Wir streamen Musik. Und das sehr gerne und sehr viel. Streaming-Plattformen bieten uns zu einem winzigen Preis ein unendliches Angebot an Songs und Künstlern. Dass aber diese Art des Musikkonsums vielen Künstlern das Leben schwer macht, das wissen nur die wenigsten. Musik-Streaming aus der Sicht eines Musik-Schaffenden.

Man stelle sich mal vor, man ginge zum Bäcker und möchte eine Semmel kaufen. Die Semmel kostet einen Euro. Jetzt sagt der Kunde: Ja, er bezahlt die Semmel natürlich… aber nicht den einen Euro. Vielmehr möchte er monatlich zehn Euro zahlen und dafür aber unendlich viele Semmeln haben, wann immer er will. Der Bäcker sagt daraufhin verständlicherweise nein – jeder Bäcker, der auch nur einen Hauch von Wirtschaftsbewusstsein hat, weiß, dass sich dieses Geschäft nicht lohnt. Es würde sich erst lohnen, wenn hunderte oder eher tausende Kunden sich daran beteiligen. Und selbst dann bliebe eine Unsicherheit.

Als aktiver Musiker in drei Bands höre ich diesen einen Satz nur allzu oft: „Seid ihr auf Spotify“ oder „Wann kommt euer Song auf Spotify“. Für die meine Generation und auch alle Generationen danach gibt es kaum mehr ein anderes Medium, um Musik zu konsumieren. Spotify Playlists haben CDs und Schallplatten ersetzt, die Apple AirPods die heimische Stereoanlage.

Bist du als Band nicht auf Spotify, dann bist du für deine Fans nicht erreichbar, nicht hörbar – du bist nicht relevant. Klassische Musikdownloads bei iTunes werden nur noch sehr selten genutzt oder von den Fans überhaupt gewünscht, geschweige denn eine altmodische Vinyl. Umso wichtiger, dass man auf möglichst vielen Streaming Plattformen zu finden ist. Will man als Musiker möglichst viele Menschen erreichen, braucht man Spotify, Apple Music, Amazon Music und Co., am besten einfach alle.

Warum ich trotzdem meine Musik am liebsten möglichst fern von jeder Streaming Plattform halten möchte? Weil dieses System aus der Sicht der Musikschaffenden größtenteils wirklich unfair ist.

Bei meinem allerersten bezahlten Auftritt – ich glaube ich war gerade so 16 Jahre alt – habe ich 20 € verdient, und damit mehr als in meinem ganzen ersten Jahr auf Spotify.

Im Gegensatz zu unserem Bäcker, wo wir einfach den einen Euro für unsere Semmel bezahlen, bekommt der Künstler pro Stream nur ca. 0,025 Cent. Ein einzelner Fan müsste einen Song also in etwa ganze 400 mal streamen, damit der Künstler am Ende einen Euro eingenommen hat – also so viel, wie wenn der Fan den Song einfach einmal bei iTunes gekauft hätte.

Und genauso wie der Bäcker von dem einen Euro nicht nur reinen Gewinn hat, sondern vorher noch Produktionskosten, Mietkosten, etc. abziehen muss, so müssen auch wir Musikschaffenden von unseren Einnahmen unsere Kosten bezahlen. Von Equipment über Fahrtkosten bis hin zu Studiokosten, Release- und Werbekosten. Alles kostet Geld!

„Die Zeit, die man im Studio sitzt um zu schreiben wird ja von keinem bezahlt… man hofft nur darauf, dass es sich beim Release dann irgendwie rentieren wird – was es nie tut.“

– Jakob Joiko von der Band Fewjar (Independent) [29.763 monatliche Hörer auf Spotify, 72.200 Abonnenten auf YouTube]

Inzwischen ist es für den Künstler eine schwierige Überschlagsrechnung, ob es sich überhaupt lohnt ein weiteres Album zu releasen. Warum auch, wenn man in der selben Zeit, die man zum Produzieren braucht, ja auch touren und live spielen könnte, woran man doch um einiges mehr an Geld verdient.

