Flucht ist momentan ein heiß diskutiertes Thema. Warum eigentlich? Denn Flucht gab es schon immer und es wird sie auch immer geben. Die Anzahl der Flüchtenden war schon vor der Jahrtausendwende sehr hoch. Einer von ihnen ist Herr Z.. Er flüchtete in den frühen Achtzigerjahren nach Deutschland und teilt mit uns seine Geschichte. Sie zeigt uns, wie Integration sehr wohl gelingen kann.

Ich möchte Ihnen zu erst eine Frage stellen. Fühlen Sie sich wohl in Ihrem Land? Fühlen Sie sich wohl in Deutschland? Haben Sie jemals darüber nachgedacht zu flüchten? Und dass nicht aus dem Grund, weil ein Häuschen in Italien ganz nett wäre oder weil in Spanien die Sonne öfter scheint. Sondern aus Angst die eigene Meinung und Gedanken über die politische Situation äußern zu können. Ich bin mir sicher, dass die Antwort bei jedem von uns, der in Deutschland lebt, „Nein“ heißen würde. Meiner Meinung müsste sie das tun. Wir leben in einem Land, indem es uns erlaubt ist, unsere politische Meinung und unsere Gedanken frei zu äußern. Dies ist ein elementarer Grundbaustein unseres Verständnisses eines gemeinsamen Miteinanders. Fest verankert in unserem Grundgesetz. Das Schlimmste, was uns erwarten kann, wäre eine Diskussion mit anders Denkenden. Flüchtlingspolitik ist in Deutschland momentan ein heiß diskutiertes Thema. In Deutschland wurden im Jahr 2015 ca. 800.000 Asylanträge gestellt. Allein 47 % der Antragsteller kamen aus dem Irak, Albanien oder aus Afghanistan. Das Thema Flucht ist allerdings kein neues Thema. Denn Flüchtlinge gab es in Deutschland schon immer. Im Jahr 1992 wurden in Deutschland ca. 440.000 tausend Anträge gestellt. Diese Zahl sorgte damals für eine der schärfsten innenpolitischen Debatten der Bundesrepublik.Flucht war schon immer ein Thema, vor der Flüchtlingskrise 2015 und bevor es den Euro überhaupt gab.

Credit: www.bamf.de

Herr Z. gehört zu den Menschen, welche geflüchtet sind, aus Angst ihre Meinung über die politische Situation frei äußern zu können. Er ist 1953 in Afghanistan geboren und ist in einer wohlbehüteten Familie groß geworden. Mit abgeschlossenem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften entschied er sich dazu in einer staatlichen Werkstatt des Handelsministeriums in der Rechnungswesensabteilung zu arbeiten. Man könnte meinen, dass sich das nach einem ganz normalen Werdegang anhört. Der Gedanke einer Flucht war nicht da, warum auch. Herr Z. hatte Freunde, einen guten Job und eine tolle Familie in Afghanistan. Trotzdem ließ ihn der Gedanke sein Land zu verlassen nicht los. Denn im damaligen Afghanistan hatte man nicht die Freiheit auszusprechen was man über die politische Situation im Land denkt und fühlt.

Wie entstanden überhaupt die Gedanken über eine Flucht?

Die politische Situation hat mich sehr belastet. Ich konnte mich überhaupt nicht damit identifizieren. Ich habe mich nie dazu geäußert was ich denke, dies wäre zur damaligen Zeit auch gefährlich geworden.

Woher kam der Gedanke genau nach Deutschland zu flüchten?

Zur Studienzeit waren drei Dozenten aus Deutschland in Zusammenarbeit an der von mir besuchten Universität. Der Unterricht wurde übersetzt. Man konnte sich eine Vorstellung von diesen Menschen machen. Man konnte Ihnen einfach eine gewisse Freiheit ansehen, sie waren so freundlich und entspannt. Ganz anders als man es zur damaligen Zeit in Afghanistan gewohnt war. Es war eine sehr angespannte Situation. So entstand so langsam der Gedanke den Master Studiengang nach Deutschland zu verlegen. Hinzu kam, dass die damaligen Studiengänge in Deutschland sich sehr interessant angehört haben.

Wann war der Entschluss gefasst endlich Ihre Ideen in die Wirklichkeit zu umzusetzen?

Neun Jahre lang nachdem ich gearbeitet hatte, war der Entschluss im Juni 1984 gefasst. Mit einem Freund war die Idee da und die Vorbereitungen getroffen. Allerdings fand die hundertprozentige Entscheidung einen Tag vor der Flucht um 16:00 Uhr statt. Morgen vor Sonnenaufgang wird das Land verlassen. Erst dann haben wir unsere Eltern darüber informiert. Aus Kabul mit dem normalen Bus durch die Provinzen. Den Rest mussten wir zu Fuß gehen. Drei bis vier Tage dauerte der Fußmarsch an die pakistanische Grenze. Übernachtet wurde mal hier mal dort. Die Menschen, die in den Bergen wohnten, waren sehr gastfreundlich und haben versucht jedem Flüchtling so gut es geht zu helfen.

Wie kam es, dass sie einfach die Grenze nach Pakistan überqueren konnten?

 Die Grenze zu Pakistan im Gebirge war immer offen. Man konnte sozusagen einfach rüber spazieren. Angekommen in Peschawar in Pakistan überlegten wir erstmal was wir machen. Viele Monate verbrachten wir dort illegal. Das Risiko dort arbeiten zu gehen wäre für uns zu groß gewesen. Daher haben uns unsere Familien finanziell unterstützt.

