„Ei, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul?“ -“Dass ich dich besser fressen kann!“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen. Bis heute begleitet uns das Bild vom großen, bösen Wolf, der eine Gefahr für die Menschen darstellt. Stehen wir deshalb der Rückkehr des Wolfes im Weg?

Versteckt im Schutz des Dickichts lauert hingekauert auf den Waldboden der Feind für jede Schafherde im Freistaat Bayern. In dem Moment, in dem er sich entschieden hat, ein Schaf zu reißen, ist ihm nicht bewusst, dass er damit sein eigenes Todesurteil unterschrieben hat. Das Gericht entscheidet sich gegen diesen Übeltäter und der Wolf wird somit zum Abschuss frei gegeben. Doch kann es wirklich sein, dass so ein sagenumwobenes Geschöpf, das durch Gesetze unter Schutz steht, einfach abgeschossen werden darf?

Man sollte sich vor Augen führen, dass einst der Wolf neben dem Menschen das am weitesten verbreitete Säugetier der Welt war. Nicht nur in Europa war der Vierbeiner zu Hause, sondern er bewohnte die ganze nördliche Halbkugel.
Von arktischen Tundren bis hin zu den Wüsten Nordamerikas und Zentralasiens konnte man seine Spuren finden. 

Heute allerdings sind die Rudel auf weniger als ein Drittel ihres ursprünglichen Lebensraums zurückgedrängt worden. Aus weiten Teilen Europas ist der einst stolze Jäger bereits ganz verschwunden, in Deutschland galt er ab Mitte des 19. Jahrhunderts sogar als gänzlich ausgerottet. Zurückzuführen ist das heutzutage auf das stetige Wachstum unserer Infrastruktur, wodurch sein Lebensraum zerstört wird. Früher aber hat der Mensch durch die Jagd eine regelrechte Dezimierung der Bestände vorgenommen.

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150 Jahre war Deutschland wolfslos

Gegenwärtig ist der Wolf eine der vielen heimischen Tierarten, die ihren Platz auf der Roten Liste Deutschlands gefunden haben. Dieser regionalen Auflistung ist zu entnehmen, welche Tiere in der Bundesrepublik gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht sind.

Diese Fakten scheinen die Bevölkerung aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu haben, denn 1990 wurde in Deutschland der Grundstein für die Rückkehr der Wölfe gelegt. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Tiere nicht nur bundesweit unter gesetzlichen Schutz gestellt.
Jüngst ist der Wolf durch das Bundesnaturschutzgesetz, die Berner Konvention sowie die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der UN geschützt. Wer diese Regelung missachtet und trotzdem ein Tier tötet, riskiert im Einzelfall ein schweres Umweltvergehen, das mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Also eigentlich eine gute Grundlage für ein Leben in Deutschlands Wäldern, weshalb die ersten Tiere um die Jahrhundertwende in ihre alte Heimat zurückkehrten.

Vorurteile erschweren die Rückkehr des Wolfes

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Ungeachtet dessen polarisiert der Wolf wie kein anderes Tier. Er teilt die Meinungen der Menschen in zwei Lager. Entweder man ist fasziniert von dem Vierbeiner oder man hasst ihn, allerdings sollte das nicht verallgemeinert werden, denn oft verschleiern Vorurteile diese Ansichten. Wie ist es auch anders zu erwarten, wo schon die Gebrüder Grimm den Wolf zum Bösewicht auserkoren haben? Nicht nur in „Rotkäppchen“ wird die Hauptfigur von einem Wolf bedroht, sondern auch in „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und vielen anderen Märchen.
Dort wird er als betrügerisch, listig und gefährlich dargestellt. „Der Wolf ist böse, man muss Angst vor ihm haben“ – dieses Bild wurde uns also schon von frühester Kindheit mit in die Wiege gelegt. Und auch heutzutage greifen die Filmemacher in Hollywood noch zu diesem Zerrbild.

Hinzu kommt, dass die durch Wolfsangriffe betroffenen Landwirte dieses Feuer schüren. Im Freistaat Bayern wurden im Jahr 2018 fünf Schafe und drei Kälber Opfer eines Wolfsangriffes. Abschuss lautet unter den Besitzern und den anderen Wolfsgegnern die Devise. Um diesem brisanten Konflikt Einhalt zu gebieten, hat die Staatsregierung den sogenannten „Aktionsplan Wolf“ entwickelt, der das weitere Vorgehen mit den vierbeinigen Einwohnern beschreiben soll. In einem Auszug aus dem „Bayerischen Aktionsplan Wolf“ heißt es unter anderem: „Zur Minimierung von Konflikten und zur Erhöhung der Akzeptanz ist die Wolfspopulation in Bayern auf das artenschutzrechtlich Erforderliche zu begrenzen.“ Aber zeigt sich hier nicht schon der erste Widerspruch?

Wenn man dem Wolf, ein Tier das unter strengstem Artenschutz steht, verbietet sich auszubreiten, wie soll es dann heimisch werden? Vor allem aber, was geschieht mit den Tieren, wenn es zu viele werden? Darf man sie einfach abschießen, oder nach welchem Muster erfolgt diese Kleinhaltung der Bestände? Diese Fragen sollte sich die Regierung Bayerns erst einmal klarer stellen. Weiterer Inhalt dieses Plans ist der Umgang mit „verhaltensauffälligen“ oder „gefährlichen“ Tieren. Demnach dürfen sie zum Abschuss durch ein Gericht freigegeben werden, wenn sie für den Menschen oder Weidetiere zur Gefahr werden. Immerhin sollen vor dieser Entscheidung sogenannte Präventivmaßnahmen getroffen werden. Wehrt sich der Wolf gegen diese Unternehmungen, wird er eliminiert, zum Wohle aller. Ob dies eine gerechte Regelung ist, wird sich im Laufe der Zeit und im Verhalten von Mensch und Tier zeigen.

