Haben es Extrovertierte leichter?

Warum gehst du nicht mehr aus dir heraus? Diesen Satz bekommt man als introvertierte Person oft zu hören… Die Frage ist warum? Denkt die Gesellschaft man hat es einfacher auf seinem Lebensweg, wenn man extrovertiert ist?

Warum habe ich mich darauf eingelassen? Ich stehe in der Menge, die sich tanzend und lachend wie eine große Masse bewegt. Sie sehen alle glücklich aus, als hätten sie tatsächlich Spaß. Versteht mich nicht falsch, das Konzert war toll, aber… es reicht dann auch. Es ist zu viel, meine „social battery“ ist leer.
Die Musik, die jetzt gespielt wird, ist zu laut, zu energisch. Ich werde geschubst, wahrscheinlich nicht einmal beabsichtigt und man brüllt um sich zu verstehen. Am liebsten würde ich einfach gehen. Und meine Freunde? Warum haben sie Spaß daran sich die ganze Nacht inmitten von verschwitzten und wahrscheinlich betrunkenen Menschen aufzuhalten?
Die Antwort liegt auf der Hand, sie sind extrovertiert und ich bin es nun mal nicht.

WAS IST EXTRAVERSION UND INTROVERSION?
Laut dem Duden versteht man unter Extraversion eine »seelische Einstellung, die durch Konzentration der Interessen auf äußere Objekte gekennzeichnet ist«. Im Gegensatz dazu steht die Introversion, dessen Einstellung auf innere Vorgänge fokussiert ist. So haben Introvertierte kein Problem damit einfach alleine zu sein und vielleicht gerade nichts zu tun, außer sich mit ihren Gedanken beschäftigen.

»GEH DOCH EINFACH MAL RAUS UND UNTER LEUTE«
Solche Sprüche hört ein Introvertierter vielleicht von seinen Eltern oder von Freunden. Grundsätzlich sind solche gutgemeinten Ratschläge nicht verkehrt, aber warum muss denn jemand dauerhaft aktiv sein und sich mit Menschen umgeben, wenn er so nicht veranlagt ist?
Introvertierte können sich zwar zu einem gewissen Grad dazu zwingen unter Leute zu gehen, was sie aber eher auslaugt, als dass es ihnen Energie gibt. Warum also sollten sie es dann tun?
Der Grund ist einfach: Die Gesellschaft glaubt, dass Extrovertierte es auf ihrem Lebensweg einfacher haben. Mir stellt sich dann in Folge natürlich die Frage, ob dies wirklich der Fall ist. Wie genau sehen jetzt aber nun solche Situationen aus?

EXTROVERTIERT
Offen gehe ich auf Leute zu und habe immer ein Lächeln auf den Lippen. Dadurch konnte ich mir in meiner Schulzeit einen großen Freundeskreis aufbauen, der mir unter anderem die Wohnungssuche erleichterte. Denn durch die vielen Connections kam ich über Ecken zu einer guten und günstigen Wohnung in der Stadt. Durch meine aufgeschlossene Art habe ich also ein aufwendiges und teils schwieriges Prozedere vereinfacht.


In der Arbeit fällt mir eine Idee ein, die ich unbedingt mit meinem Chef teilen möchte. Sie vereinfacht verschiedene Workflows und würde dem Unternehmen nur zu gute kommen. Zum Glück scheue ich mich nicht vor Konfrontation, sondern spreche mit meinem Vorgesetzten über meine Idee, der sie begeistert aufnimmt. Wenn ich jetzt aber gezögert hätte, weil ich zu schüchtern gewesen wäre, hätte sich die Situation in unserem Unternehmen kein bisschen gewandelt. So haben wir sogar einen guten Gewinn gemacht. Dies hat mir Wertschätzung und sogar eine Gehaltserhöhung entgegengebracht.

Auch sonst habe ich durch meine aufgeschlossene Art kaum Probleme im öffentlichen Leben zurecht zu kommen. Ich scheue mich nicht fremde Menschen anzusprechen, wenn ich Hilfe benötige oder umgekehrt habe ich keine Hemmungen zu helfen.

Doch auch mich überkommen manchmal melanchonische, traurige Phasen. Man sollte meinen ich habe lauter Ansprechpartner, zu denen ich gehen kann, wenn es mir schlecht geht. Doch falsch gedacht: Zwar bieten mir viele Freunde ihre Hilfe an, aber wenn ich sie dann wirklich einmal brauche, sind sie nicht für mich da. Es lässt mich sie nur als oberflächliche Bekanntschaften sehen, was nicht immer ganz leicht für mich ist, vor allem wenn ich dann abends alleine in meiner Wohnung sitze, mich dunkle Gedanken befallen und ich einfach nicht mit mir und der Stille klarkomme. Denn als extrovertierte Person benötige ich immer andere Menschen um mich herum.

INTROVERSION
Ich sitze alleine an meinem Schreibtisch und starre auf dem Bildschirm. Vor mir steht das Wort „Ende“. Ich habe es endlich geschafft den Roman zu beenden, an dem ich schon eine Weile sitze. In meiner Freizeit habe ich gedanklich oft Welten und Charaktere erschaffen, spannende Szenarien, die sich vor meinem inneren Auge ausbreiteten. Zwar habe ich manches mit meinen wenigen Freunden besprochen, doch fast alles habe ich mir selber ausgemalt. Da ich mich gerne mit mir und meinen Gedanken beschäftige, konnte ich mich ganz auf den Roman fokussieren und meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Eine Arbeitskollegin kann lange und ohne Pause reden, sie ist sehr nett und sehr offen, aber vieles, was sie erzählt ist nicht nur Smalltalk sondern einfach etwas peinliches, belangloses Gerede. Ich tendiere dazu mehr darüber nachzudenken, was ich sage, so kann ich meine Gedanken strukturiert und nachvollziehbarer wiedergeben, anstatt chaotisch Informationen herauszugeben, die man erst filtern muss, um wichtige Punkte herauszufinden. Dies kam mir damals beim Assessment Center für meinen jetzigen Job zu Gute.

Manchmal fällt es mir schwer auf andere Leute zuzugehen und um Hilfe zu bitten oder einfache Fragen zu stellen. Dies bringt vor allem Probleme mit sich, wenn ich mich in einem unbekannten Umfeld befinde.

FAZIT
Extrovertierte mögen fordernder, offener sein, einen großen Freundeskreis haben, wobei viele Freundschaften oberflächlicher Natur sind. Sie haben es bestimmt in einigen Jobbereichen einfacher, in denen Offenheit bzw. Extraversion gefragt ist, aber auch Introversion hat seine Vorteile. Introvertierte denken mehr nach, bevor sie eine wichtige Entscheidung treffen, sind vielleicht länger konzentrierter und fokussierter, was Vorteile bietet in kreativen oder wissenschaftlichen Bereichen, da sie gerne alleine arbeiten. Die wenigen Freundschaften, die sie haben, sind meist sehr gut.
Im öffentlichen Leben hat es jedoch durchaus seine Vorzüge extrovertiert zu sein, da man offener mit unbekannten Situationen umgeht.

SCHLUSSWORT
Vielleicht gibt es auf den ersten Blick mehr Vorteile extrovertiert und offen für die Außenwelt zu sein, weshalb die Gesellschaft dies zunächst als positiver betrachtet. Eine Mischung von Menschen mit dieser oder jener Charakterprägung, ist jedoch vonnöten, da eine Gesellschaft mit ausschließlich Extrovertierten nicht funktionieren würde und sich die beiden Typen gegenseitig ergänzen.

L. Winter

 

 

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