Die Entscheidung Zeit im Ausland zu verbringen, ist immer mit Erwartungen und Wünschen verbunden. In wie weit sich diese erfüllen (oder nicht erfüllen) können, ist immer unterschiedlich. Aber hier gewähre ich dir einen Einblick aus meinen persönlichen Erfahrungen.

 


Wenn man Schüler in den Abschlussklassen fragt: „Was willst du nach deinem Abschluss machen?“ hört man immer häufiger Antworten wie: „Egal, erstmals weg!“ oder „Ins Ausland und ein Jahr Pause machen.“ Dabei wird auch häufig der Begriff Au Pair genannt.

Ein Au Pair ist eine Person, die für einen bestimmten Zeitraum in eine andere Familie geht, dort auf die Kinder aufpasst und leichte Aufgaben im Haushalt übernimmt. Dafür hat diese Person dort ein eigenes Zimmer, Verpflegung und bekommt auch Taschengeld.

Das klingt zunächst doch alles ziemlich gut und vor allem sehr praktisch.

Wenn man sich dann aber auf YouTube oder ähnlichen Plattformen Erfahrungsberichte anschaut, sind die meisten sehr negativ oder übermäßig positiv. Man hört Horrorstorys darüber, wie junge Menschen mit guten Absichten schamlos ausgenutzt werden und begegnet ständig dem ach so kreativen Wortspiel (Alb)traum Au Pair. Oder man hört, wie wundervoll doch alles ist und wie lieb die Familien sind. Da wird es schwierig, das ganze Programm richtig einschätzen zu können und man bekommt realitätsferne Erwartungen.

Als ich mich entschieden habe, dieses Programm machen zu wollen, hatte das viele verschiedene Gründe. Ich wollte mich in Englisch verbessern, neue Leute kennenlernen, Freunde finden, selbstständiger und selbstbewusster zu werden, eine andere Kultur kennen lernen. Aber vor allem hatte ich die Hoffnung, an der Herausforderung, allein in einem fremden Land zu sein, in dem nicht einmal meine Sprache gesprochen wird, zu wachsen. Ich habe auch gehofft, dass ich so vielleicht ein wenig enger mit meiner Familie zusammen wachse und mehr wertschätze, was ich zu Hause habe.

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Dann hatte ich natürlich auch Erwartungen an die Familie, in die ich kommen würde. Ich habe gehofft, dass es eine nette Familie mit ebenso netten Kindern ist. Dass ich viel mit den Kindern unternehmen kann und wir viel Spaß zusammen haben werden. Davon, dass ich einiges im Haushalt zutun haben werde, bin ich auch ausgegangen. Wäsche waschen, für die Kinder kochen und das Haus einigermaßen sauber halten, gehören schließlich zu den typischen Aufgaben eines Au Pairs.

Aber es ist nun mal so, dass sich nicht immer alle Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche auch erfüllen. Egal wie toll die Voraussetzungen, die man mitbringt, sein mögen, man kann immer Pech haben. Aber genauso kann man auch Glück haben.

Meine persönliche Erfahrung war irgendwo dazwischen. Es ist nicht alles so gekommen wie ich es mir zuvor ausgemalt hatte, aber das ist nicht immer unbedingt auch etwas Schlechtes.

In Januar 2020 bin ich nach Irland geflogen, mit all diesen Wünschen und Erwartungen im Gepäck, von denen sich manche mehr und manche weniger erfüllen würde.

Meine Hoffnung, dass die Familie nett sein würde, ging im Großen und Ganzen auf. Die Eltern sind selbstständig und hatten deshalb immer viel zu tun. Was bedeutet, ich hatte auch viel zu tun. Wäsche machen, Staubsaugen, den Boden wischen, Spülmaschine aus und einräumen, kochen, nachmittags dafür sorgen das die Mädchen ihre Hausaufgaben erledigen, am Abend dann noch Abendessen für die Kinder machen und die Kleidung für den nächsten Tag raus legen.

Dass kurz darauf das Corona Virus ausgebrochen ist, hat nicht gerade dafür gesorgt, dass es weniger geworden ist. Plötzlich waren die vier Kinder nicht nur nachmittags zu Hause, sondern den ganzen Tag und das jeden Tag. Nebenher sollte ich noch den Haushalt machen und versuchen, dass die beiden großen Mädchen sich um ihre Schulsachen kümmern. Es lief also alles ein bisschen anders als geplant

Freunde habe ich keine gefunden, aber ich glaube, dies gestaltet sich grundsätzlich schwierig, wenn man mitten auf dem Land ist. Ich habe zwar versucht, über Facebook Gruppen jemanden kennenzulernen. Dieses Vorhaben hat sich aber als nicht sonderlich erfolgreich herausgestellt. Dass ich selbstständiger geworden bin, kann ich nicht so ganz bestätigen – vielleicht ein bisschen. Eine andere Kultur habe ich kennengelernt. Allerdings sind sich die irische und die deutsche Kultur wohl in den meisten Punkten doch recht ähnlich. Aber ein paar Unterschiede gibt es natürlich dennoch (z.B. trinken sie sehr viel Tee). Wirklich enger zusammengewachsen mit meiner Familie bin ich nicht, außer vielleicht mit meiner Schwester. Dadurch, dass ich tagsüber immer viel zu tun hatte, war mir in meiner freien Zeit mehr nach Erholung und Netflix als nach einem Gespräch mit meinen Großeltern.

Selbst gebackener Zitronenkuchen, bei dem ich ganz viel Hilfe bekommen habe.

Mein Englisch hat sich aber durchaus verbessert, jedoch ist da immer noch gut Luft nach oben. Ich würde schon sagen, dass ich mittlerweile selbstbewusster geworden bin. Allerdings glaube ich, dass das vor allem damit zusammenhängt, dass ich durch meinen Aufenthalt in Irland angefangen habe, Sport zu betreiben. Auch die Befürchtung, dass ich einiges im Haushalt zu tun haben werde, hat sich eindeutig erfüllt und mit den Kindern konnte ich dann auch einiges erleben. Zugegeben, nicht auf die Art wie ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte, aber wie haben unter anderem jede Woche zusammen Kuchen gebacken.

Ob ich daran gewachsen bin, kann ich jetzt nicht direkt beantworten. Irgendwo bestimmt, aber so speziell könnte ich jetzt nichts benennen.

Mein Fazit ist, wenn man das Au Pair Programm für sich wahrnehmen will, sollte man sich nicht davon beeinflussen lassen, was man alles an fürchterlichen oder perfekten Erlebnissen in den sozialen Medien so hört. Mein Erlebnis war irgendwo dazwischen und ich denke, genau da wird es auch bei den meisten liegen. Wir hören nur von den Extremfällen. Bei mir war es auch nicht perfekt, aber ich bin wirklich froh, dass ich diese Entscheidung für mich getroffen habe, denn wenn nicht, würde ich das mit Sicherheit irgendwann sehr bereuen.

Also wenn du jetzt auch auf in die Ferne willst, erwarte nicht zu viel. So eine Reise wird keine Wunder vollbringen. Lass dich lieber einfach darauf ein.

 

P.S. Im Notfall kannst du immer noch ein Rückflugticket kaufen und alles abbrechen.

von G.H.

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