Ich bin nicht schüchtern, verklemmt oder ängstlich – sondern einfach nur erstklassig introvertiert.
Der Großteil der Gesellschaft brandmarkt introvertierte Personen als kühl, unsozial und vor allem
als schüchtern. Vergessen wird, dass auch extravertierte Menschen in manchen Situationen
schüchtern sind. Es ist an der Zeit, einige Mythen und Vorurteile über introvertierte Menschen aus
dem Weg zu räumen.

Wenn ich mit 16 Jahren am Wochenende auf einer Hausparty war, dann, weil ich es so wollte. Ich
mochte es neue Menschen kennenzulernen, die Leichtigkeit, das Lachen und die Musik. Genervt
haben mich zwei Dinge: zum einen, wenn meine Schuhsohlen am Boden kleben blieben und zum
anderen, dass ich mir von einigen Menschen vorwurfsvoll anhören musste:

„Warum bist du immer so still?“.

Du bist so schüchtern. Das Urteil war bereits gefallen, bevor ich Stellung nehmen konnte.
Für mich ist es einengend, direkt als schüchtern und ängstlich abgestempelt zu werden. Ich finde
es wichtig, dass wir stilleren Menschen standhaft bleiben, denn wir wissen selbst, wann wir unsere
Stärke und unsere Worte preisgeben möchten und wann nicht. Ja, ich bin introvertiert –, aber bin
ich deswegen schüchtern?

Die mysteriöse Schüchternheit

Schüchtern sein ist vollkommen in Ordnung. Wir sind wahrscheinlich alle irgendwann in unserem
Leben einmal schüchtern. Schüchtern ist, wer sich in einer Gesellschaft nicht bemerkbar macht,
weil er oder sie Angst vor Kritik und Verurteilung hat. (1) Die Grenze zur sozialen Phobie, einer
Angststörung, ist hier fließend, aber vorhanden. Die soziale Phobie kann, wie Schüchternheit eine
enorme Belastung für die betroffenen Personen sein, denn diese geht mit schweren Auswirkungen
auf das Sozialleben einher. (2)

Der Duden sagt schüchtern sein bedeutet: „scheu, zurückhaltend, anderen gegenüber gehemmt“
zu sein. (3) Ein introvertierter Mensch ist laut dem Duden dagegen: „auf das eigene Seelenleben
gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen“. (4)

Schüchternheit.
Soziale Phobie.
Introversion.

Auf den ersten Blick liegt all das nah beieinander, überschneidet sich und geht ineinander über,
aber es ist nicht das selbe. Schüchternheit und die soziale Phobie zeugen von nicht erlerntem
Selbstvertrauen. (5) Es sind schlichtweg unterschiedliche Dinge.

 

Die einsilbigen Introvertierten

Auf der Suche nach Synonymen für introvertiert, stoße ich auf verklemmt, reserviert, kühl und
unfreundlich. Die Synonyme sind negativ konnotiert. Auch einsilbig, abgesperrt und spröde
tauchen auf. – Bis auf meine Haare ist an mir hoffentlich nichts spröde.
Extravertierte Menschen scheinen dagegen entgegenkommend, gesellig, gesprächig und
kommunikativ zu sein. Besonders stechen die Synonyme herzlich und liebenswert hervor. Ich will
ehrlich mit euch sein, ungeduldig und begierig sind auch dabei.

Bei Selbsttests, die an sich ja schon fraglich sind, zielen Fragen wie: „Wie reagierst du auf
persönliche Angriffe?“, mit Antworten wie: „Ich bin verunsichert, aber lasse mir nichts anmerken.“
oder „Ich ziehe mich zurück und sage lieber nichts mehr.“, auf das Ergebnis Du bist introvertiert ab.
Irgendwie bekomme ich langsam das Gefühl, alle introvertierten Menschen sind ängstlich und
haben Angst vor sozialer Interaktion.

Warum kann ich nicht still und selbstbewusst sein?
Warum kann ich keine Zeit mit mir alleine verbringen, ohne schüchtern zu sein?
Warum kann ich nicht introvertiert  und gesellig sein?

Was ich sagen will: Selbstbewusste Introversion

Ich bin introvertiert, aber ich habe keine Angst vor sozialer Interaktion. Im Gegenteil, ich bin gerne
unter Menschen und kann auf der Tanzfläche mit dem Po wackeln. Ich wackele nur einfach nicht
mit dem Po, weil ich es nicht möchte. Mein Kopf arbeitet anders, mein Kraftquelle liegt woanders
und Reize beeinflussen mich anders. Ich verbringe Zeit mit mir alleine, um meine sozialen
Batterien wieder aufzuladen, aber auch, weil ich gerne alleine bin.

Wenn jemand immer so still ist, in sich gekehrt und ruhig, ist er noch lange nicht schüchtern. Ich
muss nicht mehr aus mir herausgehen oder auf die Tanzfläche gezerrt werden. Ich weiß, was ich
will und habe keine Angst vor Verurteilung. Introversion ist eine Eigenschaft von mir, kein Problem,
sondern eine Stärke.

 

Die letzten Worte einer Introvertierten

Eigenschaften, die der Introversion zugeschrieben werden, beäugt die Gesellschaft kritisch. Kinder
und Jugendliche werden für ihre vermeintliche Ungeselligkeit bereits früh gedemütigt. (6) Wir sind zu
leise, zu langweilig, arrogant oder eben schüchtern. Das, was fehlt, ist Akzeptanz und
Selbstakzeptanz. Es ist absolut richtig, introvertiert zu sein. Wir sollten Introvertierte nicht
verändern wollen, sondern ihre Stärken erkennen.

 

PS: Grautöne? check!

Eine Sache ist noch wichtig. Ich bin nur meine Version einer Introvertierten. Immer introvertiert,
extravertiert oder immer schüchtern gibt es nicht. All das sind Grauzonen, mal sind wir so, mal so.
Ganz vielleicht sind wir eher das eine, oder eher das andere, aber letztendlich gibt es kein schwarz
auf weiß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autorin: Paula S.

Quellenangaben
(1) https://www.bedeutung-von-woertern.com/schüchtern, Abruf am: 19.05.2021
(2) https://www.netdoktor.de/krankheiten/phobien/soziale-phobie/, Abruf am: 19.05.2021
(3) https://www.duden.de/rechtschreibung/schuechtern, Abruf am: 19.05.2021
(4) https://www.duden.de/rechtschreibung/introvertiert, Abruf am: 19.05.2021
(5) https://www.soziale-phobie.at/blog/schuechternheit-ueberwinden/, Abruf am: 19.05.2021
(6) https://www.swr.de/swr2/literatur/broadcastcontrib-swr-23240.html, Abruf am: 19.05.2021
(7) https://www.woxikon.de, Abruf am: 19.05.2021

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