Glaubst du, dass deine Eltern deinen Charakter geformt haben? Nun, ich bin davon überzeugt. Durch mein Aufwachsen zwischen zwei Kulturen hatte ich wohl nie eine langweilige Zeit. Viele Traditionen, Gesten und vor allem die Sprachbarriere. Mit meiner italienischen Mutter und meinem deutschen Vater durfte ich beide Länder auf eine ganz besondere Art kennenlernen.

Wer kennt es nicht? Die Deutschen legen einen großen Wert auf einen guten Schulabschluss und einer absolvierten Ausbildung. Alles um später einen guten Beruf ausüben zu können. Stichwort: Selbstständigkeit. Vergleicht man das mit anderen Kulturen, wie etwa der italienischen, stößt man auf die ein oder andere Differenz. Klar, ein guter Schulabschluss wird auch hier geschätzt. Doch das ist nicht der Mittelpunkt. Die Gesellschaft, speziell die Familie, wird hier auf eine andere Art geschätzt. Das Miteinander ist kein muss, es ist ein Geschenk. Ob man selbstständig ist oder nicht findet man oft gar nicht heraus, da man immerzu von Freunden, Familie und guten Gesprächen umgeben ist. Jeder greift jedem unter die Arme – ohne Ausnahme. Kurzum: Deutsche sind organisiert, Italiener quatschen gerne. Doch stimmt das wirklich?

Ein Glück, dass meine Eltern ziemlich genau dem Klischee des jeweiligen Landes entsprechen. Nicht, dass mein Vater mit Socken in den Sandalen herumläuft, doch er liebt die Berge. Durch seinen regelmäßigen Outdoor-Sport gleicht er seinen Bürojob aus. Meine Mama liebt hingegen das Meer. Durch leckeres Essen und gemeinsame Aktivitäten schaltet sie gerne ab und lässt den Tag nach ihrer Arbeit im Friseursalon ausklingen. Ausflüge in den Bergen empfindet Sie ebenfalls, wie mein Vater, als schön. Doch Wanderungen als Urlaub zu bezeichnen geht dann doch zu weit. Ein wahrer Urlaub kann in Ihren Augen nur am Meer und in der prallen Sonne stattfinden. Mit der Zeit haben sich die Interessen der beiden vermischt und vor allem ergänzt. So ist mein Vater zum Beispiel nicht irgendein Bürojobler, er ist Außendienstler für Tchibo! Wie cool ist das denn? Sein Büro entspricht einem kleinen Café Shop und genauso duftet es auch.

 

 

Was das Ganze mit meinem Aufwachsen zu tun hat? Ich würde behaupten, dass genau das meine Werte geformt hat. Mir war es immer wichtig mein Bestes in der Schule zu geben. Denn durch die Schulen meiner italienischen Cousins wurde mir klar, dass die vielen Möglichkeiten, die wir hier in Deutschland geboten bekommen nicht selbstverständlich sind. Also legte ich nach meiner Schulzeit noch ein zusätzliches Fachabitur in Betriebswirtschaftslehre ab. Da ich für das Studieren aber doch nicht zu begeistern bin, habe ich mich für eine Ausbildung entschieden. Und zwar zur Kauffrau für Marketingkommunikation. Hier muss ich organisiert sein und gerne quatschen. Genau das, was ich von Anfang an von meinen Eltern gelernt habe. Doch neben meiner beruflichen Laufbahn sind mir die Familie und Freunde wesentlich wichtiger. Meine Ruhe finde ich bei meinen Liebsten. Nicht zu vergessen, dass ich durch meine Eltern einerseits ein ruhiges Wesen, das besonders in schwierigen Situationen oder der beruflichen Welt gefragt ist, habe. Andererseits existiert aber noch meine temperamentvolle Art, welche ich nicht weiter erläutern brauche.

Doch es war nicht immer leicht, sich mit den anderen Kindern zu identifizieren, die sich anders verhielten als ich. Auch die Sprache sorgte das ein oder andere Mal für Verwirrung. Dabei spielte es keine Rolle, dass ich in Deutschland geboren bin. Es gab Unterschiede zu den anderen Kindern und das war ein unangenehmes Gefühl. Doch diese Erfahrung hat mein Leben geprägt, sowohl im positiven wie im negativen Sinne. Sie hat mir neue Möglichkeiten und Perspektiven eröffnet. Wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst, kann man sich mehr zu der einen hingezogen fühlen als zu der anderen, oder aber gleichzeitig zu beiden Kulturen. Es kann auch das Gefühl aufkommen, weder zu der einen noch zu der anderen zu gehören. Hier spürt man, dass man anders ist und erkennt oft nicht das Schöne daran. Ich habe intuitiv gelernt in beiden Kulturen zu leben. Die Kultur aus Italien halte ich wach, indem ich mit meiner Familie italienisch kommuniziere oder traditionelle Feste feiere. Auch wenn ich noch nie in Italien gelebt habe, fühle ich mich dieser kleinen Pampa nahe Terracina, in der mein Großteil der Familie lebt, stark verbunden. Vielleicht liegt es an den vielen Urlauben, die wir dort verbracht haben. Aber vielleicht ist es auch einfach die Liebe zu meiner Familie und der Stolz Italienerin zu sein.

Familienportrait

Das Fazit? Ich denke bei diesem Thema ist es schwierig ein allumfassendes Resumèe abzugeben. Doch ich denke, dass von Geburt an unser soziales und kulturelles Umfeld sowohl unsere Persönlichkeit als auch Identität prägt. Unsere Familie mit ihrer Kultur beeinflusst unser Verhalten, unsere Denkweise und welche Werte und soziale Normen wir kennengelernt haben. In dieser schönen Situation, im Kontakt mit mehreren Kulturen, bauen wir unsere Persönlichkeit auf. Ohne es richtig wahrzunehmen springen wir von einer Welt in die andere. Ich sehe die doppelte Zugehörigkeit als eine Bereicherung. In zwei Kulturen aufzuwachsen hat den Vorteil, dass ich wählen kann, ob ich beide Kulturen in meinen Alltag einbinden möchte. Diese Möglichkeit in einer Welt zu haben, die sich immer mehr verändert, kann von Nutzen sein.

Es stimmt, dass Kulturen auch viele Einschränkungen mit sich bringen und Stress bedeuten können, sie gibt aber auch allen Familienmitgliedern die Chance sich zu entfalten, zu lernen und sich zu entwickeln. Das heißt im Endeffekt: Danke Mama und Papa das ihr zwei euch lieb gewonnen habt!

Autorin: Chiara Doll

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