Obwohl Olga Kholodnaya seit Jahren von ihrer Musik leben kann, musizieren sie und ihr Partner Marino Colina regelmäßig auf der Straße. In einem persönlichen Interview erklärt mir Olga ihre Beweggründe – und lässt mich eintauchen in die faszinierende Welt der Straßenmusik. 

Ihre Töne untermalen spielerisch die verschwimmenden Unterhaltungen der Passanten – Straßenmusiker sind der Bestandteil einer jeden Einkaufsstraße, nicht nur in deutschen Großstädten.
Doch sind es ausschließlich Amateure, die in Instrumentenkoffern um Spenden für ihre musikalische Darbietung bitten? Und wenn ja, streben sie alle nach der großen Karriere?
Ich habe eine von ihnen getroffen und erfahren, was sich wirklich hinter der „Faszination Straßenmusik“ verbirgt.

 

„Meine Musik und die Familie sind mein Lebensinhalt“
Es ist ein kalter Novembertag, als ich Olga Kholodnaya auf dem Viktualienmarkt kennenlerne. Ihre klassische Musik dringt durch die Menge herumstehender Leute zu mir. Trotz der Kälte trägt die Geigenspielerin nur eine dünne Jeansjacke über ihrem gelben Pullover und einen schwarzen Rock. Schlechtes Wetter erschwert zwar das Musizieren, wird sie mir später erzählen, aber das hält sie nicht davon ab, ihrer Passion zu folgen.

Olga Kholodnaya mit ihrem Mann Marino Colina Bildquelle: © 2019 by GrooveStrasse

Olga ist gebürtige Russin. In München aufgewachsen, verbringt sie einige Zeit ihres Lebens in Paris und Berlin. Ihre Liebe zur Musik entdeckt sie bereits im Vorschulalter: „Ich wollte schon immer Geige spielen. Mit fünf wusste ich es schon ganz genau. Meine Eltern sind Softwareentwickler und haben mit Musik nichts am Hut. Es war ganz allein mein Wunsch, Musik zu machen und Geige zu spielen.“
Im Alter von zwölf Jahren beginnt Olga Musik an einer Hochschule zu studieren.
Durch den Kontakt mit anderen Studenten, wird sie zum ersten Mal auf das Thema Straßenmusik aufmerksam. Doch erst, als ein Student im Urlaub ist, und sie gebeten wird, für diesen einzuspringen, traut sich Olga selbst auf die Straße. „Ich hatte Angst“, gesteht sie. Aber alles kommt ganz anders: „Ich hätte nie gedacht, dass es so gut bei den Leuten ankommt“. Der Erfolg beflügelt die junge Musikerin, sodass sie schon bald eine eigene Gruppe gründet. „Es hat von Anfang an funktioniert“.

 

„So wie in anderen Berufen und Jobs gibt es schwierige Tage“
Obgleich Olgas Erfahrungen überwiegend positiv sind, begegnet auch sie bald den schwierigen Momenten im Leben eines Straßenmusikers.
In Deutschland gilt Straßenmusik als eine „Sondernutzung“ und unterliegt daher regional unterschiedlichen Auflagen: In München etwa muss neben der zu zahlenden Gebühr von 10€, auch das musikalische Talent durch das Vorspielen in der Stadtinformation unter Beweis gestellt werden, wohingegen in Hannover das Stellen eines Antrags genügt. Zudem gilt in beiden Städten ein regelmäßiger Ortswechsel als Voraussetzung.
Doch auch entfernt von diesen Vorgaben kann man als Straßenmusiker schnell die Motivation verlieren. „Ich glaube, so wie in anderen Berufen und Jobs gibt es schwierige Tage“, bemerkt Olga. Sie erklärt mir, dass sie sich in solchen Momenten auf die Suche nach neuer Inspiration begibt und andere Stücke lernt. „Dann bin ich zurück bei Laune.“
Das Sprungbrett für die großen Karriere
Aber was genau möchten Straßenmusiker eigentlich erreichen?
Viele international erfolgreiche Musiker, wie Ed Sheeran oder der unter dem Namen „Passenger“ bekannte Michael David Rosenberg, begannen ihre Karriere als Straßenmusiker. Doch dienen diese wirklich allen als Vorbilder?
Olga meint, Erfolg sei eine Konsequenz der Straßenmusik, jedoch nicht zwangsweise die Erwartung oder der Wunsch aller Musiker. Es besteht immer die Möglichkeit, auf der Straße entdeckt zu werden, eine Garantie gibt es jedoch nie. Somit werden auch immer Musiker auf öffentlichen Plätzen spielen, die einst den Traum von der großen Bühne geträumt, ihn jedoch nie erreicht haben.
Und trotzdem frage ich mich, ob heutzutage Castingshows oder YouTube nicht den zeitgemäßeren Weg zum Erfolg darstellen. Olga gibt zu, dass zurzeit keine Castingshow ihr Interesse weckt. Dennoch veröffentlicht auch sie Videos auf YouTube, die bis zu 500.000 Aufrufe erreichen. „Aber ich spiele einfach viel lieber als Videos zu drehen. Ich habe sehr gerne Kontakt mit Menschen“, fügt sie dem hinzu.
„Straßenmusik ist so extravagant“
In dieser Nähe zu den Mitmenschen liegt die große Besonderheit der Straßenmusik. Olga erklärt mir, dass sich Straßenmusiker untereinander oftmals kennen. Die Chance auf viele interessante Begegnungen ergibt sich zudem durch das Musizieren in unterschiedlichen Ländern: „Ich war nicht nur in ganz Deutschland“, berichtet sie, „Sondern schon auf der ganzen Welt.“
Dass sich aus solchen Kontakten etwas Größeres ergeben kann, erlebt Olga vor einigen Jahren jedoch überraschend in Deutschland: „In Berlin unter der Brücke am Alexanderplatz habe ich den Schlagzeuger Marino Colina kennengelernt. Er ist der beste Schlagzeuger der Welt, ein toller Musiker und ein wunderbarer Mensch. Seitdem spielen wir zusammen. Mittlerweile sind wir verheiratet und haben drei Kinder.“

„Olga Show“ in der Berliner Philharmonie Bildquelle: © 2019 by GrooveStrasse

Olga kann inzwischen von der Musik leben, spielt gemeinsam mit ihrem Partner unter dem Namen „Olga Show“ auf Festivals sowie in Philharmonien rhythmische Stücke in der Kombination Violine und Schlagzeug. Auf der Straße hingegen genießt sie die Freiheit, zwischen unterschiedlichen Musikrichtungen wechseln zu können. Zurzeit produziert sie ihre dritte CD, zu der sie auf Reisen in die Türkei, nach Georgien und Aserbaidschan inspiriert wurde. Straßenmusik will sie jedoch weiterhin verfolgen.
Straßenmusik – Mehr als nur eine Faszination
Abschließend lässt sich sagen, dass wohl jeder Musiker eine andere Intention hat, auf der Straße zu musizieren. Sei es die Nähe zu den Passanten, die Variabilität der Musikrichtung oder doch der Traum von der großen Bühne.
Olga hat mir vor Augen geführt, das hinter der Straßenmusik so viel mehr steckt als die bloße Idee, auf diese Weise berühmt zu werden. Doch egal, ob die Straße für den einzelnen Musiker nun ein Auffangbecken oder ein Sprungbrett darstellt – jeder von ihnen verbreitet sie; diese „Faszination Straßenmusik“.

Bildquelle Titelbild: © 2019 by GrooveStrasse

Categories: Allgemein, Musik

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