BACK TO SCHOOL, 2007, © S. Hofschlaeger / pixelio.de, Image-ID: 158443.

Zuerst Schule, dann Arbeit und zum Schluss Familie – in Deutschland herrschen klare Vorstellungen davon, wie das Leben junger Erwachsener zu verlaufen hat. Doch was, wenn man mit den Konventionen bricht? Ein Erfahrungsbericht unserer Berufsschule gewährt uns Einblick.


„Was! Du willst noch mal eine Ausbildung machen? Dich mit 16-jährigen zusammen in die Berufsschule hocken? Dein Ernst?“ Ja, mein Freundes- und Familienkreis bezog zu meiner Idee, mit knapp 30 noch einmal eine Ausbildung zu beginnen, eine klare Stellung. Sie sahen mich viel mehr in der Pflicht für meine zwei Kinder vollends finanziell aufzukommen – egal wie. „Du hast doch studiert! Du willst doch nur nicht arbeiten!“…und so manche Worte schmerzten auch. Habe ich doch lange Zeit versucht den althergebrachten Konventionen zu folgen, brav mein Studium beendet, parallel dazu in die Familienplanung investiert. Und nun? Nun gab es mal einen Job hier, mal einen Job da – im ständigen Zwiespalt zwischen Familie und Karriere. Nichts das mich in irgendeiner Form erfüllt oder mir gar eine zuverlässige berufliche Perspektive geboten hätte. Dabei hatte auch ich mir das alles ganz anders vorgestellt, …eben viel einfacher.

 

Die Entscheidung

Schon bei meinem ersten Job bemerkte ich schnell, dass ich zwar ein hervorragend studierter Fachidiot war, noch dazu ein herangezüchteter Einzelkämpfer, jedoch für die Arbeitswelt so gar nicht vorbereitet. Mich im Nachgang so hin zu biegen, dass auch ich eine effiziente Arbeitskraft werde, darin investieren nur sehr wenige Unternehmen. Und die Kinder gibt es ja schließlich auch noch. Ein ewiger Teufelskreis, der schier kein Ende zu nehmen schien. Also musste eine Veränderung her, auch wenn die Entscheidung noch so schwierig schien. Nach langem Für und Wider fiel meine Wahl schließlich auf eine Ausbildung im Bereich Marketing. Ja…, Marketing, das wollte ich irgendwie schon immer. Willkommen zweite Ausbildung! So lautete ab jetzt meine Devise. Doch ein paar Zweifel blieben letztlich auch in mir haften. Werde ich wirklich nur mit sehr viel jüngeren Menschen in der Schule sitzen? Werde ich es überhaupt noch schaffen mich neben meinem Familienalltag auf das Lernen konzentrieren zu können? Kann ich das überhaupt noch? Lernen? Was genau erwartet mich da überhaupt? Lassen wir das Experiment beginnen.

 

Ich wage es dennoch

Montag, 7. Oktober, erster Berufsschultag – es regnet und es ist verdammt kalt für diese Jahreszeit. Ich irre wild auf dem Schulgelände umher, versuche mich verzweifelt zu orientieren. In steter Begleitung meiner Fluppe – das elende Laster. Dabei lächeln mich von allen Seiten bereits Warnschilder an: „Achtung! Schulgelände! Aus Rücksicht auf Minderjährige ist das Rauchen hier zu unterlassen!“ Ok, so denke ich mir, ist ja kein Problem, aber wo verdammt endet denn das Schulgelände? Zäune gibt es jedenfalls nicht. Ich suche gerade Unterschlupf bei einem überdachten Fahrradständer, als eine Dame auf mich zukommt und mich direkt des Platzes verweist. „Rauchen vorne an der Straße!“ Danke, so denke ich mir, eine tolle Begrüßung, aber jetzt weiß ich zumindest wo ich stehen darf. Ein seltsames Gefühl steigt in mir auf. Soeben durfte ich eine Form der Autorität erleben, wie ich sie ewig nicht mehr erlebt hatte. Zuletzt eben in der Schule. Hinzu kommt, dass ich doch sonst diejenige bin, die Anweisungen an jüngere Mitmenschen erteilt, um Ihnen Erziehung zu vermitteln. Eine verkehrte Welt.

