Es ist eine psychische Krankheit, die oft erst spät erkannt wird: Depression. Aber darüber gesprochen wird selten, auch von Betroffenen. Dabei könnte mehr Offenheit dazu beitragen, dass die Diagnose früher gestellt werden kann und damit auch die richtige Behandlung möglich wird. Eine persönliche Auseinandersetzung mit einer häufig unterschätzten Krankheit.

HINWEIS: In diesem Artikel wird das Thema Selbstverletzung erwähnt. Wer nicht unmittelbar mit diesem sehr sensiblen Thema konfrontiert werden möchte, sich aber dennoch für den Rest des Artikels interessiert, überspringt den Abschnitt „Ein Gefühl ohne Namen“.

Depression – Zahlen, Daten, Fakten

Nach einer Schätzung der WHO waren 2017 ca. 4,1 Millionen Menschen in Deutschland an einer Depression erkrankt. Das sind 5,2 % der in unserem Land lebenden Bevölkerung. Weltweit waren es 300 Millionen Menschen, man muss aber davon ausgehen, dass es hohe Dunkelziffern gibt.
Depression ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern. Die vielen unterschiedlichen Symptome und Ausprägungen machen die Diagnose schwierig, sodass sie oft erst nach Jahren erkannt beziehungsweise richtig diagnostiziert wird. Die Symptome können neben gedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit und Verlust des Interesses an Freizeitbeschäftigungen und sozialen Aktivitäten Konzentrations- und Schlafstörungen und ein geringes Selbstwertgefühl sein. Es kann zu Gewichtszu- oder Abnahme kommen und im schlimmsten Fall entwickeln sich Suizidgedanken. Wenn diese Symptome nicht von selbst wieder verschwinden und länger als zwei Wochen andauern (Suizidgedanken ausgenommen, hier muss sofort gehandelt werden!), beginnt man, von einer Depression zu sprechen.
Es gibt verschiedene Varianten mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen, zum Beispiel die unipolare oder bipolare Depression oder die Dysthymie. (Weitere Informationen zu den verschiedenen Krankheitsverläufen findet ihr hier.)
Die Ursachen für eine Depression und die genauen Abläufe sind immer noch nicht komplett erforscht, mittlerweile geht man aber davon aus, dass es neben äußeren Faktoren auch eine genetische Veranlagung gibt, die eine Erkrankung begünstigt. Behandlungsmöglichkeiten gibt es aber durchaus: je nachdem, wie schwer die Erkrankung ist, kann bereits eine Psychotherapie allein ausreichend sein. Ergänzend können auch Medikamente helfen, den durch die Krankheit veränderten Hormonspiegel wieder auszugleichen.

Foto: Timon Studler, Unsplash

Ein Gefühl ohne Namen

Wann es angefangen hat, weiß ich nicht mehr, denn es war eine schleichende Veränderung. Irgendwann hatte ich ständig dieses Gefühl. Eigentlich war es eher ein Nicht-Gefühl. Es war eine Mischung aus Leere, Resignation und Antriebslosigkeit. Manchmal war es, als würde ich mich selbst beobachten, anstatt aktiv zu handeln. In der Schule funktionierte ich, auch wenn meine Leistungen immer schlechter wurden, aber wenn ich nach Hause kam, war keine Energie mehr übrig und ich wollte nur noch schlafen. Meine Freizeit aktiv zu gestalten, mich mit Freunden zu treffen oder überhaupt etwas zu machen, fühlte sich grenzenlos anstrengend an. Ich war nie der extrovertierte Typ, aber in dieser Zeit habe ich mich noch mehr zurückgezogen. Gleichzeitig war ich in Unterhaltungen leicht reizbar und meine Reaktionen oft zynisch.

Leere ist manchmal schwerer auszuhalten als alles andere. Um irgendetwas zu fühlen, habe ich damals zum ersten und einzigen Mal versucht, mich zu ritzen. Der Schnitt ging zu tief und musste im Krankenhaus genäht werden, die Narbe erinnert mich bis heute daran. In diesem Moment habe ich Angst vor mir selbst bekommen, denn ich hatte keine Kontrolle mehr über mich selbst, sondern wurde von meiner Krankheit (die ich damals noch nicht als solche bezeichnen konnte) kontrolliert. Ich selbst hatte mehr das Gefühl, diesen Moment als Außenstehende beobachten, anstatt selbst zu handeln. Es war ein Kontrollverlust, der mich gleichzeitig aufgerüttelt hat. Denn es gibt professionelle Hilfe und Einrichtungen, an die man sich wenden kann.

