„Wieso sitzt du auf meinem Platz, Laura? Du weißt genau, dass das mein Platz ist! Warum
machst du das nur immer?“
Eine vermeintlich normale Situation – dann setzt sich halt jemand auf meinen üblichen Platz,
na und? Was aber, wenn der Tag und all seine Bestandteile getaktet sind? Wenn die kleinste
Kleinigkeit Fragen aufwirft und für bloße Verzweiflung oder sogar Angst sorgt?

„Kennst du einen Autisten, dann kennst du genau einen Autisten …“ (Zitat: Marlies
Hübner)

Autismus. Das hat jeder schon einmal gehört. „Das sind doch die mit den besonderen
Fähigkeiten“, so lautet häufig die erste Bemerkung, wenn es auf das Thema zu sprechen
kommt. Da gilt direkt zu sagen: Nein, Autismus hat nichts mit Superkräften zu tun. Auch
können nicht alle Betroffenen sehr gut rechnen, Klavier spielen oder binnen weniger
Sekunden einen Zauberwürfel lösen. Das Krankheitsbild hat die verschiedensten Formen.
Zunächst wird die Krankheit grob in drei verschiedene Kategorien aufgeteilt:
– den frühkindlichen Autismus
– das Asperger-Syndrom
– und den atypischen Autismus

Soviel zu den medizinischen Hintergründen.
Selbstverständlich könnte ich hier jede einzelne Form bis in das kleinste Detail erläutern,
aber das würde zu weit führen. Den Betroffenen ist es übrigens viel lieber, die Begrifflichkeit
„Autismus-Spektrum-Störung“ zu verwenden. Die meisten sind sogar große Verächter der
Unterteilung. Autisten sind Menschen – und Menschen sind Individuen. Warum also alle über
einen Kamm scheren und in Schubladen stecken?
Wichtig ist eigentlich nur zu wissen, dass dieses Krankheitsbild die unterschiedlichsten
Formen einnehmen kann. So gibt es Autisten, die sich kaum artikulieren können, andere
wiederum erlernen in kürzester Zeit verschiedene Sprachen. Viele haben große Angst vor
Farben oder Formen, während andere dafür brennen. Kurz gesagt: sie sind alle Individuen
und nicht miteinander vergleichbar.
*Hier gilt es zu sagen, dass ich im Folgendem nicht auf alle medizinischen Formen eingehen
kann, auch nicht auf exakte Verhaltensweisen – das würde den Rahmen sprengen. Es
handelt sich, wie bereits erwähnt, um ganz individuelle Menschen, die man nicht miteinander
vergleichen kann. Ich stütze mich hier also auf persönliche Begegnungen und
Beobachtungen. *

Wie es ist, in seiner eigenen Welt zu leben.

Aufstehen, Kaffeemaschine einschalten, duschen, anziehen und los.
So oder so ähnlich sieht ein Vormittag eines gesunden arbeitenden Menschen aus. Bei
einem von Autismus betroffenen kann schon der zweite Schritt zu einem echten Abenteuer
werden. So wird die Kaffeemaschine hier nicht einfach eingeschaltet. Nein, sie wird
beispielsweise auseinandergebaut, um die einzelnen Bestandteile genauestens zu prüfen.
Vielleicht wird dabei auch ein Teil in den Müll geworfen, weil es aktuell nicht zum großen
Ganzen passt. Menschen, die das von außen betrachten, können das nicht verstehen.

Für einen Autisten ist das einfach normal. Sie verbinden sehr häufig Farben und Formen mit
Emotionen und auf diese gilt es einzugehen.
So ist es manchen an einem Mittwochmorgen zum Beispiel nicht nach roten Socken, denn
die fühlen sich heute traurig an den Füßen an. Also lieber blaue mit Streifen, das sind
glückliche Socken.

Der Auftritt in der Öffentlichkeit verursacht „Gewitter im Kopf“

Viele der Erkrankten haben Schwierigkeiten, Emotionen, Körpersprache und gewisse
Gespräche zu deuten und diesen gerecht zu werden. Daher reagieren sie oft unangemessen
auf manche Situationen.
Sieht ein an dem Autismus-Syndrom erkrankter Mensch beispielsweise eine Frau mit
offensichtlich ungewaschenen Haaren, so kann es durchaus sein, dass er seine Meinung
hierzu kundgibt. Da sind Sätze wie „igitt, deine Haare sind fettig“ oder „du riechst komisch“ in
der Öffentlichkeit, auch gegenüber fremden Personen, durchaus an der Tagesordnung.
Natürlich nicht aus Boshaftigkeit oder auf Grund einer schlechten Erziehung. Sie müssen es
einfach loswerden, ohne Rücksicht auf Verluste. Den meisten Menschen ist das ein Dorn im
Auge. Sie reagieren mit den gleichen Unhöflichkeiten oder werden ausfallend.

Das tut weh, erst recht dann, wenn man keine Ahnung hat, was man falsch gemacht haben könnte.Man sagt doch nur seine Meinung.
Der Unterschied zu einem gesunden Menschen? Ein Autist kann nicht einschätzen, ob und
wie sehr er sein Gegenüber gerade verletzt. Ein „normal denkender“ eigentlich schon – man
würde es sich zumindest wünschen.
Doch wie entkommt man diesem harten Alltag, in dem ein Fettnäpfchen auf das nächste
wartet und man den ganzen Tag komisch angeschaut wird, nur weil man die Fugen
zwischen den Fliesen nicht berühren möchte?

 

Das Klischee, das keines sein sollte…

Meistens haben Autisten ein Thema für das sie brennen und was sie immer wieder
unglaublich glücklich macht. Es ist etwas, das ihnen die Sicherheit gibt, welche im Alltag
sonst so oft verwehrt bleibt. Das gilt, wie auch alle anderen geschilderten Verhaltensweisen,
nicht für alle Betroffenen. Und hat auch nichts mit Superkräften zu tun.
[Repetitive/stereotype Verhaltensweisen] so nennen es die Ärzte. Aber es ist viel mehr als
ein ständiger Ablauf oder ein Zwang.
Es ist ihre Welt, in der sie der „Chef“ sind, die sich auf Zahlen, Fakten oder ihre freie
Fantasie stützt. Niemand stellt hier Regeln auf oder macht blöde Bemerkungen. Es sind die
Situationen, in denen sie das Leben leben können, das sie glücklich macht.

Und ist das nicht das Wichtigste? Das Glücklichsein?
Egal wie seltsam oder andersartig ein Mensch manchmal nach außen hin wirken mag, am
Ende sollten wir doch jeden so akzeptieren wie er ist. Schließlich können wir nicht hinter die
Fassade schauen und wissen nicht, warum jemand so ist, wie er ist.

 

 

 

Ein Artikel von Lena Bloss

 

Quellen:

Bild 1: https://pixabay.com/de/photos/h%C3%A4nde-freundschaft-freunde-kinder-2847508/

Bild 2: https://pixabay.com/de/illustrations/k%C3%BCnstliche-intelligenz-gehirn-hirn-4550606/

Categories: Psychologie, Wissen

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