79 Prozent der Deutschen sind für den Wolf

Immerhin belegt eine Umfrage des Naturschutzbundes, dass rund 79 Prozent der Einwohner den Wölfen positiv gegenüberstehen. Diese Anzahl sollte eigentlich die Vertreter der Politik, der Bauern und der Jagdlobby nachdenklich stimmen, trotzdem hallt das Echo ihrer negativen Stimmungsmache weiter durch die Bundesrepublik. Aber ist es nicht so, dass der Wolf für uns eine Wildheit repräsentiert, die sich in all den Jahrhunderten nicht domestizieren ließ?

Früher mussten sich Mensch und Wolf den Wald bei der Nahrungssuche teilen. Damals hatten die Menschen begriffen, dass wir uns in gewissen Verhaltensmustern mehr ähneln als angenommen. Beide waren erbitterte Laufjäger auf der Suche nach Beute. Beide lebten in kleinen Gruppen zusammen. Beide kooperierten und kommunizierten miteinander. Beide unterstützten sich bei der Aufzucht ihrer Kinder und beide verteidigten sich gegenseitig vor Bedrohungen.
Diese Beziehung ist entscheidend für das heutige Zusammenleben mit dem „besten Freund des Menschen“, immerhin ist der Wolf der direkte Vorfahre des Hundes. Doch all das kümmerte den Menschen nicht mehr, als er mit der Haltung von Weidetieren begann. Die Wege trennten sich und der Wolf wurde zur Bedrohung. Aber kann man es ihm verübeln, dass er seinen Hunger stillen will wie wir Menschen?

Die lebensgroße Bronzefigur in Rom zeigt die Wölfin, die Romulus und Remus säugte. @matthias_Lemm/pixabay

Ich finde, wir sollten uns eher ein Beispiel am alten Rom nehmen, dort wurde der Wolf auch als Lebensretter verehrt. In der Sage von Romulus und Remus, den Stadtgründern von Rom, wurde eine Wölfin zur Heldin, als sie zwei ausgesetzten Kindern das Leben rettete und sie an ihren Zitzen nährte. Ebenso in der Erzählung „Das Dschungelbuch“ wird der kleine Mogli von einer Wolfsfamilie aufgezogen. Wäre es nicht schön, wenn Mensch und Tier in Zukunft wieder friedlich miteinander leben könnten? Immerhin wissen wir durch intensive Forschungen über den „Cani lupus“, wo ihre Reviere verlaufen und wie sich die einzelnen Tiere dort verhalten.

Als Raubtier wird der Wolf immer versuchen, an so viel Nahrung zu kommen, wie es ohne große Mühe möglich ist. Jedes nicht ausreichend eingezäunte Nutztier ist also leichter zu erbeuten, als einem Reh im Wald hinterherzujagen. Durch die Ausrottung großer Wildtiere wie Wolf, Bär oder Luchs haben sich in unserer Region die Haltungsbedingungen von Weidetieren stark verändert. Die Umzäunungen dienen heutzutage nur noch dazu, die Tiere am Ausbrechen zu hindern und nicht andere Tiere davor abzuhalten, hinein zu gelangen. Wenn wir also, wie von der Staatsregierung vorgeschlagen, die Herdenhaltung verändern und bessere Schutzmaßnahmen schaffen, sollte es auch in Deutschland möglich sein, offen für unseren neuen Mitbewohner zu sein.

Dank den zahlreichen Artenschutzrichtlinien können die Wölfe heutzutage wieder durch ihre alte Heimat streifen. @pixel-mixer/pixabay

Wenn der Wolf in Zukunft im Wald lauert und eine Schafherde aufspürt, sollte es ihm durch spezielle Wolfszäune und andere Schutzmaßnahmen nicht mehr möglich sein, ein Schaf zu reißen. Somit wird aus dem Feind der Schafe ein einfaches Lebewesen, das in den schönen Regionen unseres Landes existieren und frei leben darf. Vielleicht wird so auch irgendwann das negative Bild der Gebrüder Grimm verblassen und wir Menschen werden den Wolf anders betrachten.
Vielleicht als eines der sagenumwobensten Geschöpfe Deutschlands, das voller Stärke, Intelligenz und Verbundenheit mit seinem Rudel, ungezähmt auf leisen Pfoten durch unsere Natur streift.

Luisa Simon


Quellen:

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/wissen/artensteckbrief.html

https://www.bund-naturschutz.de/tiere-in-bayern/wolf.html

https://www.bmu.de/themen/natur-biologische-vielfalt-arten/artenschutz/nationaler-artenschutz/der-wolf-in-deutschland/

https://www.wwf.dWe/themen-projekte/weitere-artenschutzthemen/rote-liste-gefaehrdeter-arten/

https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Information-Schutz-von-Nutztieren-vor-dem-Wolf-Sachsen-Anhalt.pdf

https://www.wwf.de/themen-projekte/bedrohte-tier-und-pflanzenarten/woelfe/

https://www.wwf.at/de/10-mythen-zum-wolf/

https://www.bfn.de/themen/rote-liste.html

https://www.br.de/nachrichten/bayern/das-steht-im-aktionsplan-wolf-fuer-bayern,R1ecmQ3

https://www.br.de/nachricht/aktionsplan-wolf-abschuss-als-letztes-mittel-erlaubt-100.html

https://www.iucnredlist.org

https://www.ifaw.org/deutschland/unsere-arbeit/w%C3%B6lfe/wolfsmyth-0

https://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/555712/der-wolf-spiegelbild-aggressiver-antriebe-des-menschen#gallery&0&0&555712

Categories: Allgemein, Tiere

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