Visionen, unerklärliche Geräusche und Überschneidungen zwischen der dies- und jenseitigen Welt – für die meisten Menschen surreal. Manche von uns jedoch erleben solche Ereignisse, wenn sie den Verlust eines geliebten Menschen zu betrauern haben. Was hat es mit diesen unerklärlichen Geschehnissen wirklich auf sich?

Als ich den Hörer auflegte, noch wie versteinert von dem, was ich soeben erfahren hatte, fiel mein Blick auf die Uhr an der Wand. Die Zeiger standen auf 14:45 Uhr, dabei war es bereits wesentlich später und vor meinem Fenster bereits dunkel. Ich hatte nicht bemerkt, wie die Batterien schwächer geworden waren. Die Uhr schien einfach stehengeblieben zu sein, und das auch noch genau auf dem Todeszeitpunkt meines Vaters, den mir eine Krankenschwester vor wenigen Augenblicken telefonisch mitgeteilt hatte. Zunächst tat ich dies als seltsamen Zufall ab, doch als ich wenige Tage später einer Freundin davon erzählen wollte, zeigte sich die Uhr störungsfrei und funktionierte wieder genau wie zuvor.

Das Sterben ist ein Prozess, über den sich Wissenschaftler, Esoteriker und die Kirche seit Jahrzehnten uneinig sind. Was im Moment des Todes passiert, kann bis heute noch keiner mit Sicherheit beantworten. Was wir jedoch wissen: Sterben heißt nicht nur, dass ein geliebter Mensch von uns geht. Während des Sterbeprozesses einer Person können Ereignisse geschehen, die geradezu unglaublich erscheinen. Doch immer mehr Wissenschaftler erforschen diese Phänomene, und immer mehr Leute erzählen öffentlich von ihren Erlebnissen.

Die englische Bezeichnung lautet „deathbed coincidences“ oder „deathbed phenomena“ – was so viel heißt wie „Totenbett-Phänomene“. Was dieser Begriff beschreibt, sind Ereignisse, die unmittelbar vor oder während des Todes eines Menschen geschehen. Dazu gehören zum Beispiel Uhren, die auf dem Zeitpunkt des Todes stehen bleiben. Eine Veränderung der Temperatur im Raum. Angehörige, die vom Tod durch einen Traum oder einem instinktiven Gefühl erfahren. Visionen der Sterbenden, in denen sie vor bereits langer Zeit verstorbene Angehörige sehen, die auf sie warten. Auch Licht, Gestalten oder Tiere spielen oft eine Rolle in den Ereignissen rund um den Tod eines Menschen.

Diese Aufzählung mag fiktional oder unglaublich erscheinen, wenn man selbst noch nie mit solchen Vorfällen in Berührung gekommen ist. Dennoch werden diese und ähnliche seit Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht. Der englische Neuropsychologe Peter Fenwick beschäftigt sich intensiv mit derartigen Phänomenen. Er hat mehr als 300 Erfahrungen gesammelt und wissenschaftlich analysiert. Seine Studien beruhen auf dem Grundsatz, dass das menschliche Bewusstsein mehr ist als nur eine Funktion, die dem Körper innewohnt. Das Bewusstsein wäre somit unabhängig vom Gehirn und könnte dementsprechend auch nach dem Absterben des Gehirns weiterbestehen.

Fenwick prägte zudem den Unterschied zwischen „coincidences“ und „phenomena“. Er betrachtete Erlebnisse der Angehörigen und direkte Erfahrungen der Sterbenden selbst als verschiedene und voneinander zu trennende Vorfälle. Das Spektrum an Phänomenen ist für die Angehörigen wesentlich größer, während die Sterbenden selbst meist nur von Visionen berichten.

Oft spielen Uhren eine große Rolle in den Ereignissen, die Menschen nach dem Tod eines Angehörigen erleben. (Bild: Christine Weck)

Auch in den 1880er Jahren wurde sich bereits mit dieser Thematik beschäftigt. 1886 veröffentlichte die Society for Psychical Research das Werk „Transzendente Begegnungen: Phänomenologie und Metakritik“. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbringt sich eine zweibändige Studie, in deren Kontext über 700 Berichte von Personen gesammelt wurden. Alle gaben an, Visionen von Sterbenden oder kürzlich Verstorbenen gehabt zu haben. Die Materialsammlung wurde von den Autoren persönlich vorgenommen und mit hohen Qualitätsstandards belegt. So wurden etwa nur Berichte aus erster Hand aufgenommen, zusätzlich Zeugen befragt oder Belege wie Sterbeurkunden, Zeitungsberichte oder Gerichtsakten berücksichtigt. Dieses Buch ist heute online verfügbar.

Die Autoren gingen davon aus, dass der Sterbende ein telepathisches Signal sendet – und zwar während er noch lebt – welches im Unterbewusstsein des Empfängers ankommt und dort eine Halluzination erzeugt.

Das Fortbestehen des Bewusstseins nach dem Tod oder Halluzinationen durch telepathische Signale: Das sind nur zwei der möglichen Erklärungen, die Wissenschaftler über die Jahre in den Raum gestellt haben. Bis heute kann niemand mit Sicherheit sagen, wie diese Erfahrungen zustande kommen.