Die Diagnose

Zu meiner großen Erleichterung musste ich mich nicht sofort für mehrere Wochen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen („Ich bin doch kein Fall für die Klapse!“), denn es gibt auch ambulante Angebote und einige Einrichtungen haben sich sogar, wie in meinem Fall, auf
Jugendliche spezialisiert. Nach mehreren Gesprächen mit meiner Ärztin und einigen Fragebögen bekam ich die Diagnose: Depression. In diesem Moment fühlte ich mich unendlich erleichtert, denn ich hatte endlich einen Namen und eine Erklärung für diese Mischung aus Leere und Verzweiflung in mir. Das wichtigste war aber die Tatsache, dass es Behandlungsmöglichkeiten gibt. Auch für meine Eltern ist dadurch vermutlich einiges, wenn auch nicht alles, einfacher geworden. Sie hatten zuvor immer wieder versucht, mich aufzumuntern, mir zuzuhören oder mich zu Spaziergängen aus dem Haus zu locken. Ein weiterer Versuch war die scheinbar auch recht weit verbreitete Selbstmedikation mit Johanniskraut. Solche Präparate sind in jedem Drogeriemarkt erhältlich und wirken stimmungsaufhellend. Bei einer Depression helfen sie aber auf Dauer nicht weiter. Das kann und möchte ich meinen Eltern aber nicht vorwerfen, denn sie wussten genauso wenig wie ich, was der beste Umgang mit einer Depression ist. Vor allem, wenn man dafür noch keinen Namen hat. Bei der Suche nach einer geeigneten Behandlung haben sie mich sehr unterstützt, wofür ich ihnen sehr dankbar bin.

Selbstwahrnehmung und Schubladendenken

Ich habe festgestellt, dass es mich eine riesige Überwindung kostet, über das Thema Depression zu sprechen. Beim Schreiben dieses Artikels ist mir klar geworden, dass ich mich selbst in Schubladen stecke. Diesen Schubladen verleihe ich gerne eine gewisse Allgemeingültigkeit, die
sie vermutlich gar nicht haben. Vielleicht ist der Grund dafür, dass so wenig über psychische Krankheiten gesprochen wird. Dadurch entsteht viel Raum für Spekulation: „Was wäre, wenn…?“ Vermutlich gehe ich härter mit mir ins Gericht, als die Menschen um mich herum. Damit trage ich selbst zu dem Problem bei, das es mir so schwer macht. Für mich ist das ein weiterer Grund, genau darüber zu sprechen und stelle euch hier meine ganz persönliche Interpretation gewisser Vorurteile und Stigmata vor, die sich vor allem in meiner Selbstwahrnehmung hartnäckig halten:

  1. Gesellschaftlicher Druck. Reiß dich zusammen. Hab dich nicht so. Die anderen bekommen ihren Alltag auch geregelt, das ist doch nicht so schwer. Stell dich nicht so an. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der wir zu jeder Zeit alles geben müssen. Mit einer Depression geht das nicht, denn diese Krankheit ist nicht sichtbar, anders als zum Beispiel ein gebrochener Arm. Während dieser aber nach mehreren Wochen in der Regel verheilt ist, verschwindet eine Depression nicht immer oder es besteht die Gefahr von Rückfällen. Bei der Jobsuche entsteht dabei schnell die Sorge, als weniger belastbar als andere Bewerber wahrgenommen zu werden.
  2. Ich bin doch nicht krank. Unter anderem habe ich vermutlich deswegen so lange gebraucht, mir Unterstützung zu suchen, weil ich mir selbst nicht eingestehen wollte, dass etwas nicht stimmte. Alle anderen kamen doch auch mit ihrem Leben zurecht, also wieso nicht auch ich? Depression ist nicht nur Traurigkeit, sondern eine Krankheit. Das zu akzeptieren war für mich ein weiter Weg und manchmal ertappe ich mich immer noch dabei, dass ich wieder in die alten Muster zurückfalle, denn körperlich geht es mir schließlich gut.
  3. Ich möchte nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Eine Zeit lang habe ich mich selbst fast nur auf meine Krankheit reduziert und es ist mir umso wichtiger, das nicht länger zu tun. Das gleiche gilt, wenn ich mit anderen darüber spreche. Tatsächlich ist das in der Realität seltener der Fall als in meiner Vorstellung. Trotzdem zögere ich deswegen manchmal, offener darüber zu sprechen.
  4. Die Frage nach dem Warum. Hat Depression immer einen Grund? Es gibt meistens einen Auslöser, aber oft ist auch eine genetische Komponente mit im Spiel. Diese Komponente kann eine Depression begünstigen und die Schwelle entweder höher oder niedriger setzen. So leicht lässt sich die Frage also nicht beantworten. Wie viel jeder Einzelne aushält, ist ganz unterschiedlich. Dazu kommt wieder einmal meine Selbsteinschätzung. Denn habe ich überhaupt ein Recht darauf, mich so zu fühlen, wenn ich doch eigentlich alles habe?

Nach mehreren Jahren Psychotherapie habe ich viel über mich gelernt und verstehe mich etwas besser. Trotzdem ist es nach wie vor ein Prozess und immer wieder ein Eingeständnis an mich selbst, nachsichtiger mit mir umzugehen, wenn ich einmal eine schlechte Phase habe.

Foto: Rod Long, Unsplash

Fazit

Die wichtigste Erkenntnis, die ich im Lauf der Zeit und bei der Recherche für diesen Artikel gewonnen habe: Eine Depression nimmt großen Einfluss auf die Betroffenen und ihr Umfeld, oft wird sie aber erst spät behandelt, weil man keinen Namen dafür hat. Werfen wir aber noch einmal einen Blick auf die Zahlen, wird klar, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Mehr Offenheit, sowohl bei Depression als auch bei anderen psychischen Erkrankungen, kann dabei helfen, dass Betroffene sich schneller an die richtigen Ansprechpartner wenden können. Denn ebenso wie physische Krankheiten können sie mit der richtigen Diagnose gut behandelt werden.

Julia Darchinger

Quellenverzeichnis

Bilder:

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