Wie kann es sein, dass ein kleiner Ort an der Südwestküste Englands zu Weltruhm gelangt? Dass ein verschlafenes Fischerdorf Maler und Literaten anzieht? Zu den berühmtesten Schriftstellern, die St. Ives kannten und liebten, gehören Virginia Woolf und Rosamunde Pilcher. Ihre Werke haben dazu beigetragen, das Einzigartige an St. Ives bekannt zu machen. Und St. Ives verleiht ihren Romanen bis heute eine ganz besondere Atmosphäre.

 

Warmer, weißer Sand, türkisfarbenes Meer und eine laue Brise, die den Besuchern um die Nase weht. So manch einer kann glauben, er befände sich in der Karibik und nicht am südlichen Ende Großbritanniens im idyllischen Fischerdörfchen St. Ives. Der in einer Bucht gele­gene Ort bietet alles, was das Herz von Roman­ti­kern, Weltenbummlern und Genießern begehrt: für ihre Sauberkeit ausgezeichnete Strände, enge Gassen mit Kopf­stein­pflaster, deren Namen wie beispielsweise „Teetotal Street“ oder „Salubrious Street“[1] so manch einem ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Oder die kleinen gemütlichen Cafés und Restaurants, in denen sich die Spaziergänger – vor allem in der kalten Jahreszeit – mit ihren vom Wind geröteten Wangen niederlassen und an britischem Tee und leckeren, fluffigen Scones mit Marmelade und Clotted Cream stärken können.

Doch das ist nicht der Hauptgrund, weshalb es so viele Reisende in diese südliche Ecke Englands zieht. Der atlantische Ozean, an diesem Ort bläulich schillernd, umspült St. Ives gleich von drei Seiten und taucht den kleinen Küstenort in ein einzigartiges Leuchten. Der Grund für dieses Strahlen sind die Granitsteinchen, die sich im hellen Sand auf dem Meeresgrund verstecken und das auf sie scheinende Sonnenlicht reflektieren. Es ist dieses besondere Leuchten, das noch jeden, den es dorthin verschlägt, verzaubert, und das letztlich die Stadt zu einem Ort von Weltrang in der Kunst und Literatur machte.

Der Küstenort St. Ives: https://pixabay.com/de/photos/st-ives-cornwall-england-s%C3%BCdengland-1816432/ (Bild von Klaus Stebani auf Pixabay )

„Lichtstrahlen fallen durch die Gasse, die den Blick aufs Meer freigibt. Ein Bild wie gerahmt.

Alles beginnt zu strahlen: der Leuchtturm, das türkisfarbene Wasser und die kleinen Fischerboote, die auf den Wellen tanzen.“[2]

– MIRIAM BÖNDEL

In St. Ives findet der englische Maler William Turner ab dem Jahr 1811 die Inspiration für seine Bildmotive. Damit lenkt er den Fokus anderer Maler sowie der Londoner Kunstszene auf das malerische Dörfchen in Cornwall. Es sind die Maler Ben Nicholson, Alfred Wallis und Christopher Wood, die in 1928 St. Ives zur Künstlerkolonie machen. 1939 siedelt Nicholson mit seiner Frau, der Bildhauerin Barbara Hepworth, ganz nach St. Ives über. Die dort entstandenen Werke des Künstlerpaares sind in der „Tate St. Ives“, einer der größten Touristenattraktionen des Ortes, ausgestellt. Die Tate St. Ives, 1993 eröffnet, ist ein Ableger der Londoner Tate Gallery. Das Museum liegt an der Strandpromenade des Porthmeor Beach.

Davor befindet sich an diesem Platz eine Gasfabrik, erbaut im Jahr 1835, mit deren Produktion die Straßenlaternen der Stadt und vereinzelte Häuser erleuchtet werden. St. Ives ist zu der Zeit noch ein sehr armes Fischerdorf, sodass die meisten Einwohner bis ins 20. Jahrhundert hinein Öllampen verwenden, was den Gewinn der Gasfabrik deutlich beeinträchtigt. Der Bau einer Eisenbahnstrecke im Jahr 1877 vom Nachbarort St. Erths nach St. Ives verbessert die Anbindung des Küstenortes deutlich. Trotz der ungeliebten Gasfabrik wird das Fischerdorf von diesem Zeitpunkt an mehr und mehr zum beliebten Ausflugs- und Ferienort. Anhaltende Proteste gegen die Rauchschwaden und den Gestank der Fabrik führen dazu, dass sie im Jahr 1958 abgerissen wird.

