Ist man Rassist, wenn man einen rassistischen Begriff ohne diskriminierenden Hintergedanken ausspricht? Wieso darf einer den Begriff sagen und der andere nicht? Und was hat Political Correctness damit zu tun?

Ni**er, Cracker, Zigeuner – Drei Begriffe mit einer rassistischen Bedeutung, die allgemeingültig diskriminierend und abwertend verstanden werden. Eins davon so sehr, dass ich es nicht unzensiert in diesem Artikel erwähnen möchte. Verlässt ein solcher, rassistischer Begriff einmal die Lippen einer Person des öffentlichen Lebens, kann diese mit einem riesigen Shitstorm und im schlimmsten Fall mit rechtlichen Konsequenzen und der Gefährdung der Karriere rechnen – wie so oft im Leben gibt es aber scheinbar auch hier wieder Menschen, die gleicher sind als andere. Der schwedische Youtuber Felix Kjellberg, besser bekannt unter seinem Pseudonym »Pewdiepie«, hat aktuell 89 Millionen Abonnenten auf Youtube. Im September 2017 startet er auf der Livestream-Plattform Twitch eine Übertragung, die bis heute seine Letzte war. Im Online-Spiel »PlayerUnknowns Battlegrounds« rutschte ihm im Kampf gegen einen der Konkurrenten das N-Wort aus. Die Konsequenz dieses Fauxpas war, dass sein Konto nun permanent auf Twitch gesperrt ist. Im Nachhinein entschuldigte er sich öffentlich für sein Verhalten und bezeichnete sich sogar selbst als »Idioten«. Währenddessen hat der 2014 erschienene Song »My Ni**a« von YG 181 Millionen Aufrufe auf Spotify und 301 Millionen Aufrufe auf Youtube. Im Text kommt genau 115 Mal das Wort »Ni**a« vor, aber keiner sagt etwas. Ist das gerecht?

Wie kommt es, dass ein Mensch den sogenannten »N-Word-Pass« hat und der Nächste große finanzielle Einbußen, sowie einen riesigen Image-Schaden hinnehmen muss? Wann weiß man denn, ob es okay ist dieses Wort zu verwenden? Darf man diese Bezeichnung jemals verwenden? Bin ich ein Nazi, wenn mir völlig ohne rassistischen Kontext ein solcher Begriff rausrutscht? Meiner Meinung nach muss man abwägen, in welcher Situation ein solches Wort fällt und mit welcher Absicht es ausgesprochen wird. Politisch korrekt gesehen, muss man allerdings eigentlich jedes Wort, das irgendjemand rassistisch finden könnte, aus seinem Wortschatz streichen. Ein Zigeunerschnitzel, Mohrenkopf, oder ein Indianer finden hier keinen Platz. Dabei beschreiben diese Begriffe nichts Schlimmes und bekommen doch erst ihr Gewicht dadurch, dass man sie nicht sagen darf. Kann man einer Oma, die ihren Enkeln einen Mohrenkopf anbietet vorwerfen, dass sie rassistisch sei? Wie viele Jugendliche wissen heutzutage überhaupt noch was ein »Mohr« eigentlich ist und was machen die Leute, die Mohr mit Nachnamen heißen? Diese Unbeständigkeit in der Bewertung von Begriffen kann außerdem auch gefährlich werden. Was für den Einen ein ganz normales Wort ist, kränkt den Nächsten. Vielleicht denkt man sich kurz nichts bei seinen Worten und schon hat man »Rassist« auf der Stirn stehen – zu Wort kommen lässt man einen dann nicht mehr. Im oben genannten Fall geht es um einen Youtuber mit einer Reichweite von 90 Millionen Abonnenten, 44 Prozent davon im Alter zwischen 18 und 24. Eine Zielgruppe die sich immer weniger für die alten Medien, wie Zeitung und Fernsehen interessiert – sondern für Youtube, Instagram, Social Media. Für Media Outlets wie den Wall Street Journal oder Vox ist es also ein gefundenes Fressen die Geschichte völlig aus dem Kontext zu reißen und als Headline des Artikels Wörter wie »Pewdiepie« »white supremacist« und »antisemitism« im Zusammenhang zu verwenden, denn die Leute klicken darauf und dadurch lässt sich für sie Reichweite generieren. Was Pewdiepie dazu zu sagen hat ist egal – denn der ist ja schließlich Rassist. Frei nach dem Motto: »Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt …«.

