswerte Frauen verzichtet die Serie vollständig auf einen handlungsübergreifenden Kampf der Geschlechter. Wo Slut-Shaming und Sexismus eine Rolle spielen, bleiben entsprechende Konflikte natürlich nicht aus. Aber weder hat man den Eindruck, ein Geschlecht wäre dem anderen unterlegen, noch sind Männer in der Serie unterpräsentiert.

Im Gegenteil, Wynonna ist genauso auf die Hilfe ihrer männlichen Verbündeten angewiesen, wie auf ihre Schwester Waverly oder auf Officer Haught. Und ebenso bedroht durch den Anführer der Revenants Bobo del Rey wie durch die Stone Witch.

Ihr erster Mitstreiter in der Serie ist Xavier Dolls, Agent der „Black Badge Division“, kurz BBD, einer geheimen Sonderdivision der US Marshals, die sich auf übersinnliche Bedrohungen spezialisiert hat. Er nimmt Wynonna in sein Team auf, um mit ihr gemeinsam gegen die Revenants vorzugehen. Dolls ist stark, kampferprobt und entwickelt sich im Laufe der Serie vom rücksichtslosen Vorgesetzten zum guten Freund.

Dann wäre da noch Doc Holliday. Dem realen Freund und Begleiter Wyatt Earps wurde in der Serie durch einen Handel mit der Stone Witch ewige Jugend geschenkt. Er ist geschickt und selbstbewusst. Steht er zu Beginn der Handlung noch auf keiner Seite und ist nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, unterstützt er schließlich Wynonna und ihr Team.

Beide Charaktere zeichnen sich durch eine typisch maskuline Darstellung aus, erweisen sich aber schnell als mehr als nur testosterongeladene Machos.

In der zweiten Staffel stößt noch Jeremy Chetri dazu, ein junger, tollpatschiger und ängstlicher Labortechniker. Er bereichert die Helden nicht nur um sein fachliches Wissen, sondern überwindet auch des Öfteren seine ängstliche Natur, um seine Freunde zu schützen.

Das bietet nicht nur männlichen Zuschauern Identifikationsmöglichkeiten und lockt sie vor die Bildschirme, es zeigt auch, dass ein Geschlechterkampf nicht notwendig ist, damit Frauen sich behaupten können.

All diese Charaktere, genau wie die Handlung der Serie, sind weder anspruchslos, noch außerordentlich komplex. Das versucht Wynonna Earp auch gar nicht zu sein. Genauso wenig wie sie versucht, ihren Zuschauern eine feministische Einstellung aufzuzwingen oder auf Teufel komm raus mit Stereotypen zu brechen.

Die Serie wirkt gleichermaßen altbekannt wie erfrischend progressiv. Sie beschränkt sich nicht auf Rollenklischees, die erfüllt oder bekämpft werden müssen, sondern lässt starke Frauen einfach starke Frauen sein, und macht sie damit in gewisser Weise unabhängig von diesen Rollen. Sie versucht auch nicht mit Gewalt zu zeigen, was Frauen alles können, sondern hinterfragt dies erst gar nicht und zeigt es einfach. Der Feminismus spielt sich im Hintergrund ab, ganz alltäglich und wunderbar einfach.

Es ist immer schwierig, eine Serie oder einen Film als feministisch zu deklarieren. Es gibt schließlich zahlreiche unterschiedliche Meinungen, auf die man jedes Mal stößt, wenn man den Versuch doch wagt. Aber wer Frauen sehen möchte, die in einer männerdominierten Sparte ganz mühelos und selbstverständlich den Ton angeben und mit Genreklassikern mithalten, der sollte es mit Wynonna Earp versuchen.

F.S.

 

Categories: Kultur, Medien

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