St. Ives ist nicht nur ein Hafenstädtchen, zu dem sich Künstler, Fotografen und Touristen hingezogen fühlen. Auch in der Literaturwelt bleibt St. Ives nicht unbeachtet und hat viele Herzen erst der Autoren und dann deren Lesern erobert.

„Ich könnte Seiten damit füllen, mich an eines nach dem anderen zu erinnern. Alles zusammen machte den Sommer in St. Ives zum besten nur vorstellbaren Anfang meines Lebens.“[3]

– VIRGINIA WOOLF (1882 – 1941)

Für die englische Schriftstellerin und Literaturkritikerin Virginia Woolf hat St. Ives eine ganz besondere Bedeutung. Geboren am 25.01.1882 in London, wächst sie in gut situierten Verhältnissen mit einer humanistischen Erziehung auf. In die Geschichte geht sie ein als Mitglied der „Bloomsbury Group“, einer gesellschaftskritischen Freundesgruppe, bestehend aus Schriftstellern und Intellektuellen – unter anderem auch ihrem Ehemann Leonard Woolf, und als Begründerin des Verlagshauses „Hogarth Press“, das bis heute noch ihre Romane publiziert. Schon von klein auf besitzt sie ein äußerst labiles Gemüt, vermutlich durch den frühen Tod beider Eltern bedingt. St. Ives ist der Ort, in dem sie viele schöne Sommerurlaube zusammen mit der Familie verbracht hat, da sie dort für mehrere Jahre ein Ferienhaus besessen hatten.

Ihre schriftliche Tätigkeit fasst Woolf weniger als Arbeit, sondern eher als Beitrag zur Freisetzung schöpferischer Kraft auf. Sie verarbeitet in ihren Büchern persönliche Erlebnisse und Erfahrungen. Beim Leser will sie das Bewusstsein für psychische Vorgänge wecken, weshalb in ihren Werken hauptsächlich die innere Handlung beschrieben und der Fokus auf die Gemüter der Charaktere gelegt wird.

Der Stadt St. Ives widmet sie speziell zwei Werke: die Romane „Jacob´s Zimmer“ und „Die Fahrt zum Leuchtturm“. Letzterer wurde zum Klassiker, dem Woolfs eigene Lebensgeschichte als Vorbild diente. Der Aufenthalt der Romanfiguren in einem Ferienhaus auf der schottischen Insel Skye gleicht Woolfs Urlaubsaufenthalten in Talland House, dem Ferienhaus der Familie Woolf in St. Ives. Das Bildnis des Leuchtturms aus ihrem Roman ähnelt dem Godrevy-Leuchtturm, welcher von St. Ives‘ Küste aus in der Ferne zu betrachten ist.

Der Godrevy Leuchtturm in der nähe von St. Ives´ Küste: https://pixabay.com/de/photos/meer-cornwall-leuchtturm-wellen-1232021/ (Bild von Daryl Govan auf Pixabay)

Virginia Woolf hängt an St. Ives, weil von dort ihre schönsten Erinnerungen kommen. Es ist der Ort, den sie auch in fortgeschrittenem Alter noch besucht hat, um von Krankheiten zu genesen oder einen Roman zu beenden. In ihr Tagebuch schreibt sie: „Als sie Talland House mieteten, gaben Vater und Mutter uns – mir auf jeden Fall – etwas, was immerwährend war, unschätzbar.“[4]

„Es ist das Licht, merkst du es? Nirgendwo ist das Licht so wie hier.“[5]

– ROSAMUNDE PILCHER (1924 – 2019)

Sie mag mit Schriftstellerin Virginia Woolf sowohl vom Romaninhalt als auch vom Schreibstil her nicht viel gemein haben, aber auch die Autorin Rosamunde Pilcher lässt sich von ihrer Heimat Cornwall und vor allem von St. Ives in nahezu jedem ihrer Werke inspirieren.

Pilcher wird am 22. September 1924 in Lelant, ca. 5km von St. Ives entfernt, geboren. Obwohl sie sich schon in frühen Jahren unter dem Pseudonym Jane Fraser schriftstellerisches Ansehen erarbeitet, hat sie ihren großen internationalen Durchbruch erst 1987 mit der Familiensaga „Die Muschelsucher“, in der die Stadt St. Ives eine wichtige Rolle spielt. Besser bekannt ist das Fischerdorf bei den Lesern unter dem fiktiven Namen „Porthkerris“, den Pilcher erfunden hat. Ihre Geschichten beinhalten meist literarische Abbildungen der beschaulichen und normalen Lebenswelt der englischen Mittelklasse. Ihr Stil ist weniger abenteuerlich, sondern bedachter, mit vielen Beschreibungen des Alltagslebens. In fast jedem ihrer Werke werden Panoramen ihrer Heimat abgebildet. Sei es ein Hafen, Strände, Cottage-Gärten oder Herrenhäuser, die Kulissen ihrer Romane spielen fast ausschließlich in Schottland oder Cornwall.

