– und auch Unternehmen wollen im Zeitalter von Greta Thunberg grüner werden. Insbesondere Modeunternehmen streben den Wandel zur nachhaltigen Produktion an. Die Conscious-Linie von H&M beispielsweise setzt auf recycelte Materialien. Befindet sich die Textilindustrie in einer ökologischen Umstrukturierung oder handelt es sich um eine clevere Greenwashing-Strategie?

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

780 € – so viel gibt ein Deutscher im Jahr durchschnittlich für Kleidung aus und es wird immer mehr. Ein Grund für die steigenden Ausgaben ist der Fast-Fashion-Trend. Große Modeketten bringen mehrmals pro Saison Kollektionen mit den neuesten Trends raus. Ganz und gar nicht profitiert dabei unsere Umwelt. Die zumeist aus Asien importierten Textilien werden unter schlimmsten Bedingungen produziert, sowohl für die Umwelt als auch für die Arbeiter*innen in Fabriken ohne jegliche Arbeitsschutzmaßnahmen. In den letzten Jahren ist allerdings ein neuer Trend entstanden: «green fashion». Unternehmen werben mit ressourcenschonenden Materialien und recycelten Stoffen. Aber hält diese nachhaltige Mode, was sie verspricht und schützt Umwelt und Verbraucher? Oder haben H&M und Co. hier nur eine weitere Marketing-Masche entwickelt, um die Konsumenten zum Kaufen ohne schlechtes Gewissen zu motivieren, indem sie sich grüner geben als sie tatsächlich sind?

Textilproduktion – eine schmutzige Angelegenheit

Zunächst muss ich mit den harten Fakten beginnen. Die Textilbranche belastet die Umwelt enorm. Allein die Modeindustrie verursacht fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen. Außerdem bringt die giftige Produktion gravierende Umweltverschmutzung mit sich. Zwei Drittel der chinesischen Gewässer gelten bereits als verschmutzt und immer mehr Chemikalien werden im Trinkwasser nachgewiesen. Der Kontakt mit den toxischen Mitteln durch fehlende Schutzkleidung ist nur ein Aspekt, wegen dem die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche kritisiert werden. Lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung sind die Hauptgründe: Der Mindestlohn in Bangladesch wurde 2019 auf 83 Euro pro Monat angehoben! Für diese Erhöhung waren tagelange Streiks notwendig. Kaum vorstellbar, leider wahr.

Textilfabrik

Doch schon seit einigen Jahren bewegt sich die Textilbranche in eine andere Richtung. Viele bekannte Modeunternehmen bringen nachhaltige Kollektionen raus. H&M war mit seiner Conscious-Kollektion der erste «big player», der eine solche Kollektion verkaufte. Aber auch andere Moderiesen haben nachgezogen, Mango bietet mit „Committed“ eine augenscheinlich nachhaltige Alternative zu seinen anderen Kollektionen. Das Modeimperium Inditex, zu dem unter anderem Zara und Bershka gehören, kündigt 2019 an ein Konzept für nachhaltige Produktion ab 2025 zu entwickeln. Dies soll unter anderem umgesetzt werden, indem man in allen Läden auf Plastiktüten verzichtet, in den Filialen sollen Container aufgestellt werden, damit Kund*innen dort ihre alten Kleidungsstücke (Sprich die Stücke aus der letzten Kollektion – welch Ironie!) zum Recyceln abgeben können und Energie für Produktion und Vertrieb soll künftig aus erneuerbaren Energiequellen kommen.

