„Ich bin der Typ von Frau, an dem garnichts ist.
Nach mir dreht man sich nicht um.
Man sagt mir oft, dass ich aussehe wie jemand anderes.“

Das erste Mal in meinem Leben stand ich auf einer Theaterbühne und gab einen meiner Theatermonloge zum Besten. Vor mir saßen nicht ein paar Hundert Zuschauer, die das Stück genießen. Nein. Vor mir thronten acht Juroren auf den gepolsterten Sesseln eines Theaters in Wien. Ganz ehrlich! Ein paar hundert Zuschauer, die sich berieseln lassen, wären mir heute lieber gewesen. Aber so weit war ich leider noch nicht. Im Gegenteil ich stand ganz am Anfang.

Jedes Jahr sprechen bis zu 500 Nachwuchsschauschauspieler vor, um einen der heiß umkämpften Studienplätze am Max Reinhardt Seminar zu ergattern. Wer an diesem Institut genommen wird, lernt innerhalb von vier Jahren was ein Schauspieler können muss. Kaum eine deutschsprachige Schule hat so viele Schauspiellegenden hervorgeholt wie diese. Dazu zählen Christoph Walz, Christiane Hörbiger und viele weitere großartige Schauspieler, die bis heute Kinosäle füllen.

Die meisten jungen Leute, die mit mir an diesem Tag vor dem Schlosstheater Schönbrunn in Wien stehen und die Zeit totschlagen bis sie endlich an die Reihe kommen, bereiten sich meist jahrelang auf dies Tag vor. Einige von ihnen kennen sich bereits, schließen sich in die Arme und tauschen sich aus. Für viele ist es das achte oder neunte Vorsprechen in diesem Jahr.

Auch die beiden jungen Männer in meiner Nähe scheinen schon in einigen Städten vorgesprochen zu haben. Sie erzählen von den Dozenten, den langen Reisen mit dem Flixbus von Stadt zu Stadt, den Absagen und den Kritiken die sie in den letzten Monaten einstecken mussten. Um so länger ich zuhörte, um so mehr wurde mir klar, wie groß meine Konkurrenz hier ist und wie meine Chancen langsam in den Keller rutschten. Denn ich gehöre leider nicht zu denjenigen, die sich Stundenlang in das Residenztheater setzten und sich Monologe von Shakespeare und Co reinziehen. Nein ich war hier, weil ich durch Zufall eine Rolle bei einer Serie des Bayerischen Rundfunks ergattert hatte und der Regisseure mich darauf aufmerksam machte hier vorzusprechen.

Ich hätte einfach weglaufen können…. Rein in die U-Bahn und ab in die Innenstadt, wo ein Gläschen Weißwein auf mich wartete. Doch so weit kam ich nicht, ein paar der Schüler aus dem dritten Jahrgang brachten einen Teil von uns zum Max Reinhard Institut auf der anderen Straßenseite, wo parallel vorgesprochen wurde, da es an diesem Tag so viele Bewerber gab.
Ein altes wunderschönes Gebäude mit einem großen Garten. Wer bereits sein Talent unter Beweis gestellt hatte, saß dort auf der Wiese, rauchte eine Zigarette oder sammelte einfach ein wenig Vitamin D. In der Eingangshalle wurde es ruhiger, hier hielten sich die Leute auf, die kurz davor waren vorzusprechen. Viele von ihnen hatten Requisiten wie Flaschen oder einen Besen dabei, andere einen großen Koffer, da sie vermutlich gleich weiter fuhren, wenn sie es nicht in die zweite Runde von insgesamt drei Runden schaffen sollten.

Meine Startnummer ließ mich noch eine Zeitlang warten, weswegen ich mich auf ein Fensterbrett hinter einen Vorhang setzte, um niemand mehr sehen zu müssen. Sobald die Nummer vor der Meinigen aufgerufen wurde, war mein Kopf leer und meine Hände nass. Mein Monolog entfiel mir und vermutlich hätte ich in diesem Moment nicht einmal gewusst, wie ich hier hergekommen bin. Trotz allem wollte ich es einfach nur hinter mich bringen.
Ich betrat einen dunklen Raum der mit einer kleinen Bühne ausgestattet war. Im Publikum saßen sechs Dozenten. Einer von ihnen wies mich zurück als ich einen Schritt Richtung Bühne machen wollte. „Erzählen Sie uns erst einmal von sich“, sagte er mit einer angenehmen warmen Stimme die, seine Heimatstadt Wien verriet. Was ich erzählte, könnte ich heute nicht wieder geben, aber es schien ihnen zu gefallen. Jedenfalls glaubte ich das, denn sie schmunzelten und eine lachte sogar herzlich. Die Kommission machte einige Notizen und schickte mich anschließend auf die Bühne. Ich startete mit meinem ersten Monolog. Es war eine Katastrophe weswegen ich vermutlich schon nach ein paar Sekunden unterbrochen wurde.
„Sie kommen aus Bayern?“, fragte mich eine der Damen. Anstatt eine Antwort zu geben, nickte ich nur. „Könnten Sie noch einmal beginnen? Aber bitte in Ihrem Heimatdialekt?“.
Ich begann, wurde aber schon nach kurzer Zeit wieder unterbrochen und nach draußen geschickt, wo ich mich ebenfalls in die Wiese legt und mir eine anzündetet.

Bis der Zettel mit dem Namen derjenigen am schwarzen Brett hing, die in die zweite Runde kamen, verging viel Zeit, die ich mit allen Prüflingen auf der Wiese verbrachte. Bei allen verlief das Vorsprechen sehr unterschiedlich und individuell. 30 von uns kamen an diesem Tag weiter. Ich war eine von Ihnen.

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