Gab es mal Momente als sie ans Aufgeben gedacht haben?

Die Überlegung zurückzugehen war da. Aber 1985 fast ein Jahr nach der Flucht aus Afghanistan kam die Möglichkeit zu uns. Man hatte uns über Mundpropaganda erzählt, dass es in einer anderen Stadt Schlepper gibt, die einen für Geld nach Deutschland bringen. Daraufhin sind wir in die Stadt Karatschi gereist wo sich auch die Adresse der Schlepper befand.

Sie mussten ganze 5 Monate warten bis Sie die Nachricht erhalten haben, dass Sie nun nach Deutschland konnten. Waren Sie nervös in dieser Zeit?

Natürlich! Man hätte uns jederzeit finden können. Wir haben uns immer sehr vorsichtig in der Öffentlichkeit bewegt. Dazu kam, dass wir uns dort nicht so wohl fühlten wie in Peschawar. Dort wurde unsere Muttersprache wenigstens verstanden. Hier waren wir doch noch ein Stück fremder als vorher.

Wie war es für Sie als Sie erfuhren, dass Sie nach Deutschland fliegen werden?

 Wir hatten unfassbar viel Angst. Wird es klappen, wird es nicht klappen. Man ist einfach so nervös wie man es noch nie zuvor war. Uns wurden vorher Informationen gegeben zu welchem Schalter wir gehen und was wir anschließend mit den Dokumenten machen müssen.

Wie viel mussten Sie den Schleppern bezahlen? Hatten Sie keine Angst, dass Sie Ihr Geld nie wiedersehen?

Das Ganze hat 4000$ gekostet. Das Geld war bei einem Drittmann gelagert, dem beide Parteien vertraut haben. Wenn die Flucht nach Deutschland nicht geklappt hätte, wären Schlepper leer ausgegangen.

In Deutschland angekommen, die gefälschten Dokumente auf der Flugzeugtoilette wie angewiesen heruntergespült, war die Aufregung um so größer. Früher war alles anders wenn Flüchtlinge aus einem anderen Land kamen. Ohne Papiere stellten sich die zwei Freunde bei der Polizei mit richtigen Namen und Geburtsdatum. Sie mussten ganze zwei Tage am Flughafen bleiben und durften das Gebäude nicht verlassen. Mit ihnen im Flugzeug waren sieben weitere Flüchtlinge. Das war und ist nach wie vor typisch und normal. Die Schlepper bezahlen oder kennen Mitarbeiter des Flughafens, welche genau zu diesem Tag arbeiten und die gefälschten Dokumente nicht genauer ansehen. Nach gemeinsamem Aufenthalt in einer Sozialeinrichtung wurden beide in Darmstadt in einer Pension untergebracht. Mit einem Taschengeld von 70 DM im Monat und gestelltem Asylantrag musste man nun einfach abwarten ob man bleiben darf oder nicht. Der Freund von Herr Z. hatte Glück sein Antrag wurde nach 8 Monaten bewilligt. Vier Monate später wurde auch der Antrag von Herr Z. genehmigt. Für beide bedeutete das gleichzeitig einen unbefristeten Aufenthaltstitel zu erhalten. Zuvor durften sich beide nur in Darmstadt frei bewegen. Nach den bewilligten Anträgen sind beide nach München gezogen. Herr Z. hatte in der Zeit Briefkontakt zu seinen Eltern, welche sehr erleichtert waren, dass alles klappte. Seine Dokumente und sein Studium wurden durch eine Prüfung anerkannt. Danach musste er sechs Monate lang in eine sogenannte Übungsfirma. Es wurde zum einen überprüft ob er für die Arbeit wirklich geeignet ist und gleichzeitig wurde er auf die deutsche Arbeitsweise vorbereitet. Eine Woche bevor seine Zeit in der Firma zu Ende ging, kam ein Brief vom Arbeitsamt. Daraufhin hatte er ein Vorstellungsgespräch bei einem renommiertem Verlag Münchens. Seit April 1990 arbeitete er nun in der Rechnungswesen-Abteilung dieses Unternehmens, bis er vor kurzem in Rente ging. Aufgrund des Einreiseverbots nach Afghanistan, welches er erhalten hatte, ist er das erste Mal nach seiner Flucht  2013 in Afghanistan gewesen. Das sind 28 Jahre nachdem er sein Land verlassen hatte um frei zu sein. Frei zu sein in dem was er sagt, denkt und tut.

Dies ist eine Geschichte von vielen, welche uns allen zeigen sollte, dass das Schimpfen über unser Land und die Flüchtlinge mehr als überflüssig ist. Flüchtlinge sollen nicht gleich mit etwas Negativem assoziiert werden. Es gibt sehr wohl auch viele erfolgreiche und schöne Integrationsgeschichten. Flucht ist nichts neues, Flüchtende gab es schon immer und es wird sie auch immer geben. Nur wie wir zu ihnen stehen bleibt uns selbst überlassen.

Julia Leila Fischer

Quelle:

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/asylbewerber-zahlen-der-hoechststand-der-neunziger-jahre-ist-laengst-ueberschritten-13756692.html

Categories: Allgemein, Bildung, Politik

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