Nimmt man die im obigen Zitat zitierte Band Fewjar als Vergleich, so kann man sich die Dimensionen schnell vor Augen führen. Selbst mit 30.000 monatlichen Hörern allein auf Spotify lohnt es sich für sie allein wirtschaftlich gesehen nicht, ein Album zu releasen. Hätten alle dieser 30.000 Hörer jedoch das Album einmalig gekauft für zehn Euro – gehen wir davon aus, dass von diesem Betrag sechs Euro Gewinn übrig bleiben – dann hätte die Band allein durch einen Release 180.000 € eingenommen.

Das Konzept Spotify besagt im Prinzip ja nichts anderes als, dass ein Song nur so viel Wert ist wie die Häufigkeit wie er konsumiert wird. Streaminganbieter definieren den monetären Wert rein aus der Menge. Natürlich ist das bei klassischen Musikverkäufen genauso: Je öfter eine CD verkauft wird, desto mehr verdient die Band. Aber im klassischen Verkauf hatte jede Single, jede EP, jedes Album noch einen festen Preis, einen absoluten Wert. Im Streaming gibt es keinen festen Preis oder einen bestimmten Wert für einen Song. Hier wird der Wert rein am Massenkonsum gemessen.

Musik ist kein Massenprodukt

Im Gegenteil. Musik ist Kunst. Musik ist Kultur. Und sie braucht ihren Wert nicht vor der Masse beweisen. Ein guter Song wird nicht dadurch definiert, dass er der nächste Chartstürmer wird, sondern, dass er einen Beitrag leistet die Musikkultur zu erweitern und zu bereichern. Ein Song wird nicht dadurch gut, indem er hunderttausende von Menschen auf dem Weg zur Arbeit durch den einen selben primitiven Beat zum nicken bringt, sondern, indem er genau den einen Menschen berührt, der genau den einen wahnsinnig komischen Text von dem einen wahnsinnig komischen Künstler in diesem Moment gebraucht hat, um sich gut zu fühlen.

Da wir jedoch inzwischen einem so gewaltigen Angebot an Musik – man denke an die 30 Millionen Songs auf Spotify – gegenüber stehen, tendieren wir zu vergessen, dass auch ein einzelner Song seinen Wert hat, der definitiv höher ist als die 9,99 € geteilt durch 30 Millionen – vorallem wenn er uns emotional berührt.

Aber was ist es, was ich schlussendlich verlange? Soll man jetzt Spotify vom Handy wieder löschen? Sich wieder einen Schallplattenspieler holen und Vinyl kaufen?

Spotify ist im Prinzip nichts Schlechtes. Noch nie war es so leicht neue Musik und unbekannte Künstler zu entdecken, wie durch Spotify und alle anderen Streamingdienste. Es ist total praktisch für unterwegs, fürs Auto und einfach auch, um Musik mit anderen zu teilen.

Wenn du aber das nächste mal wieder einen Song zum tausendsten mal streamst, dann denk an den Künstler und kauf deinen Lieblingssong einfach mal bei iTunes – oder vielleicht sogar das ganze Album. Eventuell hat die Band ja Merchandise, das dir gefällt. Vielleicht holst du dir ja ab und zu wieder CDs und Vinyl.

Achtsamkeit ist die neue Tugend, wenn es um den Konsum von Musik geht. Wenn du beim Streaming merkst, dass dir eine Band gefällt, dann kauf einfach mal wirklich was von ihr.

Immerhin bezahlst du ja auch deine Semmel beim Bäcker.

von Tobias J. Saller
/Leviath (Gitarrist), Fritz Millfarmer (Live & Studio Drummer), Witch Temple (Gitarre, Drums & Perc.), Woid Records (Producer).


Quellen:

Zitat: https://www.youtube.com/watch?v=txg150Jngqw&t=327s

Generell: Eigene Erfahrungen; Spotify

Titelbild: https://pixabay.com/de/photos/android-mobil-smartphone-handy-2618093/

Statistik: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Marktanteil-von-Musik-Streaming-in-Deutschland-waechst-auf-46-4-Prozent-4328080.html; Bild: Bundesverband Musikindustrie e. V. / GfK Entertainment

Categories: Allgemein, Kultur, Musik

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