Das Leben ist schwer in Bayern, vor allem wenn man nicht aus Bayern kommt. Das Outing geschieht meist schon bei der Begrüßung. Durch ein einfaches „guten Tag“ oder schlimmer noch, ein nicht dialektgetreues „Servus“ verrät man sich sofort. Nicht nur Kommunikationsschwierigkeiten können den Alltag in Deutschlands schönstem Bundesland erheblich erschweren, als sogenannter Preuße wird man hier regelrecht diskriminiert.

Sollte man je den Fehler gemacht haben, sich als Nicht-Bayer zu outen, wird man Opfer vieler „ja im Norden ist das ja was ganz anderes“-Witze. Klar, ich komme aus dem Norden, weil ich in NORDrhein Westfalen geboren wurde. (Zur Nordsee ist es vom Niederrhein weiter als bis ins Feindgebiet Köln!) Dort ist es das all morgendliche Ritual mal eben in die nachtkühle Nordsee zu hüpfen und sich dann in seinen Strandkorb zu legen. Ebenso wie man hier in Bayern immer ein Helles frühstückt, bevor man sich in Lederhosen und Dirndl mit dem Radl auf in die Arbeit macht.

Als „Zugroaster“ erfährt man den bayerischen Starrsinn direkt beim Bäcker. Möchte man sich Sonntag morgens ausgeschlafen und gut gelaunt ein paar Brötchen holen, wird einem die Laune direkt vermiest. „Wos?“ Lautet sofort die Frage. „Zwei Brötchen bitte!“ antwortet man lauter und deutlicher. Als Reaktion erhält man jedoch nur einen verstörten Blick. So beginnt die wilde Pantomime, während alle Wartenden die Augen verdrehen. Schafft man es nach einer gefühlten Ewigkeit sich der Verkäuferin verständlich zu machen, schnauft diese einmal kurz auf. „Ach Semmeln meinen Sie!“ So hat die schier endlose Odyssee endlich ein Ende.

„Ihr Preisn kennt das ja gar nicht so“ wird oft als Entschuldigung für normalste Dinge benutzt. Warum kann man nicht Oktoberfest UND Wiesn sagen? Nein, wer Oktoberfest sagt identifiziert sich schon als Preisn und die sind natürlich nicht so klug den Unterschied zwischen Oktoberfest und Wiesn zu verstehen. Dieser besteht einfach darin, schon das Feindbild Wiesntourist vorzeitig zu erkennen, denn nur die richtigen Bayern wissen wie man die Wiesn richtig erlebt.

So fühlt man sich als Zugroaster oftmals nicht wie in Deutschland, sondern als wäre man aus Versehen zu weit südlich in Österreich gelandet. Die sprechen zwar vermeintlich die gleiche Sprache, verstehen tut man sie aber trotzdem nicht.

Wenn ein neuer Kantinenbetreiber in einem bayerischen Unternehmen dann auch noch die Frechheit besitzt, die belegten Semmeln als Schrippen zu verkaufen, ist bei den eingefleischten Bayern alles vorbei. Gemeinhin gelten Schrippen hier als ungenießbar, denn sie sind ja keine bayerische Qualitätsarbeit! Stelle man sich nun vor, es hätte eine Umbenennung von Schrippen zu Semmeln gegeben. Da wäre die Freude groß gewesen, denn endlich gäbe es wieder wohlschmeckende belegte Semmeln!

So stellt sich bei mir die Frage: Können oder wollen Bayern die „Preisn“ nicht verstehen? Dabei ist es doch ungemein schwieriger Bayerisch zu verstehen. Als klar wurde, dass ich nach München ziehen werde, gab mir meine Mutter noch einen Überlebenstipp mit auf den Weg: Das Wort Oachkatzlschwoaf. „Wenn du dieses Wort beherrschst, akzeptieren dich die Bayern als eine der ihren!“ Was sie nicht hinzugefügt hat ist, dass sich das bei Leuten, deren Muttersprache nicht bayerisch ist, ziemlich bescheuert anhört. Sollte man sich zusätzlich auch daran versuchen die Bayerischen Grußformen wie „Grias di“ und „Servus“ oder „Pfiad di“ von sich zu geben, stehen einem auch herbe Enttäuschungen bevor. Anstatt den Zugroasten für seine Eingliederungsversuche zu loben, wird man ausgelacht oder komisch angeschaut, denn die Integration beginnt erst, wenn man erfolgreich ohne nachzudenken eine Semmel beim Bäcker bestellen kann.

Doch nun gilt es den Begriff Weißwurstäquator zu definieren. Jedoch weiß niemand so genau, wie und wo dieser überhaupt verläuft. Die allgemein vorherrschende Meinung ist, dass die Donau das Paradies[1] vom traurigem wirtschaftsschwachen Rest Deutschlands trennt, indem man noch nicht mal gescheites Bier bekommt. Jedoch werden dabei Teile Niederbayerns, Oberbayerns und den Regierungsbezirk Oberpfalz nicht beachtet.[2] Die Münchner Variante ist einfach einen 100 km Kreis um München zu ziehen.[3]

Beinahe ebenso schlimm wie die Preisn sind die Franken. Denn diese sprechen eine komische Sprache und kommen dem Weißwurstäquator gefährlich nahe. Das skandalöseste an Franken ist aber, dass Markus Söder dort geboren wurde. Besonders mysteriös ist, dass ein Franke es geschafft hat, als bayerischer Ministerpräsident gewählt zu werden!

Doch nicht nur in Bayern trifft man auf kulturelle Verschrobenheit, denn auch im Norden lassen sich schwer Semmeln kaufen, einige Dialekte sind schwer zu verstehen und auch die Karnevalstraditionen können Besuchern sehr fremdartig erscheinen. Somit kann man zweifeln, ob die Uhren in Bayern wirklich so anders gehen, wie gemeinhin behauptet wird. Denn so vereint selbst Preis und Bayer die Deutsche Bahn. Eine Firma, die Bayern mit dem preußischen Rest Deutschlands verbindet. Doch schafft sie die Verbundenheit nicht durch das Befahren ihrer Strecke, sondern durch den Verstoß gegen die deutsche Grundtugend: die Pünktlichkeit. Und so gelingt es ihr, ob Bayer oder Preisn, Verbundenheit durch den Hass auf die ständigen Verspätungen zu schaffen. Denn schließlich sind wir alle nicht so unterschiedlich wie wir glauben.

 

von Katja S.


[1] Gavin Karlmeier, Helena Düll: „Er ist noch Innenminister! Und hier sind 13 legendäre Zitate von Horst Seehofer“, unter https://www.watson.de/deutschland/analyse/407153671-horst-who-ein-seehofer-psychogramm-in-13-zitaten (abgerufen am 11.02.2020)

[2] „Weißwurstäquator“, unter https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwurst%C3%A4quator (abgerufen am 11.02.2020)

[3] „Weißwuascht-Äquator“, unter https://bar.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwuascht-%C3%84quator (abgerufen am 11.02.2020)


Bildquellen:

  1. Bild von Werner Heiber auf Pixabay: https://pixabay.com/de/photos/geschmack-mieder-reinheitsgebot-1979268/
  2. Bild von motointermedia auf Pixabay: https://pixabay.com/de/photos/oktoberfest-wiesn-m%C3%BCnchen-herz-968235/

 

Categories: Allgemein, Gesellschaft, Kultur

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