Sie nennen sich selbst discreet und whisper. Sie versprechen Sicherheit und Sauberkeit. Blaue Flüssigkeit aus einem Reagenzglas soll den „Auslaufschutz“ demonstrieren. Selbst Hersteller tabuisieren das, wofür sie werben, dabei geht es in ihren Werbespots um das natürlichste dieser Welt: die Menstruation.

„Psst!“, fängt meine Sitznachbarin an in mein Ohr zu flüstern, gefolgt von einer ihr sichtlich unangenehmen Frage. „Einen Moment…“, antworte ich ihr lächelnd und fange an, in meiner Tasche zu kramen. Endlich finde ich meinen kleinen Kulturbeutel, ziehe nach einigen Sekunden den Gegenstand der Begierde heraus und versuche ihn meiner Sitznachbarin so unauffällig wie möglich zu geben. Sichtlich erleichtert strahlt diese mich an, steht sofort auf und verlässt das Klassenzimmer mit fest geschlossener Hand, damit niemand erkennen kann, was dort zu finden ist. Was nach einem Drogendeal klingt, hat in Wahrheit mit der Frage nach einem Tampon begonnen, denn meine Klassenkameradin hatte ihre Periode bekommen. Warum aber ist in einer modernen Welt wie der heutigen die Menstruation und Menstruationsblut noch immer ein großes Tabuthema?

Eklig, unhygienisch, unsexy.

“Die Periode gilt allgemein als eklig, unhygienisch und unsexy und es herrschen eine Menge Mythen, Vorurteile und Stigmata rund um die Menstruation”, sagt Dr. Yael Adler, Dermatologin und Bestseller-Autorin, die sich in ihrem Buch Darüber spricht man nicht mit körperlichen Vorgängen und Körperflüssigkeiten aller Art und ihren oft negativen Stigmata beschäftigt.

Die Menstruation ist ein großes Tabuthema in der Gesellschaft.
Photo by Vulvani – https://vulvani.com/

Wenn es aber um die Werbung von Menstruationsprodukten geht, in der sich alles um das rote Periodenblut drehen sollte, wird bestimmt aufgeklärt, dass die monatlichen Blutungen jeder Person mit einem Uterus das normalste dieser Welt sind? Schön wär’s! „Sie [die Menstruation] wird zum Beispiel auch in der Werbung mit keiner Silbe beim Namen genannt“, erklärt Franka Frei, Menstruationsaktivistin und Autorin des Buches Periode ist politisch in einem Interview dem Bayrischen Rundfunk. „Statt Vagina ist lieber die Rede vom Körper, der sich dem Tampon oder der Binde anpasst, und statt Blut hört man nur von Flüssigkeit“, so Frei in ihrem Buch. Alleine, dass viele Markennamen für Menstruationsprodukte Worte wie „discreet“ (dt. diskret) oder „whisper“ (dt. flüstern) beinhalten, zeigt, dass das Menstruationsblut möglichst unsichtbar bleiben soll. Kein Wunder also, dass sich laut Adler in einer der zahlreichen Studien 60 Prozent aller Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren für ihre Periode schämen. Dabei ist es gerade im Teenageralter wichtig, den weiblichen Zyklus als etwas ganz Normales und Natürliches zu verstehen und zu sehen.

Die Werbungen von Always, o.b. und Co. suggerieren, wie aktiv und frei Menstruierende mit ihren Produkten sein können: Es wird Fußball gespielt, es werden Tische geschleppt, das schicke Bürokostüm angezogen oder zum romantischen Dinner-Date gegangen. Dass die monatliche Blutung bei vielen Menschen mit Bauch- und Rückenschmerzen, Pickelausbruch und allgemeinem Unwohlsein einhergeht, davon keine Spur in den Werbespots. Natürlich sollen Frauen auch während ihrer Periode tun und lassen, was sie möchten, nur entspricht die aufgestylte und vor Freude strotzende Kleinimbissbesitzerin, wie sie beispielsweise  in einer Werbung für Binden gezeigt wird, oft nicht der Realität.

