Jeder weiß, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird. Doch kaum jemand macht sich Gedanken über die Umweltverträglichkeit von Mode. Warum man das tun sollte? Die Textilindustrie verursacht mehr CO2-Emmissionen als Flug- und Schiffsverkehr zusammen. Die Lösung? Bietet eine Firma aus Österreich.

Der Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch hat erstmals eine Diskussion über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilbranche ausgelöst. Seitdem ist der Welt klar, dass an massentauglicher Fast-Fashion-Mode Blut haftet. Was dagegen wenigen bewusst ist: die herkömmliche Modeindustrie ist der zweitgrößte Umweltverschmutzer weltweit, noch vor dem gesamten Flug- und Schiffsverkehr. Nur die Öl-Industrie ist eine noch „dreckigere“ Branche. Mehr als 1,2 Billionen Tonnen CO2 werden jährlich ausgestoßen, um monatlich neue Kollektionen der Fashion-Giganten zu produzieren. Dazu kommt ein immenser Wasserverbrauch, vor allem bei der Produktion von Baumwolle und der Einsatz von schädlichen Pestiziden und giftigen Chemikalien. Das alles für Kleidungsstücke, von denen ein Fünftel laut Greenpeace praktisch nie oder sehr selten getragen wird. Aber klar, Mode kostet fast nichts, ist schnell gekauft und ebenso schnell wieder aussortiert – „Fast“ Fashion eben.

 

 

 

 

 

 

Fair-Fashion setzt neue Maßstäbe

Besser macht es da die „Fair-Fashion“-Branche, die mit Begriffen wie „Slow Fashion“ und interessanten sozialen Konzepten einen Gegenpool zur schnellen Mode bildet. Nicht nur durch soziales Engagement profilieren sich die Unternehmen, auch beim Thema Nachhaltigkeit werden neue Maßstäbe gesetzt. Natürlich produzieren nicht alle fairen Unternehmen nachhaltig und nicht alle nachhaltigen Unternehmen fair. Doch denkt man das Konzept zu Ende, kann beides nur gemeinsam funktionieren.

Firma Lenzing als Zukunftsweiser

Anstatt sich auf Biobaumwolle oder recyceltes Polyester zu verlassen, greifen die oftmals jungen Labels mehr und mehr auf ein bisher unbekanntes Material zurück. Lyocell heißt die neue Wunderwaffe der Textilwelt. Begibt man sich auf die Suche nach der Herkunft der Textilie, kommt man an einer Firma nicht vorbei: zwischen Salzburg und Linz liegt im österreichischen Lenzing die gleichnamige Firma Lenzing AG. Obwohl in dem Viskosewerk bereits vor dem zweiten Weltkrieg klassische Viskose hergestellt wurde, stellte man erst in den 1970er Jahren fest, welche Umweltverschmutzung damit einhergeht. Denn auch wenn Viskose zum Großteil aus Zellulose und damit aus Holzfasern besteht, ist der Stoff alles andere als umweltfreundlich. Bei der Verarbeitung werden der Zellulose neben Wasser auch Schwefelkohlenstoff und Natronlauge in großem Mengen zugefügt. Diese Chemikalien gelangen bei der Viskoseproduktion in flüssiger Form oder als giftige Dämpfe in die Natur und belasten die Umwelt erheblich. Lenzing versuchte durch Abluft- und Abwassereinigungsanlagen das Problem zu lösen und bewegte sich durch neue Produktionsmöglichkeiten immer mehr Richtung nachhaltiger Produktion von Viskose-Stoffen. Doch erst als das weltweit agierende Unternehmen Ende der 1980er Jahre auf die Lyocell-Technologie stieß, konnte in einem innovativen Verfahren eine umweltfreundliche Textilie hergestellt werden.

Lyocell revolutioniert die Textilindustrie


 

 

 

 

 

 

Die Lyocellfasern werden in einem nahezu geschlossenen Herstellungskreislauf produziert.

Der Ausgangsstoff für Lyocell ist genauso wie bei Viskose Holz, das zu Zellstoff verarbeitet und mit Wasser und Lösemitteln zu einem Brei vermischt wird. Jedoch sind die bei Lyocell verwendeten Lösungsmittel ungiftig, biologisch abbaubar und zu mehr als 99 % wiederverwendbar. Der nicht mehr verwendbare Rest kann unkompliziert in Kläranlagen abgebaut werden. Der Zellstoffmasse wird anschließend durch Erhitzen das Wasser entzogen, sodass sich die Zellulose löst und eine sogenannte „Spinnlösung“ entsteht. Diese wird durch Spinndüsen gepresst, dann entstehen in einem Spinnbad die Lyocellfasern, aus denen Garn und schließlich der fertige Stoff hergestellt werden. Der nachhaltige Prozess der Faserherstellung wurde bereits im Jahr 2000 mit dem „European Award for the Environment“ der EU ausgezeichnet. Lenzing arbeitet in einem geschlossen Herstellungskreislauf, fast ohne Abfallstoffe. Das als Ausgangsprodukt für Lyocell verwendete Holz stammt ausschließlich aus nachhaltig bewirtschafteter Forstwirtschaft. Außerdem sind Lenzings Lyocellstoffe – durch den Aufkauf eines Konkurrenzunternehmens seit 2004 unter dem Markennamen Tencel bekannt – vollständig kompostierbar. Die Fasern kommen in allen Bereichen der Textilindustrie zum Einsatz. Neben den ökologischen Aspekten kann der Stoff auch durch seine Eigenschaften punkten. So nimmt er etwa 50 % mehr Feuchtigkeit auf als Baumwolle und ist gut für Allergiker geeignet. Auf dem Markt kann kaum ein anderes Material in punkto Nachhaltigkeit und Tragekomfort mit Tencel mithalten.