Pewdiepie spricht das N-Wort live in seinem Twitch-Stream aus

Einen weiteren Fall, bei dem der Ruf einer großen Firma quasi über Nacht fast den Bach runterging, gab es vor knapp einem Jahr bei H&M. In dem Skandal ging es um einen Hoodie mit der Aufschrift »Coolest Monkey In The Jungle«, der von einem schwarzen Kind getragen wurde. Natürlich kann man H&M vorwerfen, dass sie ausgerechnet ein schwarzes Kind in ein Kleidungsstück stecken, auf dem das Wort »Monkey« steht. Aber wäre es nicht genauso rassistisch, wenn sie es nicht getan hätten? Wieso ist es so ein großes Drama, wenn ein Kind mit dunkler Hautfarbe einen Hoodie mit der Aufschrift »Coolest Monkey« trägt? Das ist doch eigentlich wieder das Problem jener, die eine Verbindung zwischen beidem hineininterpretieren. Nichtsdestotrotz gab es eine riesige Debatte um das Thema, H&M musste einen großen Imageschaden einstecken und in Südafrika nahmen Randalierer kurzerhand deren Läden auseinander.

H&M’s „Coolest monkey in the jungle“-Hoodie

Was hat nun Political Correctness damit zu tun? Das Konzept von Political Correctness mag mit einem guten Kerngedanken entstanden sein – es soll Minderheiten vor Erniedrigung schützen, keine Ethnie soll sich beleidigen lassen müssen. Allerdings sieht es momentan eher so aus, als bedroht es die Meinungsfreiheit und lähmt lösungsorientierte Diskussionen. Bevor man etwas sagt, dass diskriminierend verstanden werden könnte, sagt man lieber gar nichts – aus Angst vor sozialem Ausschluss. Falls einem die Argumente des Gegenübers nicht passen, macht man es sich einfach und legt ihm Worte in den Mund, gegen die er sich im Nachhinein nicht verteidigen kann. Am Ende streitet man sich dann über Begrifflichkeiten und die Diskussion entgleist völlig. Eine Diskussionsführung die so nicht zielführend ist, egal wie viele Gefühle dabei geschützt werden.

Am 17.12.2018 – über ein Jahr später – lädt Pewdiepie wieder ein Antwortvideo hoch, in dem er sich unter anderem dafür rechtfertigen muss, dass ein ihm unbekannter Spieler mit dem Namen »Rabbi Shekel« für wenige Sekunden in einem seiner Videos auftaucht. Dazu kommt, dass einer von 28 Channels, denen er am Ende eines seiner Videos ein Shout-out gab, für einen zugegeben makaberen Witz, Footage von den rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville 2017 verwendete. In den Schlagzeilen von Vox Media fallen wieder Begriffe wie »White Supremacy«. Eine vielleicht Interessante Information hierzu ist, dass wenige Monate vorher schon bekannt war, dass Vox Media wohl ihr Einnahmeziel in jenem Jahr nicht erreichen werden. Die grundsätzliche Idee hinter Political Correctness, das Kränken und Beleidigen von anderen Menschen zu vermeiden, finde ich sehr unterstützenswert – nur die Vorgehensweise gefällt mir gar nicht. Warum redet man nicht über bestimmte Begriffe bevor man sie totschweigt? Natürlich muss sich eine Sprache im Laufe der Zeit weiterentwickeln, aber ich finde es zweifelhaft, dass PC hier der richtige Weg ist. Sprache sollte frei sein – und nicht zensiert.

Christian Bayer

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/PewDiePie#Kontroversen

https://socialblade.com/youtube/user/pewdiepie

https://www.dexerto.com/entertainment/pewdiepie-reveals-his-channel-statistics-after-alinity-suggested-all-his-fans-were-9-year-olds-110491

https://de.reuters.com/article/s-dafrika-h-m-idDEKBN1F30FS

https://www.wsj.com/articles/vox-media-on-pace-to-miss-revenue-target-as-digital-advertising-disappoints-1537742167

 

Bilder:

https://www.flickr.com/photos/billkerr/200721567

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/h-und-m-fuer-werbefoto-am-rassismus-pranger-100.html

https://www.youtube.com/watch?v=J_bMArMJ-f8 (Screenshot)

Categories: Allgemein, Politik

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