„Woher kommst du eigentlich?“ – Puuuh, gute Frage.

Geboren in Deutschland, meine Eltern stammen aus zwei Großstädten im Irak und mit der kurdischen Sprache wurden sie großgezogen. Nicht nur, dass ich drei komplett verschiedene Sprachen lernen musste, bin ich auch mit drei Kulturen aufgewachsen, die sich manchmal selbst im Weg stehen.

 

Die Deutsche:

Bin hier geboren, hier zur Schule gegangen und habe viele deutsche Freunde und Kollegen.

Was macht mich aber als Deutsche aus? Die Begrüßung, das Essen, die Feten oder die Kleidung?

Kommen wir mal zur Begrüßung. „Guten Morgen“, wenn ich auf die Arbeit komme, „Mahlzeit“, wenn ich in die Pause

gehe und „Schönen Abend“, wenn Feierabend ist. Ganz normal eigentlich. Viel geredet wird eigentlich auch nicht, man bleibt meistens sachlich und ernst.

Zu unseren bekannten Speisen gehören Sauerkraut, Klöße, Spätzle zum Beispiel oder Rinderroulade. Und auf Geburtstagsfeiern, Hochzeiten oder andere Veranstaltungen gibt es Apropos Hochzeit. Auf einer deutschen Hochzeit werden meist die engsten Freunde und Verwandte eingeladen. Das Brautpaar lässt sich zunächst in der Kirche oder im Standesamt trauen und dann kommt die eigentliche Party. Es wird zur klassischen Musik getanzt, eine Mahlzeit wird serviert, dann gibt’s noch Kaffee und Kuchen. Wein und Bier werden auch sehr häufig und gern verzehrt. Wein an den Flüssen Rhein, Mosel und der Main und Bier meistens in südlichen Gebieten Deutschlands.

Auf einer deutschen Hochzeit war ich bis jetzt zwar noch nie, aber nach Angaben meiner Freunde, wird so typisch deutsch gefeiert.

Die Kleidung. Je nach heutigem Trend, sieht es bei jedem meist unterschiedlich aus. Jedoch gibt es die traditionelle Kleidung für besondere Anlässe, z. B. auf dem Oktoberfest, ist es die  Volkstracht.

Kommen wir nun zu den Tagen, an denen ich nicht arbeiten muss, den deutschen Feiertagen. In Deutschland gibt es sehr viele Feiertage, vor allem in Bayern und Baden Württemberg. Ostern, Tag der Arbeit, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Weihnachten zum Beispiel.

 

Die Kurdische:

Abgesehen davon, dass Kurdistan offiziell nicht existiert, gibt es die kurdische Sprache mit über 200 Dialekten, wovon „Kurmanci“ weitverbreitet ist. Kurden gibt es in der Türkei, in Syrien, im Iran und im Nordirak. Ein Teil der Kurden sind sogar in Armenien und Aserbaidschan angesiedelt.

Nun ja, Kurden und Araber ähneln sich bei der Begrüßung sehr stark. Drei angedeutete Wangenküsse und dann sagt man immer dabei: „Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie? Wie geht es deiner Gesundheit?“ – Viele Fragen auf einmal, aber diese beantwortet man für gewöhnlich mit „Sehr gut, danke“,

„Alhamdulillah“, so viel wie „Gott sei Dank“. Es gibt sehr viele kurdische Delikatessen, die auch der türkischen Küche ähneln, aber eine besondere davon ist die kurdische Pizza. Die gibt es glaub ich sonst in keinem Land. Teig mit Tomatenmark, Zwiebeln und stark gewürzt. Sehr lecker und passt perfekt zum schwarzen Tee am Abend.

Switchen wir jetzt mal zu unseren Festen. Wir haben viele. Zu viele. Jede Woche heiratet jemand und ob man sich sehr gut kennt oder auch nicht, man ist immer eingeladen, auch wenn die Hochzeit in 500km Entfernung stattfindet. Als Dress Code zieht man die kurdische Tracht an. Sehr schwer und mit natürlich viel Gold ausgeschmückt. Kurden lieben Gold. Egal wo, wann und wie – Gold muss fast immer getragen werden. Je mehr Gold du trägst, desto höher dein Wohlstand. Sagt man so zumindest. Gold symbolisiert Luxus und Ansehen. Etwas, was sehr wichtig für den Kurden ist. Egal wie viele Probleme du wirklich hast, dein Gold zeigt jeden das, was du eigentlich gar nicht hast.