Ein unbenutzter und ein mit Menstruationsblut vollgesaugter Tampon. So sieht natürliches Periodenblut aus.
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„Sauber“ und „sicher“ sind Worte, die in Dauerschleife über den Bildschirm flimmern. Dabei ist Menstruationsblut nichts Schmutziges oder etwas, vor dem man Angst haben sollte. Ganz im Gegenteil zeugt es von einem gesunden Zyklus eines jeden Menschen mit Gebärmutter und nimmt mit den größten Teil in der menschlichen Reproduktion ein, dafür da, damit Menschen Kinder bekommen können. Schwangerschaften und das Gebären von Kindern wiederum wird allgemein mit etwas Positivem in Verbindung gebracht, wobei das Paradoxon zwischen der zu versteckenden Menstruation und dem Vorführen des Babybauches deutliche sichtbar wird.

Der rote Flecken auf der Kleidung und somit das öffentliche Bluten sind Ängste, mit denen die Hersteller von Periodenprodukten bewusst spielen „[u]nd das funktioniert nur, weil die Gesellschaft ein Problem damit hat, dass Frauen* menstruieren!“, so Frei in ihrem Buch. Natürlich muss der „Auslaufschutz“ in den ein bis zwei minütigen Spots visuell gewährleistet werden und was eignet sich dazu besser, als eine blaue Flüssigkeit, die aus einem Reagenzglas auf die Binde oder das Tampon geträufelt wird? Ganz zu schweigen davon, dass die Werbespots überhaupt nicht erklären, wie ihre Produkte eigentlich anzuwenden sind. Wen wundert es da noch, dass weiterhin großes Unwissen zum Thema Menstruation herrscht.

Auch Social Media Plattformen scheinen ein Problem mit der Darstellung von Periodenblut zu haben. 2015 wurde ein Bild der Autorin Rupi Kaur von der Plattform Instagram gelöscht, auf dem im Rahmen eines Kunstprojekts eine Frau im Bett liegend abgebildet ist, mit rotem Blutfleck auf Jogginghose und Bettlacken. Laut Instagram soll dieses Bild gegen die Richtlinien des Unternehmens verstoßen haben. Kaur konterte kurzerhand mit folgendem Post: „Danke Instagram für genau die Reaktion, die meine Arbeit kritisiert. […] Ich werde mich aber nicht dafür entschuldigen, dass ich nicht das Ego und den Stolz einer frauenfeindlichen Gesellschaft füttere, die Unterwäsche OK findet, aber keinen kleinen Fleck. […]“

„Perioden sind normal. Sie zu zeigen sollte es auch sein.“

Die Menstruation ist etwas Natürliches und sollte weder mit Ekel noch mit Angst assoziiert werden.
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Aber nicht alle Hersteller von Menstruationsprodukten behandeln das Thema wie einen Eiertanz. Die australische Binden und Tampon Marke Libra möchte in ihrer #bloodnormalKampagne Menstruation so realistisch wie möglich darstellen. Beispielsweise wird statt lächelnden und Sport treibenden Frauen eine duschende Menstruierende gezeigt, der das Blut an den Beinen herunter rinnt oder ein Mann, der Periodenprodukte besorgt. Währenddessen werden immer wieder Bilder von Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern, die sich ihre Bäuche halten, eingestreut. Doch nicht nur das, Libra bricht auch mit der blauen Flüssigkeit und lässt stattdessen rote in ihre Binde tropfen, zwar immer noch aus einem Reagenzglas, aber die Farbe kommt Periodenblut um einiges näher. Die Aussage des Werbespots ist klar: Personen mit einem Uterus bluten aus ihrer Vagina in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen. Das ist gesund und eines der normalsten und natürlichsten Dinge dieser Welt.

Die Kampagne endet mit dem Slogan: „Perioden sind normal. Sie zu zeigen, sollte es auch sein“, wobei Hoffnung für eine enttabuisierte Zukunft der Menstruation aufkommt und das ganze „Hast du mal einen Tampon“-Geflüster endlich in die Vergangenheit verbannen könnte.

Von Lena-Kathrin Heuer


Textquellen:

Frei, Franke: Periode ist Politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu. München: Wilhelm Heyne Verlag München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2020.

https://www.br.de/puls/themen/leben/tabuthema-menstruation-100.html

https://www.focus.de/gesundheit/panorama-unser-blutiges-geheimnis-warum-die-periode-immer-noch-ein-tabu-thema-ist_id_10427999.html

https://i-d.vice.com/de/article/kz83ba/warum-hat-instagram-das-foto-einer-frau-mit-menstruationsblut-geloescht-741

https://www.schweizer-illustrierte.ch/body-health/girl-talk/dieser-brand-bricht-endlich-das-mens-tabu

 

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