Wie unheilbringendes Unkraut wachsen sie aus dem Boden – genährt mit Dünger und einer unzerstörbaren Wurzel: Die Buchhandelsketten wie Thalia, Osiander oder Mayersche. Und sie stellen die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen in den Schatten und verderben ihre Schönheit. Was es heißt, die Großen zu unterstützen und die Kleinen zu vergessen – ein Kommentar.

Sie betreten die großflächigen Räumlichkeiten – eine Reizüberflutung macht Sie zuerst orientierungslos; helle Lichter, ein mehrstöckiger Irrwald, eine Schar Menschen, die an Ihnen vorbeidrängt, und bevor Sie die Filiale einer landesweiten Buchhandelskette überhaupt ganz betreten können, kehren Sie um und suchen verzweifelt nach den kleinen Perlen in netten Gassen und unentdeckten Straßen, abseits der Masse und des Trubels nach ihrer zukünftigen, kleinen Lieblingsbuchhandlung. Doch die Freude fällt rapide, als Sie bemerken, dass Ihre kleine Buchhandlung nicht mehr existiert; die Türen sind fest verschlossen, im Innern ist alles dunkel und leer, und ein Geschlossen-Schild hängt traurig im Schaufenster. Ihr kleiner Liebling, in dem Sie sich unendlich lange verkrümeln und vergessen konnten, wurde vom exzentrischen Buchkaufhaus um die Ecke verdrängt, in den Schatten gestellt, ins Exil verdammt. Und Sie stellen fest, dass dies nicht nur in der Seitenstraße Ihrer Stadt passiert, sondern jährlich viel zu oft in ganz Deutschland. Ketten wie Thalia, Osiander oder Hugendubel preschen über die Länder wie ein unaufhaltsamer Tsunami, oder wie eine Horde wütender Elefanten, und reißen alle unabhängigen Buchhandlungen nieder, nur um das eigene Firmenlogo in jeder Ecke dieses Landes sehen und präsentieren zu können. Doch warum ist das so? Und was kann man dagegen tun?

 

UNKRAUT WÄCHST UND WÄCHST

 

Ein völliges Unverständnis bereitet sich in meinem geistigen Wohlsein aus, wenn ich sehe, dass die großen Buchhandlungsketten einen rapiden Umsatzanstieg verzeichnen, wenn sie aus dem Boden wachsen wie McDonalds-Filialen und fröhlich fusionieren, expandieren und sich immer mehr ausbreiten – und die Schattenseite dieses Spiels sind die zugrunde gehenden Unabhängigen, die ihren Lebenstraum mit einem eigenen Buchladen verwirklichen konnten, aber aufgrund einer neu eröffneten Thalia-Filiale ihr Geschäft schließen müssen. Und schmerzhaft ist zu beobachten, wie massenhaft Menschen sich den alles verschlingenden Eingangstüren solch großer Geschäfte nähern und letztendlich hineingezogen werden. Völlig unverständlich. Und das, obwohl die bibliophilen Warenhäuser einer nie endenden IKEA-Filiale gleichen: Lange Wege und großflächige Ebenen; gigantische Rolltreppen bis in den Himmel, die man kaum überblicken kann, die, man könnte meinen, den Himmel küssen wollen. Die meterhohen Regale und turmhohen Bücherstapel das Angebot ins Unermessliche treiben – Auswahl ist genug da, aber funktioniert das dann auch mit den Empfehlungen? Können alle Mitarbeiter über jedes Buch in ihrem Geschäft bescheid wissen? Nein – denn bei knapp einhunderttausend Büchern ist dies nicht der Fall, und nicht mal eine gut konstruierte Maschine könnte eine emotionale Auskunft über alle Titel des Ladens geben. Somit ist das Wissen über das Repertoire der Großflächenbuchhandlung nicht gegeben. Wo gut ausgebildete Buchhändler, die ihren Beruf unter Umständen schon über Jahrzehnte ausüben, in ihren kleinen, unabhängigen Filialen Auskunft über jeden Titel geben können, so sind jene Buchhändler in den gigantischen Spukschlössern lediglich Verkäufer, die Ware einräumen und verkaufen. Beratungen suchen jene Kunden, die sich in diese Bauten verirren, sehr selten bis gar nicht.

