Pro Jahr sterben in Deutschland knapp eine Million Menschen. Der alte Nachbar, die totkranke Großmutter oder aus heiterem Himmel der ehemalige Schulkamerad. Und doch ist es kaum zu fassen, dass das eigene Leben auch irgendwann enden muss.
Beschäftigen sollte man sich damit aber allemal, denn so wird man vielleicht zum Lebensretter.

 

Das It-Piece
Warum der Organspendeausweis für Jedermann ist

 

© Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln

 

 

 

Das Recht von kranken Menschen, die vom Tod bedroht sind, wiegt […] schwerer, als das, ohne jeden Zweifel vorhandene, Recht von gesunden Menschen sich mit ihrem eigenen Tod und dem Thema Organspende nicht beschäftigen zu wollen.“                                         – Matthias W. Birkwald, Die Linke in der Bundestagsdebatte zur doppelten Widerspruchslösung am 16.01.2020

 

 

 

 

 


Der Vergänglichkeit seines eigenen Lebens sind sich jährlich 10.000 Menschen in Deutschland mehr als bewusst. Sie warten auf lebensrettende Organe wie ein Herz, eine Niere oder Gewebe. Obwohl die allgemeine Einstellung gegenüber Organspende positiv und die Anzahl der gespendeten Organe in den letzten Jahren eher gestiegen als gesunken ist, beläuft sich die durchschnittliche Wartezeit auf ein Spenderorgan auf 7-10 Jahre und pro Tag sterben drei Menschen auf der Warteliste.
Aber woran liegt das?

Das Problem im System

Viel diskutiert und nicht aus der Acht zu lassen sind die Strukturen. Dass deutsche Krankenhäuser einen chronischen Pflegenotstand haben und profitorientiert arbeiten, schlägt sich in fast jedem medizinischem Fachbereich nieder.
Damit PatientInnen postmortal zu OrganspenderInnen werden können, fallen zeit- und ressourcenintensive medizinische Untersuchungen an. Meist werden diese potenziellen SpenderInnen aber gar nicht erst erkannt. So gab es 2018 circa 27.000 Hirntote in deutschen Krankenhäusern, von denen aber nur 8,2% gemeldet wurden.
Es wundert also nicht, dass Deutschland auf europäischer Ebene viel weniger SpenderInnen aufweisen kann. Im Vergleich zu Spanien, wo auf eine Millionen EinwohnerInnen 48 SpenderInnen kommen, liegt Deutschland mit nur 11 SpenderInnen weit hinten.
Doch auch bei den BürgerInnen, den potentiellen SpenderInnen gilt es noch einige Verunsicherungen zu beseitigen und Wissenslücken zu füllen.
Denn ob man als SpenderIn geeignet ist kann man nicht beeinflussen, sich aktiv dazu zu entscheiden ist aber möglich, auch wenn es einigen schwer fallen mag. In der Vergangenheit bat beispielsweise der Organspendeskandal keine gute Vertrauensbasis und oft findet man negative Erfahrungsberichte von vor 35 Jahren, die überholt sind.

Der „unnatürliche“ Tod

Viele Menschen scheuen sich OrganspenderIn zu werden, weil eine wesentliche Voraussetzung ein aufrechtes Herz-Kreislauf-System ist. Das bedeutet, dass zwar der Hirntod und damit das irreversible Ende aller Hirnfunktionen und auch der Atmung besiegelt ist, aber der Herztod erst mit der Entnahme der Organe eintritt. Das mag Unbehagen auslösen, da der Vorgang sich nicht mit dem Ideal eines natürlichen Todes zusammenbringen lässt.
Durch den technischen Fortschritt ist es in der Medizin aber möglich, einwandfrei festzustellen, ob der Hirntod eingetreten ist und so bleibt es nur noch eine beklemmende Vorstellung, dass das Leben auf einem OP-Tisch endet.
Lässt man aber die Zahlen sprechen, ist es im Laufe des Lebens viel wahrscheinlicher ein Spenderorgan zu benötigen, als eines abzugeben. In Deutschland sind 2018 954.874 Menschen gestorben. Davon waren 1400 Personen potenzielle Spender, das ist ein minimaler Bruchteil.

Die Lebensrettende Spende

Nicole Morgeneier kann sich an keinen Moment ihrer Kindheit erinnern, in dem Krankheit keine Rolle gespielt hat – ein embryonaler Tumor, der sie über Jahre zur Dialyse zwang, versagte ihr und ihrer Schwester dies. 25 Jahre bestimmte ihr Dialyse-Rhythmus ihr Leben, bis sie im April 2002 die Niere eines vierzigjährigen Spenders erhielt.
2020 wurde über den Gesetzesvorschlag der doppelten Widerspruchslösung –zu Lebzeiten muss einer Organentnahme ausdrücklich widersprochen werden, beziehungsweise widersprechen Angehörige in Kenntnis über den Unwillen postmortal – im Bundestag debattiert. Nicole Morgeneier hoffte, die Durchsetzung dieses Gesetzes führte dazu, dass BürgerInnen besser über den Vorgang der Organspende informiert und auch zwangsläufig Entscheidungen für oder wider gefällt würden.
Nun wird 2022 die erweiterte Entscheidungslösung eingeführt, in der hauptsächlich auf Information und wiederkehrende Erinnerung für eine Entscheidung gesetzt wird. Sie ist nicht ganz so „radikal“ wie die Widerspruchslösung, aber allein die Debatte hat dem Thema eine Bühne gegeben, in der Öffentlichkeit sowie privat und die Anzahl der bestellten Organspendeausweise ist nachweislich angestiegen.

© Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln

Die Entscheidung

Dieser kurze Text kann wohl kaum ausschließlich als Entscheidungshilfe in solch einem persönlichen und irgendwie auch unangenehmen Thema dienen.
Er soll aber erinnern, dass wir alle die Pflicht haben, uns mit Organspenden auseinander zu setzen und ein Recht haben, uns zu entscheiden.
Ein Organspendeausweis stellt sicher, dass der eigene Wille über den Tod hinaus wahrgenommen werden kann. Das umfasst auch den Wunsch, „Nein“ zu sagen und keine Organe zu spenden.
Er kann unkompliziert und kostenfrei hier beantragt werden.
Also, egal wie er ausgefüllt ist. Trägst du ihn?

Janina Schmidt

 

Quellen:

https://www.eurotransplant.org/patients/deutschland/

https://www.organspende-info.de/

https://www.youtube.com/watch?v=zgcnPafp9X8&t=6223s (Bundestagsdebatte)

 

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