Warum Rosamunde Pilcher hauptsächlich über ihre Heimat schreibt, ist leicht zu beantworten: hier findet sie immer wieder Inspiration. „Indem Pilcher über ihre Lieblingslandschaften Cornwall und Schottland schreibt, deren Bewohner und gesellschaftliche Räume sie so gut kennt, wird ihr das große emotionale Erzählen wirklich.“[6] Und es ist wahr, Pilcher verknüpft Romangeschichten mit ihren eigenen Erlebnissen und entwickelt daraus eine liebevolle, authentische Beschreibung Cornwalls. Sie bringt ihre Leser dazu, eine Sehnsucht nach diesem Ort zu verspüren, so dass sie den Roman nicht mehr aus den Händen legen mögen.

Der Küstenstadt St. Ives scheint kein Besucher widerstehen zu können – die idyllische Umgebung und die Schönheit des Lichts ziehen jeden in ihren Bann. Zu diesem besonderen Leuchten sind Virginia Woolf und Rosamunde Pilcher immer wieder zurückgekehrt, selbst in ihrer Fantasie. Die Geschichte von St. Ives und die Persönlichkeiten, die sie geformt haben, machen den Charme dieses inspirierenden Fischerdorfes aus. Es wird nicht ohne Grund „die Seele Cornwalls“ genannt.

DOROTHEA RIEKE

1] Übers.: „Heilsame Straße“

[2] Zitat: Miriam Böndel, https://www.emotion.de/de/reise/kuenstlerkolonie-st-ives-cornwall-6570

[3] Zitat: Virginia Woolf, http://www.lebensweisheiten.net/virginia-woolf.html

[4] Zitat: Virginia Woolf: http://www.lebensweisheiten.net/virginia-woolf.html

[5] Zitat: Rosamunde Pilcher, Merian Cornwall, Artikel S. 90ff: „Rosamunde sucht das Glück“, www.Merian.de

[6] Zitat: Claus Beling, Merian Cornwall, Artikel S. 90ff: „Rosamunde sucht das Glück“, www.Merian.de

Quellen- und Literaturverzeichnis:

Geschichte und Faszination von St. Ives:

Virginia Woolf:

Rosamunde Pilcher:

Zitate:

  • Miriam Böndel:

„Lichtstrahlen fallen durch die Gasse, die den Blick aufs Meer freigibt. Ein Bild wie gerahmt. Alles beginnt zu strahlen: der Leuchtturm, das türkisfarbene Wasser und die kleinen Fischerboote, die auf den Wellen tanzen.“

  • Virginia Woolf:
  1. „Ich könnte Seiten damit füllen, mich an eines nach dem anderen zu erinnern. Alles zusammen machte den Sommer in St. Ives zum besten nur vorstellbaren Anfang meines Lebens“
  2. „Als sie Talland House mieteten, gaben Vater und Mutter uns – mir auf jeden Fall – etwas, was immerwährend war, unschätzbar.“
  • Rosamunde Pilcher:

„Es ist das Licht, merkst du es? Nirgendwo ist das Licht so wie hier.“

  • Merian Cornwall, Artikel S. 90ff: „Rosamunde sucht das Glück“, Merian.de
  • Claus Beling:

„Indem Pilcher über ihre Lieblingslandschaften Cornwall und Schottland schreibt, deren Bewohner und gesellschaftliche Räume sie so gut kennt, wird ihr das große emotionale Erzählen wirklich.“

  • Merian Cornwall, Artikel S. 90ff: „Rosamunde sucht das Glück“, Merian.de

Bildquellen:

  • Die Hafenstadt St. Ives:

https://pixabay.com/de/photos/st-ives-cornwall-england-s%C3%BCdengland-1816432/

(Bild von Klaus Stebani auf Pixabay )

  • Der Godrevy Leuchtturm:

https://pixabay.com/de/photos/meer-cornwall-leuchtturm-wellen-1232021/

(Bild von Daryl Govan auf Pixabay)

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