Buchhandlungen sind Wohlfühloasen – oder auch stressfördernde Kaufhäuser.

 

Meine grundsätzliche Ablehnung gegenüber den gigantischen Weltenverschlingern ist mit einem Besuch der neuen Hugendubel-Filialen am Stachus und am Marienplatz in München begründet. Wo man zuvor bei der Buchhandlung Lentner oder bei Lehmkuhl in Schwabing enge Treppen, alte Regale und einen absolut hinreißenden Flair genießen konnte – und wo das sprichwörtliche und allseits beliebte Stöbern noch möglich ist – so wird der Kunde, beziehungsweise der Besucher jener Sinnesvergewaltigung in den neumodernen, architektonisch misslungenen Filialen der bekannten bayerischen Kette Hugendubel regelrecht erschlagen. Braune Würfel, die unordentlich aufeinandergestapelt wurden, kein klar erkennbares System, kein roter Faden. Die Bücher, die stapelweise im Raum herumliegen und keine Aufmerksamkeit aufgrund der Überflutung an Reizen erhalten; Warengruppen, die völlig sinnlose neue Namen erhalten haben, die eher einem Abenteuerland für Kinder gleichen als eine Einrichtung für das Kulturgut Buch. Zudem zahlreiche Stockwerke, die durch Rolltreppen verbunden werden, Menschen, die lustlos durch die Gänge wandern, im Café der Buchhandlung sitzen und einen völlig überteuerten Latte Macchiato oder Cappuccino trinken, und die Kassen, die an die Schnellkassen bei REWE oder REAL erinnern. Macht einkaufen hier spaß? Wo liegt der Reiz, solch Buchhandlung überhaupt zu betreten? Ich war, als ich das erste Mal diese neu gestalteten Geschäfte betreten habe, völlig geschockt und perplex gewesen – ich kenne zahlreiche wunderschöne kleine Buchhandlungen, die allein mit ihrem Aussehen und ihrer Einrichtung begeistern (wer die Buchhandlung Lehmkuhl in München-Schwabing kennt, weiß, wovon ich rede) und war sprachlos im negativen Sinne, als ich diese Zumutung für die Augen bis ins kleinste Detail realisieren konnte. Das Stöbern und Schmökern macht hier nur minimalen Spaß – lediglich das große Angebot überzeugt in kleinem Rahmen, da der Platz es selbstverständlich erlaubt, eine große Auswahl an Genres auf Lager zu haben. Doch, wie werden wohl die Mitarbeiter reagieren, wenn ich wahllos einen Titel aus dem Sortiment ziehe und nach einer Empfehlung frage?

 

DIE FRAGE NACH DER SAAT

 