Einsatz von Tencel beim Dessous-Label Coco Malou

Das hat auch Corinna Borucki überzeugt. Für ihr nachhaltiges Unterwäschelabel Coco Malou war sie lange auf der Suche nach dem besten Material für Wäsche. Nach einiger Recherche stieß sie auf Tencel. Vor allem für das Tragegefühl und die ökologischen Eigenschaften konnte sie sich schnell begeistern. Als Vorteile von Tencel gegenüber anderen Materialen sieht Borucki, neben dem umweltfreundlichen closed-loop-Verfahren, die bakterienmindernde und Feuchtigkeit abtransportierende Eigenschaft Tencels. Dadurch ist der Textilstoff sehr hautfreundlich und besonders gut für Unterwäsche und Dessous geeignet. Etwas, das wohl auch ihre Kundinnen so sehen. Ausschließlich sehr positives Feedback bekommt Borucki zum Material ihrer Produkte. Besonders gelobt wird die weiche und glatte Haptik sowie das luftig-leichte Tragegefühl.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Corinna Borucki nutzt als Material für die Produkte ihres Labels Coco Malou ausschließlich Tencel.

Obwohl es durchaus noch mehr vielversprechende Textilmaterialen gibt, sieht Corinna Borucki Tencel als wegweisende Zukunftstextilie, aufgrund des guten Ertrags pro Fläche, besonders im Vergleich zu Baumwolle. Der einzige Nachteil des Materials? – der Preis. Kleidungsstücke aus Tencel kosten merklich mehr als die jeweiligen Pendants aus Biobaumwolle. Doch Corinna Borucki kann sich vorstellen, dass mit einer höheren Nachfrage und der damit einhergehenden größeren Produktionsmenge auch der Preis sinkt. In Anbetracht der ungeheuren Umweltverschmutzung in der Modeindustrie bleibt nur zu hoffen, dass sie Recht behält und sich eine der wenigen nachhaltigen Textilien langfristig durchsetzen kann.

Katinka Bruckmeier

 

Bildquellenverzeichnis:

Abbildung 1 / Titelbild: https://www.lenzing.com/de/newsroom/bildarchiv/browsepage/3, Copyright: Lenzing AG, Fotograf: Richard Ramos

Abbildung 2: https://www.lenzing.com/de/newsroom/bildarchiv/browsepage, Copyright: Lenzing AG, Fotograf: Markus Renner / Electric Arts

Abbildung 3: https://www.coco-malou.com/pages/presse, Copyright: Coco Malou Textil UG / Corinna Borucki

Textquellenverzeichnis:

Beekmann, Sarah (24. November 2018): Viskose: Eigenschaften und Nachhaltigkeit der Kunstseide, in: https://utopia.de/ratgeber/viskose-eigenschaften-und-nachhaltigkeit-der-kunstseide/ (aufgerufen am 26.04.2020).

Klein, Hanna (27.07.2019): Schlimmer als Kreuzfahrten: Mode-Wahnsinn zerstört Umwelt – wie wir das ändern, in: https://www.focus.de/perspektiven/nachhaltigkeit/nachhaltiger-leben/nachhaltigkeit-mode-wahnsinn-zerstoert-umwelt-wie-wir-das-aendern_id_10964545.html (aufgerufen am 27.04.2020).

Mayer, Sophie (08.02.2016): Die Zukunftsfaser Tencel, in: https://www.greenality.de/blog/die-zukunftsfaser-tencel/ (aufgerufen am 17.03.2020)

Naumann, Martina (28.07.2019): Tencel: Das ist das Besondere an diesem Stoff, in: https://utopia.de/ratgeber/tencel-das-ist-das-besondere-an-diesem-stoff/ (aufgerufen am 17.03.2020).

Uhl, Franziska  (09.08.2018): Let´s talk about TEXtiles: regenerative Cellulosefasern aka Viskose, Bambus,Modal und was ihr noch so kennt., in: https://unpetitsourireslowsdown.com/2018/08/09/lets-talk-about-textiles-regenerative-cellulosefasern-aka-viskose-bambusmodal-und-was-ihr-noch-so-kennt-fairfashion/ (aufgerufen am 17.03.2020).

Wahnbaeck, Carolin und Groth, Hanno (11/2015): Wegwerfware Kleidung in https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf (aufgerufen am 24.04.2020):

Firmenwebsite Lenzing: https://www.lenzing.com/de/ (zuletzt aufgerufen am 27.04.2020).

 

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