Wissenschaftliche Betrachtung der Ereignisse hin oder her, eins ist Fakt: Immer mehr Leute berichten öffentlich von den Erfahrungen, die sie mit Sterbenden gemacht haben. Nicht nur Pflegepersonal in Altenheimen und Krankenhäusern, auch der Durchschnittsbürger meldet sich dahingehend immer öfter zu Wort. Im Netz kann man zahlreiche Geschichten lesen, wie Sterbende scheinbar nach oder während ihrem Tod Kontakt aufnehmen zu den Lebenden. Oft wird online nach Erklärungen oder einfach Gleichgesinnten gesucht.

Manche Leute hören Stimmen oder Schritte im Haus, obwohl sie allein sind. So wie mein Großvater, der eines Tages Schritte im Haus zu vernehmen glaubte. „Wie Soldatenstiefel auf dem Holzfußboden“, so hatte er es beschrieben. Sein Vater verstarb am selben Tag im Krieg.

In Pflegeheimen gibt das das sogenannte „Geisterklingeln“. Nachdem Bewohner verstorben sind, scheint es vorzukommen, dass in den nun leeren Zimmern die Notrufklingel anschlägt. Dies ist wohl ein relativ häufiges Phänomen, in vielen Fällen können technische Defekte an den Klingeln sogar vollständig ausgeschlossen werden.

Die wohl häufigste Variante sind Träume oder Visionen. Peter Fenwick beschreibt dies als eine Art Nachricht, die man erhält. „Man wird von der sterbenden Person besucht, und sie wird sagen, es sei alles in Ordnung und man solle sich keine Sorgen machen. Dann entfernt sich diese Person. Solche Erfahrungen sind sehr beruhigend für die Familie und nahestehende Menschen.“

Viele Menschen suchen Trost in dem Gedanken, ihre Angehörigen könnten im Moment des Todes Kontakt mit ihnen aufgenommen haben. (Bild: Christine Weck)

Das Internet macht Erlebnisse dieser Art nicht nur öffentlich, wie immer treffen auch bei dieser Thematik zwei Meinungen aufeinander.

Kritiker mögen sagen, all diese Dinge seien nur Zufall: eine Aneinanderreihung von Geschehnissen, die man im Prozess der Verarbeitung des Verlusts einer geliebten Person miteinander in Zusammenhang bringt. Dies hat in manchen Fällen durchaus seine Berechtigung. Viele Erzählungen über deathbed coincidences basieren rein auf dem Gefühl der Menschen, die diesem Ereignis beigewohnt haben. Ein Gefühl ist nicht objektiv nachweisbar, und auch die Situationen, die man zum Beispiel durch eine Fotografie dokumentieren kann, sind dennoch nicht einwandfrei mit dem Sterben eines Menschen in Verbindung zu bringen. Nicht jede stehengebliebene Uhr hat etwas mit dem Tod des eigenen Onkels vor sieben Jahren zu tun.

Möglich auch, dass all diese Menschen sich das nur ausdenken, inspiriert von den ebenfalls ausgedachten Geschichten Anderer … Die schiere Summe der Geschichten schwächt diese Vermutung jedoch ab.

Die Forschung wird sich diesbezüglich vielleicht niemals einig werden, man selbst kann nun an diese Ereignisse glauben oder nicht, dies bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Jeder Mensch wird früher oder später seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Thema Tod machen. Die Uhr tickt – im wahrsten Sinne des Wortes, für jeden von uns.

Wichtig ist, die Erzählungen der Personen, die etwas Derartiges erleben, ernst zu nehmen. Sie als lächerlich oder naiv hinzustellen ist nicht der richtige Weg. Nicht nur ist bereits der Tod eines Menschen sehr emotional besetzt – die Mischung aus Unglauben („Das ist unmöglich“) und Überzeugung („Ich weiß, was ich gesehen habe“) lässt die betroffene Person oft verwirrt und unsicher zurück.

Jemand, der in dieser Situation Verständnis zeigen kann, ist auch ohne selbst an die Wahrhaftigkeit von deathbed coincidences zu glauben eine wahre Stütze. Um es mit den Worten von Scott Janssen, langjähriger Hospizmitarbeiter und Trauerberater, zu sagen: „Wenn solche Ereignisse persönliche oder erfahrungsgebende Bedeutung haben, Frieden und Trost bringen – wer sind wir, zu sagen, dass sie nicht wirklich sind?”

Autor: Christine Weck

Quellenverzeichnis

iands.org/research/nde-research/important-research-articles/42-dr-peter-fenwick-md-science-and-spirituality.html?start=5

www.allmystery.de

journals.lww.com/ajnonline/Fulltext/2015/09000/Letting_Patients_and_Families_Interpret_Deathbed.2.aspx

www.esalen.org/ctr-archive/book-phantasms.html#i-c11

www.youtube.com/watch?v=tjBgWx_T5WA

lazywisdomnews.com/2018/06/04/the-death-instinct-a-time-to-live-and-a-time-to-die/

palliative.org/NewPC/_pdfs/education/2011conferencematerials/2011%20EPCC%20Deathbed%20phenomena%20v5%202011.pdf

en.wikipedia.org/wiki/Deathbed_phenomena

en.wikipedia.org/wiki/Peter_Fenwick_(neuropsychologist)

Categories: Allgemein, Familie, Tod

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