Was mich irritiert, sind die Gesichtszüge auf den Hochzeiten – ganz anders bei den Irakern (dazu später noch mehr). Noch nie hab ich ein Lächeln, geschweige Lachen gesehen/gehört. Man muss ernst bleiben, sogar beim Tanzen. Wenn die Braut lächelt oder lacht, dann würde sie damit andeuten, dass sie glücklich ist, das Elternhaus zu verlassen.

Komische Vorstellung, oder nicht?

Als großen Feiertag haben wir genauso wie im Iran, den „Newroz“, auch bekannt als Neujahrs- und Frühlingsfest.

 

Die Irakische:

Wie vorhin schon erwähnt, ähnelt die Begrüßung der kurdischen Kultur. Der einzige Unterschied besteht darin, dass man anders betonen muss, wenn man

entweder mit einer weiblichen oder männlichen Person redet.

Reden wir mal über das wichtigste Thema für Jedermann. Das Essen. Was gleich für einige bizarr klingen wird (mich mit eingeschlossen): Iraker essen liebend gern Kuhköpfe. Ein Kuhkopf mit Brötchenstücken in Hühnerbrühe getränkt. Das ist für jeden Iraker die liebste Speise. Da hört sich Rinderroulade viel besser und leckerer an. Der Getränkeverzehr ist bei den Kurden und Iraker auch recht ähnlich. Schwarzer Tee. Nicht so wie bei den Deutschen der Kaffee oder Bier, sondern

 

unser berühmter Tee. Im Irak ist es der schwarze Tee, in Marokko der Minztee. Egal ob mit oder ohne Zucker, Tee ist immer dabei.

Iraker gehören zudem zu den besten Poeten der „arabischen Welt“. Sie sind diejenigen, die ihre Gefühle gerne zum Ausdruck bringen und das jederzeit. Auf fast allen Festen wird in Reimen gesungen und dabei getanzt, so als ob du dir dein Leib aus der Seele tanzt. Die Lieder handeln meist um die jetzige Situation im Irak. Obwohl Krieg und Leid herrscht, tanzen die Iraker aus ganzem Herzen. So versucht man das Schreckliche im Leben zu verarbeiten. Bei solchen Liedern, gibt es keinen der nicht tanzt.

Eine Gemeinsamkeit haben die Iraker und Deutsche am „Tag der Arbeit“. Ist in beiden Ländern ein gesetzlicher Feiertag, am 1.Mai.

 

Also welche Herkunft habe ich jetzt? Ich sage mal so. Meine Herkunft ist Mensch.

Egal, ob Deutsche, Kurdin oder Irakerin, ich werde mein Leben lang von diesen drei Kulturen begleitet und vielleicht kommt irgendwann sogar eine andere dazu. Meine Herkunft sagt vielleicht einiges über meinen Charakter aus, aber nicht alles. Sowie ich mich manchmal über die irakische Kultur aufrege, rege ich mich genauso über die deutsche oder kurdische auf. Der Vorteil besteht darin, dass ich als gebürtige Deutsche meinen Freiraum hier genießen kann. Keiner wird unterdrückt und Meinungsfreiheit ist oberstes Gebot. Wiederum gibt es einen Nachteil, da Kurden aus dem Nordirak die Iraker hassen. Wodurch ich wieder zwischen zwei Seiten stehe. Soll ich die Kurden verteidigen und ihnen Recht geben, dass sie wieder ihr Land haben möchten? Oder soll ich die Iraker in Schutz nehmen und sagen, dass sie nicht daran schuld sind. Es ist letztendlich auch egal aus welchem Land meine Eltern oder ich kommen und die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist nebensächlich. Wichtig ist nur, wie ich die Welt sehe und mit meinen Mitmenschen umgehe.

H. Tahir

Categories: Kultur

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