 

Wo sind die 16-Jährigen?

Die erste Stunde. Das Klassenzimmer ist voll. Sehr voll. Vorstellungsrunde. Ja gerne, warum nicht? Doch wieder zeigen sich mir Dinge, mit denen ich niemals gerechnet hätte. Galt es zu meiner Schulzeit noch als absolut verpönt, als Abiturabgänger eine Ausbildung zu beginnen, scheint sich der Trend heute gänzlich umgekehrt zu haben. 90% Abiturienten in der Klasse, Durchschnittsalter 18 bis 21 Jahre. Zu meiner großen Freude gibt es, neben mir, zwei weitere ältere „Jahrgänge“. Tja, mit 16-jährigen ist da wohl nicht mehr viel her. Aber auch die Lehrerschaft gibt mir zu denken. Einige sind tatsächlich nicht sehr viel älter als ich. Das gibt mir ein wenig das Gefühl zwischen den Fronten zu stehen. Aber vielleicht ist gerade das auch gut so.

Verbrüderung, 2008, © Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de, Image-ID: 254316.

Gemeinsam stark

Erste Schulwoche, es ist geschafft! Meine Mitschülerinnen und Mitschüler kenne ich mittlerweile sehr gut – manche sogar besser als mir lieb ist. Es bahnt sich das nächste Phänomen an: Grüppchenbildung. Es folgt der direkte Einstieg in den Unterrichtsstoff. Geballt, üppig, die Tage verschwimmen für mich. Ich fühle mich beinahe schon erschlagen von der Informationsflut, dem neuen Umfeld, den neuen Strukturen. Aber auch Regularien zeichnen sich ab. Ah ja Prüfungen hier, Gruppenarbeit da. So langsam gelingt es mir, Stück für Stück, die neuen Anforderungen mit meinen privaten Verhältnissen zu verknüpfen. Besonders hilft es mir, bei meiner täglichen Anreise zur Schule, einige Mitschülerinnen täglich im Zug zu treffen. Das ständige Wiederholen des Unterrichtsstoffs und Besprechen von Unklarheiten schafft ein Gemeinschaftsgefühl, das ich so schon gar nicht mehr kannte. Offenbar ist es auch mir gelungen, mich einem Grüppchen anzuschließen – trotz des Altersunterschiedes.

 

Back to work

Der erste Block ist vorbei und ich fühle mich tatsächlich deutlich klüger als vorher. So manche Dinge hätte ich mir sogar gewünscht schon vor Antritt meines aller ersten Jobs gewusst zu haben. Ich sitze wieder in der Arbeit. Ein gewohntes Umfeld, aber dennoch so viel anders als vorher. Ich merke wie ich die Theorie, die ich in der Schule gelehrt bekommen habe, immer weiter in die Praxis einfließen lassen kann. Dinge werden mir plötzlich klar, die ich vorher nie so gesehen habe. Ich werde immer sicherer. Die Ausbildung hilft mir, da gibt es gar keinen Zweifel. Und das eben genau an den Stellen, an denen ich mich früher nie für das Berufsleben gewappnet gefühlt habe.
Meine Entscheidung war richtig, davon bin ich jetzt überzeugt. Und auch wenn der Schulalltag anstrengend und die neuen Strukturen nicht immer sehr kompatibel erscheinen, werde ich meinen Weg weiter beschreiten. Denn da ist noch etwas, was ich in den vergangenen Wochen gewonnen habe: Stärke! Aufbauend auf der Gewissheit, dass ich nicht allein bin – denn auch ich bin, wie alle anderen auch, ein Azubi.

Claudia T.
(30 Jahre, Kunsthistorikerin, 1. Lehrjahr, Marketingkommunikation an der Städtischen Berufsschule für Medienberufe)

Bilder:  Weitere Impressionen unter www.pixelio.de.

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