So weit, so gut. Aber wie viel taugen diese Konzepte wirklich? Um diese Frage zu beantworten, habe ich mich genauer mit H&M Conscious auseinandergesetzt. In zwei kurzen Absätzen erklärt H&M auf seiner Webseite, welche Kriterien Artikel erfüllen müssen, um mit einen grünen Etikett als „conscious“ gekennzeichnet zu werden: 50% der in dem Artikel verwendeten Materialien müssen nachhaltig sein, beispielsweise ökologisch hergestellt oder recycelt. Die einzige Ausnahme ist recycelte Baumwolle. Um Qualitätsstandards zu garantieren, qualifiziert sich schon ein Artikel aus nur 20% recycelter Baumwolle als „conscious“. Seit 2013 kann man außerdem alte Textilien bei einem Einkauf bei H&M abgeben. Im Gegenzug bekommt man für seinen nächsten Einkauf einen Gutschein. H&M möchte die abgegebenen Textilien entweder als Second-Hand-Produkte wiederverwenden oder die Materialien recyceln und für neue Produkte verwenden. Doch macht der Gebrauch von Bio-Baumwolle ein Unternehmen ökologisch nachhaltig?

Schöne Vorstellung und in der Realität?

Mit Sicherheit nicht. Um nachhaltig zu produzieren, muss die gesamte Produktionskette eines Unternehmens ökologisch ausgerichtet werden. Was bringt einem Bio-Baumwolle, die im Nachhinein mit umweltschädlichen und unter Umständen krebserregenden Chemikalien behandelt wird? Was bringt ein Pullover der zu 50 % aus recycelten Textilien besteht, wenn die restlichen 50% extrem umweltschädlich hergestellt wurden? In der Vergangenheit geriet H&M außerdem in die Schlagzeilen, weil es tonnenweise Kleidung verbrannte. Nach Angaben des Unternehmens handelte es sich dabei um Stücke, die beim Transport beschädigt wurden. Würden diese Textilien sich nicht hervorragend zum Recycling verwenden lassen? Ein weiterer großer Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass H&M sich mit dem grünen Etikett versucht ein eigenes Siegel zu verleihen. Gleichzeitig tragen die nachhaltigen Artikel von H&M keine anerkannten Gütesiegel, wie zum Beispiel den grünen Knopf. Nur solche geprüften und anerkannten Siegel können garantieren, dass Kleidungsstücke unter bestimmten Standards produziert wurden. Um den Grünen Knopf zu erhalten müssen nämlich 46 anspruchsvolle Sozial- und Umweltstandards erfüllt sein, darunter die Zahlung von Mindestlöhnen, das Verbot gefährlicher Chemikalien und vieles mehr. Kritiker vermuten, dass der H&M-Konzern keinen externen Kontrollen zulassen möchte – kein gutes Zeichen!

H&M

Wer umweltbewusster einkaufen möchte, sollte also genauer hinsehen, um nicht auf Greenwashing-Strategien der Unternehmen reinzufallen. Allgemein sollte jeder beim nächsten Shopping hinterfragen, welche Teile wirklich gebraucht werden. Nachhaltige Textilien zu kaufen ist zweifellos ein guter Ansatz, noch sinnvoller wäre es den Kaufdrang auf ausgewählte, hochwertige Stücke zu reduzieren. Für wahre Modebegeisterte stellt Secondhand Shopping eine coole und nachhaltige Alternative, denn sind wir ehrlich – Retro ist in.

Nadine Aug

 

Textquellen
https://www.quarks.de/umwelt/kleidung-so-macht-sie-unsere-umwelt-kaputt/
https://www.focus.de/perspektiven/nachhaltigkeit/nachhaltiger-leben/nachhaltigkeit-mode-wahnsinn-zerstoert-umwelt-wie-wir-das-aendern_id_10964545.html
https://www.focus.de/perspektiven/nachhaltigkeit/nachhaltiger-leben/nachhaltigkeit-mode-wahnsinn-zerstoert-umwelt-wie-wir-das-aendern_id_10964545.html
https://www.greenpeace.de/themen/endlager-umwelt/textilindustrie
https://www.tagesschau.de/ausland/bangladesch-loehne-101.html
https://www2.hm.com/de_de/damen/kampagnen/conscious-concept.html
https://www.vogue.de/mode/artikel/news-zara-nachhaltigkeit

Bildquellen:
https://unsplash.com/photos/2lHBWR6JPpk
https://www.pexels.com/de-de/foto/draussen-energie-fabrik-himmel-682078/
https://unsplash.com/photos/hA-ZnkS2Nwc

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