Mit ihrer beeindruckenden Formenvielfalt locken die Dolomiten jedes Jahr Wanderer aus
aller Welt an – so auch meinen Vater und mich. Es sollte ein Abendteuer werden, das uns
auf die Probe stellt und neue Erfahrungen sammeln lässt. Eine Erzählung von verlorenen
Schirmen und gewonnenen Erkenntnissen.

Forcella de Ciampei

Abbildung 1: Auf der Forcella de Ciampei mit Blick auf die Puezgruppe (rechts) © Lukas Schmidt

Riffe und kantige Gipfel, Pfeiler und felsige Türme, sowie Hochebenen und steinige Plateaus prägen eine der imposantesten Berglandschaften der Südalpen – die Dolomiten. Bergformationen wie die Marmolata, der Rosengarten oder die drei Zinnen bilden ein eindrucksvolles Panorama und sind charakteristisch für eine der schönsten Bergwelten Norditaliens. Mit seiner beeindruckenden Formenvielfalt lockt das Weltnaturerbe jedes Jahr Wanderer und Kletterer aus aller Welt an – so auch meinen Vater und mich. Angetan von der Herausforderung entschlossen wir uns dazu, an einer geführten Wanderung durch die Dolomiten teilzunehmen. Mit zehn Kilogramm Marschgepäck ging es Anfang September letzten Jahres sieben Tage lang auf dem sog. alta via nr. 2 auf zum Teil schmalsten Trampelpfaden über Hochebenen, Zinnen und Gipfel. Dabei führte Bergführer Franz unserer Gruppe von St. Ulrich aus rund 80 Kilometer weit und auf einer Höhe von bis zu 3.152 Metern nach St. Martin am Sismunthbach. Abenteuer, wie dieses, halten viele neue Eindrücke und Erfahrungen bereit. Herausforderungen warten hinter jeder Kurve und bieten Nährboden für neue Erkenntnisse.

Durchhalten, auch wenn die Aussicht fehlt!

Sas Ciampac (2.672 m) © Lukas Schmidt

Abbildung 2: Mit ersehntem Sonnenschein auf dem Abstieg vom Sas Ciampac (2.672 m) © Lukas Schmidt

Anfang September verhält sich das Wetter in höheren Lagen der Alpen oft wechselhaft. Und so gerieten wir unerwartet in ein schweres Unwetter. Starker Regen, heftige Windböen, Nebel und Gewitter erschwerten das Wandern. Der Geröllboden war rutschig, die Sicht beschränkt und durch die Windböen verloren wir einen Teil unserer Regenschirme. Die Kälte und das Gewitter drückten auf das Gemüt. Ohne eine Aussicht auf Besserung kämpften wir uns in Richtung Puez-Hütte vor. Durchhaltevermögen und Geduld waren gefragt, in der Hoffnung, möglichst bald im Warmen und Trockenen zu sitzen. Als Kontrastprogramm bot sich uns am Nachmittag bei bestem Wetter eine atemberaubende Aussicht vom Gipfel Sas Ciampac sowie ein entspannter Abstieg zum Rifugio Frara, unserer Unterkunft. Mag die Situation also noch so aussichtslos erscheinen, sei garantiert, es wird wieder schönes Wetter folgen. Durchhalten!

Schritt für Schritt kommt man ans Ziel!

Piz Boè © Lukas Schmidt

Abbildung 3: Blick auf den Piz Boè (rot), mit einer Höhe von 3.152 Metern der höchste Gipfel der Sellagruppe © Lukas Schmidt

Ein Motto, das sich die gesamte Tour über durchzog, war: „Gehst du langsam, gehst du gut! Gehst du gut, gehst du weit!“ Kleine Schritte für mehr Sicherheit und ein geringes Tempo für die Ausdauer ermöglichten uns am dritten Tag trotz einer langen Tagesetappe einen außerplanmäßigen Aufstieg auf den Gipfel des Piz Boè, auf eine Höhe von 3.152 Metern. Auch am sechsten Tag ließ sich die schwerste Etappe mit einer Länge von 20 Kilometern und einem Auf- und Abstieg von insgesamt 2.350 Höhenmetern Schritt für Schritt bezwingen. Anfangs wirkte die Etappe vom Passo di Valles über den Passo Rolle zur Unterkunft Refugio Rosetta unbezwingbar und auch während einiger Passagen stellte sich oft die Frage: „Wie soll man da denn hochkommen?!“ Doch letztendlich gab es immer einen Weg, den es nur langsam und konzentriert zu beschreiten galt, bis das Ziel endlich erreicht war. Mag eine Aufgabe also noch so unmöglich erscheinen, führen kleine Schritte letzten Endes sicher zum Ziel!

Dein zukünftiges Ich wird es dir danken!

Hochebene Pale © Lukas Schmidt

Abbildung 4: Ausblick von der Rosetta (2.743 m) auf den Sonnenaufgang über der Hochebene Pale © Lukas Schmidt

Am Abend des sechsten Tages kam die Idee auf, früh morgens auf die Rosetta zu wandern, um vom Gipfel aus, den Sonnenaufgang über der Pale-Hochebene zu erleben. Die Erschöpfung durch die Anstrengungen der vergangenen Woche und die wenigen Stunden Schlaf der letzten Nächte, ließen an der Durchführbarkeit zweifeln. Nach längerem Grübeln waren Wecker gestellt und Rucksäcke gepackt. Um 5.30 Uhr galt es erneut, den eigenen Schweinehund zu überwinden und einen Weg aus dem warmen Schlafsack in noch feuchte Schuhe und Wanderkleidung zu finden, um bei Mondlicht einen Berg zu erklimmen. Nach rund einer Stunde Wartens in der Kälte ging langsam die Sonne auf und tauchte die umliegenden Gipfel in ein Licht aus Orange und Rot. Berührt vom Anblick und der Einzigartigkeit dieses Moments, war ich meinem vergangenen Selbst für diese Gelegenheit überaus dankbar. Mag der innere Schweinehund auch noch so oft im Weg stehen, wird dir dein zukünftiges Ich die Überwindung danken!

Fazit

Passo Rolle © Lukas Schmidt

Abbildung 5: Kurze Pause vor dem letzten Anstieg zur Rosetta Hütte (2.581 m) mit Blick auf den Passo Rolle © Lukas Schmidt

Zu Beginn dieser Reise habe ich mir erhofft, neue Herausforderungen zu meistern, an meine Grenzen zu gehen und letztendlich etwas Entspannung zu finden. Doch die Tour hielt mehr für mich bereit als erwartet. Neue Eindrücke und Erkenntnis, die prägen und verändern sollten. Ich habe mir vorgenommen auch in Zukunft diese neu gewonnenen Weisheiten zu nutzen und in schwierigen Situationen entspannt zu bleiben, Ziele Schritt für Schritt zu erarbeiten sowie einmal mehr über meinen Schatten zu springen.
In Aussicht stehen bereits weitere Touren des Anbieters OASE Alpin, wie die Alpentransversale mit Beginn am Königssee oder die Rosengarten-Tour in den Dolomiten. Neue Herausforderungen mit neuen Erfahrungen und hoffentlich neuen Erkenntnissen, die darauf warten gemeistert zu werden.

 

Autor: Lukas Schmidt

Categories: Allgemein

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