Dachau. Die geschichtsträchtigste Stadt Deutschlands. Kann so eine Stadt auch Heimat sein? Wie war es damals zwischen all den Grausamkeiten aufzuwachsen? Mein Großvater kann erzählen.

Dachau. Der Name ist unweigerlich mit dem 2. Weltkrieg und dem Konzentrationslager verbunden. Über die grausamen Taten im KZ wird viel berichtet, aber wie war das Leben außerhalb der Mauern?

Meine Familie lebt seit vielen Generationen in Dachau und der Umgebung. Mein Großvater wuchs dort auf, wurde erwachsen und blieb. In diesem Jahr wird er 87. An viel erinnert er sich nicht mehr, meinte er, als ich ihn nach seiner Kindheit fragte, es sei schon so lange her. Und viel hätten Sie nicht getan, es gab wenig. Wenig zu essen. Wenige Spielsachen. Wenig Geld. Diese Epoche war geprägt von Einfallsreichtum, auf welchen man im Laufe des Artikels immer wieder stößt.

 

Lebensmittel

„Do om ham Kzler Teeblätter aufm Bodn getrocknet“

Seinen Sohn aufwachsen sehen, hat mein Urgroßvater nicht. Der 2. Weltkrieg tobte, ab Februar 1940 wurde er eingezogen. Die Mutter musste die drei Kinder alleine großziehen und den Haushalt stemmen. Ihr Essen bekamen sie auf verschiedenste Weise, wenn das Geld reichte, konnten sie zu einem Tante-Emma-Laden um die Ecke gehen. Doch das war die Ausnahme, die Menschen mussten erfinderisch werden. Es gab mehrere Arten, um an Essen zu kommen, entweder sind sie zu den Landwirten ins Hinterland geradelt, um Betteln zu gehen. Das nannten Sie „hamstern“, sie bekamen von dem Bauern oder Müllern ein bisschen Gemüse oder Mehl. Zur Kartoffelzeit sind sie „klaubn“ gegangen, das Wort heißt auf Hochdeutsch „auflesen“. Sie warteten, bis der Bauer sein Feld abgeerntet hat und sind noch einmal darüber gelaufen, um die aussortierten Kartoffeln mitzunehmen. Ferner suchten sie im Wald nach Pilzen oder Beeren.

Nach dem Krieg bekamen sie dann Ihr Essen über sogenannte Essensmarken. Mit diesen Marken war die Menge der Lebensmittel streng rationiert. Die Regierung legte fest, wie viel jemand bekam. Ein Mann, der zum Beispiel körperlich hart arbeitete, erhielt mehr als ein Kind. Die Hausfrauen mussten zu dieser Zeit kreativ sein, um die Familie satt zu bekommen. Brot und Fleisch waren die günstigsten Lebensmittel. Bei der Freibank erwarben die Frauen das Meiste an Fleisch. Dort wurde minderwertiges Fleisch verkauft, das nicht mehr für den freien Verkauf tauglich war. Für diese Waren brauchte man außerdem keine Lebensmittelkarten.

 

Freizeitaktivitäten

Mia hom ja nix kabd an Boi und sowas hosd du ja ned kabt.“

Wie ich in der Einleitung angedeutet habe, hatten die Kinder zu dieser Zeit nicht viel. Doch mein Opa konnte sich noch daran erinnern, wie sie in ihrer späten Jugend oft Federball oder Fußball auf der Straße spielten. Damals gab es auch Sportvereine, die zum Beispiel Leichtathletik, Turnen oder Boxen anboten. Dies war allerdings teuer, sodass sich viele Familien eine Mitgliedschaft nicht leisten konnten. Als Elektrogeselle trat mein Großvater endlich einem Verein bei. Einmal in der Woche trafen sich die jungen Männer in einem Gasthaus in der Altstadt zum Boxen. Als kleine Jungen mussten sie sich anders die Zeit vertreiben. Im Sommer waren die Kinder in der Amper schwimmen oder mit dem Fahrrad im Hinterland unterwegs. Im Winter fuhren sie in der Altstadt Schlitten oder liefen Schlittschuh auf einem der umliegenden Seen.

 

Arbeit

„Nach Oberstiem dam ma mim Karusell runter, das ist a Stück nach Pfaffenhofen.“

Später als mein Urgroßvater aus dem Krieg zurückkam, hat er in Moosach als Eisenflechter gearbeitet. Er fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, der Nahverkehr wurde größtenteils durch Bombenangriffe lahmgelegt und wäre auch zu teuer gewesen. Als Eisenflechter hat mein Großvater lange Eisenstangen zusammengebunden. Sie bilden die Schalung für den Frischbeton.

Lange war er nicht Eisenflechter, denn es kam das nächste Kapitel und das wichtigste für meine Großeltern. Denn mein Urgroßvater hat eine Schießbude gekauft. Diese war nicht neu, sondern reparaturbedürftig, dafür aber günstig. Nachdem er die Schießbude repariert und hergerichtet hatte, begann ein neues Leben für meine Urgroßeltern. Sie wurden Schausteller und fuhren mit Ihrer Schießbude von Volksfest zu Volksfest. Nach ein paar Jahren kam dann noch ein Kinderkarussell dazu. Immer wieder arbeitete mein Großvater im Schießwagen und auch Karussell. Half beim Auf- und Abbauen und reparieren. Nachdem er seine Elektrikerlehre beendet hatte und einige Zeit bei der US-Armee als Elektriker tätig war, lernte er meine Großmutter kennen und heiratete sie. Nach der Geburt ihrer Tochter hat sich mein Großvater dazu entschlossen, ebenfalls Schausteller zu werden und sich eine Imbissbude gekauft. Über 40 Jahre war er mit seinen Imbisswägen unterwegs, als er und meine Oma 2015 das letzte Mal auf dem Dachauer Volksfest standen.

Die Nachkriegszeit war für jede Familie schwer, egal wie reich oder arm. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir, die jüngeren Generationen, mehr über damals erfahren. Wir haben nun mal das Privileg, in einer Welt des Friedens aufzuwachsen. In Dachau wurde viel verdrängt, vergessen und nicht aufgearbeitet. Die Menschen stürzten mussten ihr Überleben sichern und Aufbauen, was zerstört wurde. Und sie wollten die schweren Kriegszeiten mit all den Entbehrungen und Grausamkeiten vergessen, hinter sich lassen und sich ein neues Leben aufbauen.

 

Lisa Eberl

 

Quellenverzeichnis:

Beide Fotografien stammen aus den Fotoalben der Familie Eberl.

Categories: Allgemein

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