Doch woran liegt diese Übernahme der großen Aasgeier? Wo liegt der Ursprung in jener deutschlandweiten Misere, unter der die inhabergeführten Geschäfte leiden müssen? Betrachten wir hier eine Entwicklung der letzten 40 Jahre: Wo es vor 40 Jahren noch keine einzige Großflächenbuchhandlung gab, so gab es vor 20 Jahren auch noch keinen Online-Handel. Und wo man eine Veränderung der letzten 30 Jahren beobachten kann: Es gab damals noch keinen bundesweit existierenden und agierenden Buchhandel – weder Thalia noch Hugendubel, weder Osiander noch die Mayersche waren in solchen Ausmaßen vertreten. Doch als der Online-Handel anstieg, war eine Neuaufteilung des Marktes obligatorisch und notwendig, und so stieg die Kraft der bereits genannten Filialisten enorm. Hinzu kam, dass die Douglas Holding und Thalia, die knapp dem bösen Blick des Kartellamtes entgangen waren, fusionierten, und somit ein regelrechtes Monopol entstand, welches, in Konkurrenz mit Hugendubel, Osiander und der nun ebenfalls zu Thalia gehörenden Mayersche, in den letzten Jahren wie Unkraut aus der Erde wuchs, und die Städte und Länder wie eine biblische Plage heimgesucht wurde. Doch das Hauptaugenmerk und den metaphorischen Fingerzeig darf man nicht nur gen deutsche Filialisten hegen, auch auf einen ganz bestimmten Nicht-Steuerzahler sollte man aufmerksam werden: Denn nicht nur die Douglas Holding verpestet den unabhängigen Buchhandel, auch die amerikanische Supermacht Amazon verstärkt diese Ausbeutung mit ihrem massiven Online-Markt drastisch.

Stapelweise Kultur – zu finden am Allerbesten in den unabhängigen Buchhandlungen.

Und wie können sich die Unabhängigen retten? Mit den einfachsten Aktionen und Chancen: Gute Literaturveranstaltungen, starke Partner für Schulen und Bildungseinrichtungen, einen allumfassenden, professionellen Service und persönlicher, erfolgreicher Beratung in Sachen Buch und literarische Medien. Was die Großen nicht bieten können, können die Kleinen nutzen, um die Kundenakquise voranzutreiben, um etwas Außerordentliches, etwas Neuartiges zu entwickeln – besondere Ideen, die sie nutzen können, um die Kunden noch mehr an sie zu binden. Neben emotionalen Buchempfehlungen und Literaturtipps auch kleine Geschenke, oder einfach ein freundliches Gespräch. Keine Einheitskleidung wie bei Hugendubel, wo monoton und fade „Leseberater“ draufgedruckt wird, sondern Vielfalt und einen Hauch an Individualität. Doch was nützt eine kleine Buchhandlung in einer Seitenstraße, wenn Hugendubel ganz groß und präsent am Marienplatz oder am Stachus vertreten ist, und die hypnotisierten Touristen und unwissenden Zombies das Geschäft betreten und ihr wertvolles Bargeld dalassen?

 

IGNORIERT DAS UNKRAUT UND BEWUNDERT DIE BLUMEN

 

Es ist ein Appell, mit dem ich meine Analyse und meinen zynischen Kommentar zur Ausrottung unabhängiger Buchhandlungen beenden möchte. Ein Appell an alle, besonders aber auch an Jene, die Bücher und jegliche Art von Literatur stationär und lokal kaufen: Kauft bitte bei den Unabhängigen, ohne Wenn und Aber, denn genau das brauchen sie: Kundschaft, Arbeit, und letztendlich auch einen Grund, nicht den Laden komplett aufgeben zu müssen. Die großen Ketten wie Thalia, Mayersche, Hugendubel oder Osiander verdienen genug an Geld, da benötigt es das eine Buch von Ihnen nicht auch noch, lassen Sie Ihr Geld lieber bei den inhabergeführten, unabhängigen Buchläden – denn diese versichern uns eine individuelle, unabhängige und multikulturelle Literaturbranche, die wir nicht verlieren möchten.

 

Daniel Allertseder


Quelle: https://www.google.com/amp/s/www.spiegel.de/wirtschaft/konkurrenz-durch-thalia-co-sterben-die-kleinen-buchlaeden-aus-a-510961-amp.html

https://www.boersenblatt.net/2019-10-23-artikel-ich_kauf__mir_was-markt_und_macht____bernahmen_grosser_buchhandelsfilialisten.1747946.html

Bildquellen: https://www.pexels.com/photo/full-length-of-man-sitting-on-floor-256431/

https://pixabay.com/de/photos/b%C3%BCcherei-b%C3%BCcher-lesen-buchladen-4317851/

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